Streit im Malteserorden: Ein Kampf um Rom

Machtkampf: Offiziell geht es um einen Kondom-Skandal, im Hintergrund läuft ein Aufstand erzkonservativer Kardinäle gegen Papst Franziskus

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28. Jänner 2017, 20:09

Der Streit hat alle Zutaten für einen Dan-Brown-Thriller: Intrigen, Rache, eine Fehde unter Rittern, einen Machtkampf zwischen zwei der ältesten Organisationen der Welt – und Kondome.

Anfang Dezember 2016 schasste der Chef des Malteserordens seinen Außenminister, seither wurde auf den Hügeln Roms zwischen dem Amtssitz der Malteser auf dem Collis Aventinus und dem Heiligen Stuhl auf dem Collis Vaticanus diplomatisch scharf geschossen.

foto: ap/borgia
Im Visier: Das "Heilige Schlüsselloch" am Portal der Villa del Priorato di Malta, des Sitzes der Malteser auf dem Aventin, ermöglicht durch einen Laubengang des Gartens einen direkten Blick auf die Kuppel des Petersdoms.

Den vorläufigen Schlusspunkt unter den Konflikt zwischen den beiden nichtstaatlichen Völkerrechtssubjekten setzte am Dienstag der Papst mit der Rücktrittsaufforderung an den Großmeister der Malteser, Fra' Matthew Festing. Dieser erklärte daraufhin seine Demission. Der Vatikan kündigte an, einen Gesandten als persönlichen Aufpasser an der Spitze des Ritterordens zu installieren. Dieser soll die Geschäfte führen, bis sich die Wogen geglättet haben und der Große Staatsrat, das Parlament der Malteser, einen neuen Großmeister gewählt hat. Damit ist ein wochenlanger erbitterter Machtkampf vorerst beendet.

Gefeuerter Großkanzler

Am 8. Dezember hatte Großmeister Fra' Matthew Festing, der oberste Chef des mittelalterlichen Ritterordens, der mit vollem Namen "Souveräner Ritter- und Hospitalorden vom heiligen Johannes von Jerusalem von Rhodos und von Malta" heißt, in einer knappen Mitteilung bekanntgegeben, dass das Mandat des Großkanzlers Albrecht von Boeselager beendet sei.

foto: ap/tarantino
Gefeuert: Albrecht Freiherr von Boeselager, Großkanzler des Malteserordens.

Einige Tage später schob Festing eine Erklärung nach: Am 6. Dezember sei eine "extrem ernste und unhaltbare Situation" betreffend Boeselager aufgetreten, und der Großmeister habe in einer gemeinsamen Besprechung mit dem Großkomtur Ludwig Hoffmann-Rumerstein und dem päpstlichen Vertreter, Kardinalspatron Raymond Leo Burke, den Großkanzler zum Rücktritt aufgefordert. Das habe dieser trotz seines Gehorsamsgelübdes als Obödienzritter verweigert, weshalb er ein Disziplinarverfahren eingleitet habe, um Boeselagers Mitgliedschaft im Orden aufzuheben.

"Missachtung"

Festing fuhr fort, dass es für jedes Mitglied des Ordens letztklassig sei, einen Befehl des Großmeisters zu missachten. Wenn dies aber ein Mitglied mache, das den Gehorsamseid geleistet habe, zeige dies eine "Missachtung der Spiritualität und Gesetze des Ordens und gegenüber seinem religiösen Oberen und Oberhaupt und dem Vertreter des Papstes beim Orden, der den Großmeister in seiner Entscheidung unterstützte". Mitglieder des Ordens, die öffentlich protestiert hatten, würden damit ähnliche Respektlosigkeit gegenüber dem Großmeister zeigen.

Kondome verteilt

Die Gründe für die Absetzung des Großkanzlers lägen in Problemen, die aus seiner Amtszeit als Großhospitalier des Ordens stammten und in einem internen Bericht im Vorjahr aufgedeckt wurden, erklärte Festing weiter. Die Funktion als Großhospitalier bekleidete der 67-jährige Boeselager von 1989 bis 2014, sie entspricht sozusagen dem Gesundheitsminister des Ordens. Boeselager war damals für die Kontrolle der weltweiten karitativen, medizinischen und humanitären Aktionen der Malteser zuständig.

In dem Bericht soll aufgedeckt worden sein, dass durch Organisationen des Ordens in Myanmar Kondome verteilt worden waren. Dies wäre ein Verstoß gegen die Lehre der katholischen Kirche: "Ebenso ist jede Handlung verwerflich, die entweder in Voraussicht oder während des Vollzugs des ehelichen Aktes oder im Anschluss an ihn beim Ablauf seiner natürlichen Auswirkungen darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern, sei es als Ziel, sei es als Mittel zum Ziel", lautet der diesbezügliche Gummiparagraf in der Enzyklika "Humanae Vitae" von Papst Paul VI. aus dem Jahr 1968.

foto: ap/borgia

"Autoritäres Regime"

Festing ernannte den gleichaltrigen Fra’ John Edward Critien zum Nachfolger Boeselagers, Critien stammt tatsächlich aus Malta. Boeselager hingegen verweigerte die Anerkennung seines Rauswurfs. In einer Stellungnahme kündigte er an, er werde sich an das Ordensgericht wenden. Seine Entlassung verletze die Verfassung des Ordens, die Amtsenthebung eines Mitglieds des Souveränen Rates müsse in einem eigenen Verfahren durchgeführt werden und könne "vom Großmeister nicht unter Berufung auf den Gehorsam umgangen werden", sonst "wären der Willkür Tür und Tor geöffnet". Festing habe darüber hinaus behauptet, dass der Heilige Stuhl den Rücktritt gefordert habe. Dieser habe jedoch schriftlich bestätigt, dass eine solche Forderung nicht erhoben wurde. Der Großmeister habe allen Kritikern nahegelegt, aus dem Orden auszutreten. Angedrohte Disziplinarmaßnahmen erinnerten Boeselager "mehr an ein autoritäres Regime als an religiösen Gehorsam".

foto: apa/afp/bouys
Widersacher: Matthew Festing, 79. Großmeister des Malteserordens, und Jorge Mario Bergoglio, als Franziskus 266. Papst der römisch-katholischen Kirche.

Der Papst setzte noch vor Weihnachten eine Untersuchungskommission ein, die die Vorgänge hinter der Absetzung Boeselagers klären sollte. Festing reagierte umgehend: Der Austausch des Großkanzlers sei eine innere Angelegenheit des Souveränen Ordens, die Einsetzung der Untersuchungskommission das Ergebnis eines Missverständnisses und inakzeptabel, ließ er den Vatikan wissen. Im Jänner setzte der Großmeister noch einen drauf: Der Orden habe entschieden, aufgrund der rechtlichen Irrelevanz nicht mit der päpstlichen Kommission zusammenzuarbeiten – ein außergewöhnlicher Affront gegen Franziskus. Die öffentliche Verweigerung des Gehorsams gegenüber dem Papst ist umso pikanter, als das gleiche Verhalten als Begründung des Rauswurfs Boeselagers diente.

Damit hatte Festing den Bogen jedenfalls endgültig überspannt: Als Reaktion forderte der Vatikan unmissverständlich, dass die Malteser mit den Mitgliedern der päpstlichen Untersuchungskommission zu kooperieren hätten, und verbat sich "jeden Versuch, die Mitglieder der Gruppe und ihre Arbeit zu diskreditieren".

Nach Festings Rücktritt, über den der Souveräne Rat am Samstag entscheidet, muss statutengemäß der Großkomtur als Nummer zwei des Ordens die Führung ad interim übernehmen, das Amt hat der Österreicher Ludwig Hoffmann-Rumerstein inne. Boeselager könnte bei dem Treffen sein Amt offiziell zurückerhalten.

Dass der Papst die Malteser nun unter Kuratel stellt, erinnert an das Vorgehen Papst Johannes Pauls II. gegen den Jesuitenorden. Im Jahr 1983 setzte er einen Gesandten ein, der verhindern sollte, dass sich die Jesuiten zu sehr im linken politischen Spektrum positionierten. Unter Benedikt XVI. wurden wiederum die "Legionäre Christi" nach einer Reihe von Missbrauchsskandalen unter Aufsicht gestellt.

Kulturkampf

Zu den Hintergründen seiner Entlassung meinte der gestürzte Großkanzler Boeselager, drei Hilfsprogramme in Myanmar hätten ohne Wissen der Zentrale von Malteser International Kondome zur Aids-Prävention verteilt. Zwei Programme seien umgehend eingestellt worden, das dritte nach einer Prüfung durch eine Ethikkommission. Dass Boeselager von den Projekten eigentlich gewusst haben müsste, geht aus einem Konvolut an Dokumenten, unter anderem von UNAIDS und der WHO, hervor, die eine radikale Pro-Life-Organisation zusammengestellt hat.

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Kardinal Raymond Leo Burke, Strippenzieher.

Dass sich der Konflikt tatsächlich an sündhaften Verhütungsmitteln entzündet haben soll, glaubt aber ohnedies kaum jemand. Boeselagers Unterstützer sehen eine Art Kulturkampf erzkonservativer Kritiker des päpstlichen Kurses. Tatsächlich hatte der päpstliche Botschafter beim Malteserorden, Kardinalspatron Burke, gemeinsam mit drei anderen Kardinälen das päpstliche Schreiben "Amoris Laetitia" scharf kritisiert.

Ultimatum

Zunächst wurden im September in einem internen Papier an den Präfekten der Glaubenskongregation Kardinal Gerhard Ludwig Müller fünf "Dubia" (Zweifel) an den neuen Leitlinien für den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, Homosexuellen und der Sexualmoral der Kirche angemeldet. Nachdem eine Reaktion des Papstes ausblieb, wurden die Dubia publik gemacht. Parallel zu den Querelen mit den Maltesern stellte Burke dem Papst ein Ultimatum: Wenn dieser nicht auf die "Zweifel" der Kardinäle reagieren würde, würde eine "formale Korrektur" nötig werden. Müller hingegen stellt klar, dass eine Korrektur des Papstes nicht zur Debatte stehe, denn der Glauben sei nicht in Gefahr. Er warnte, dass die öffentliche Debatte der Kirche schade.

Der erzkonservative US-Kardinal Burke wurde im November 2014 vom Papst auf den Botschafterposten bei den Maltesern abgeschoben. Franziskus' Vorgänger Benedikt XVI. hatte Burke 2008 zum Präfekten der Apostolischen Signatur und damit zum Präsidenten des Obersten Gerichtshofes des Vatikanstaates ernannt. Der neue Papst warf Burke im Dezember 2013 aus den Kongregationen für die Bischöfe und für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, im Jahr darauf wurde er auch als Präfekt der Apostolischen Signatur abgelöst und stattdessen zum wenig einflussreichen Kardinalspatron für die Malteser ernannt.

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Malteserritter bei einer Prozession anlässlich der Feiern zum 900-Jahr-Jubiläum der Anerkennung des Ordens durch den Papst.

Zwischen den Fronten der Macht

Der Souveräne Malteserorden blickt auf eine fast tausendjährige Geschichte zurück, in der Ritter immer wieder zwischen die Fronten verschiedener Machtinteressen gerieten. Die Organisation wurde 1048 in Jerusalem gegründet und ging aus einem Johannes dem Täufer geweihten Spital hervor. 1113 wurde der Orden vom Papst anerkannt. Infolge der Kreuzzüge erweiterte sich die Aufgabe des Ordens von der Hilfe für Kranke auf den Schutz der Pilger und die Beteiligung an den Kampfhandlungen. Im 12. Jahrhundert residierten die Ritter in der Burg Belvoir im heutigen Israel und in Krak des Chevaliers in Syrien. 1291 wurden die Ritter aus Palästina vertrieben, später aus Zypern und Rhodos. 1530 wurde der Sitz des Ordens nach Malta verlegt. Für einige Zeit entwickelten sich wenig noble, aber ertragreiche Geschäftsfelder zu den Haupteinnahmequellen der Ritter: Kaperfahrten gegen muslimische Handelsschiffe und Sklavenhandel.

foto: reuters/sanadiki
Die Festung Krak des Chevaliers in der syrischen Provinz Homs ist eine der beeindruckendsten Hinterlassenschaften des Ritterordens im Nahen Osten.

Napoleon Bonaparte machte der Herrschaft auf Malta schließlich 1798 auf seinem Weg nach Ägypten ein Ende. Im Zuge der Französischen Revolution hatte der Orden schon große Teile seines Besitzes eingebüßt, nun übernahm der Korse den Inselstaat nahezu kampflos. Viele der Ritter waren französischer Herkunft, hätten also auf ihre eigenen Landsleute schießen müssen. Den Schatz der Malteser ließ Napoleon auf sein Flaggschiff L'Orient verladen. Als die L'Orient wenige Wochen später in der Seeschlacht bei Abukir vor der ägyptischen Küste explodierte, nahm sie die Reichtümer der Malteser mit auf den Meeresgrund.

Die Ritter zerstreuten sich über Europa, ein Teil zwang den Großmeister Ferdinand von Hompesch zum Abdanken, indem sie den russischen Zaren Paul I. zum neuen Ordenschef wählten – ausgerechnet ein verheirateter, orthodoxer Mann war nun Großmeister des katholischen Ordens. Nach mehreren Zwischenstationen fanden die Malteser letztlich 1834 in Rom ihre neue Heimat.

foto: apa/dpa/roland
Die Organisation Malteser International koordiniert die weltweiten Hilfsprojekte des Ordens.

Auch heute noch gilt der Orden als ein souveränes, nichtstaatliches Völkerrechtssubjekt. Der Orden verfügt über eine eigene Gerichtsbarkeit, unterhält diplomatische Beziehungen zu zahlreichen Staaten, verfügt über eigene Autokennzeichen, druckt Briefmarken und prägt Münzen in der eigenen Währung, dem Soldo. Die Malteser haben heute rund 13.500 Mitglieder. Diese sind keine Kleriker, legen jedoch zum Teil die Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams ab. Der Orden ist mit der Organisation Malteser International weltweit aktiv und hauptsächlich mit karitativen und humanitären Projekten befasst.

foto: ap/bauer
Philipp von Boeselager mit seiner Frau bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der Nazidiktatur in Plötzensee am 20.7.2004, dem 60. Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler.

Alter Adel und Widerstand

Albrecht von Boeselager ist ein deutscher Privatwaldbesitzer und Jurist. Seine Ehefrau Praxedis ist die Schwester des Dirigenten Enoch zu Guttenberg und die Tante des ehemaligen deutschen Wirtschafts- und Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg. Boeselagers Vater Philipp von Boeselager starb im Jahr 2008, er war einer der letzten Überlebenden der Widerstandsgruppe, die am 20. Juli 1944 das Attentat auf Adolf Hitler in der Wolfsschanze durchführte. Gemeinsam mit seinem Bruder Georg wollte Philipp von Boeselager den deutschen Diktator bereits am 13. März 1943 erschießen, doch auch diese Pläne scheiterten.

Matthew Festing stammt aus einer alten britischen Offiziersfamilie. Auch er hat eine Art Widerständler in seiner Ahnenliste: Zu seinen Vorfahren gehört unter anderem auch der Malteserritter Adrian Fortescue, ein Cousin des Vaters von Anne Boleyn, der zweiten Frau des englischen Königs Heinrich VIII. Fortescue verweigerte die Anerkennung der Suprematsakte, was ihn letztlich im Jahr 1539 seinen Kopf kostete, 1895 jedoch die Seligsprechung einbrachte. (Michael Vosatka, 28.1.2017)

Update: Am 28.1.2017 wurde bekannt, dass der Malteserorden die Amtsenthebung Albrecht von Boeselagers rückgängig machte. Das Disziplinarverfahren gegen den Deutschen werde eingestellt, er werde sein Amt sofort wieder aufnehmen, teilte der katholische Orden am Samstag in Rom mit. (APA)