Schöne Trinkersitte: Der Jänner bleibt trocken

Kolumne13. Jänner 2017, 13:59
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Und im Feber holen wir alles nach

Dry January nennen die Briten den Brauch, im ersten Monat des Jahres auf Ale, Gin und Whisky zu verzichten. Der Idee dahinter ist einleuchtend: Im dunklen Advent und erst recht an Silvester ist die Leber endlos alkoholisch geölt worden; nun kriegt der dicke rote Lappen unter dem rechten Rippenbogen zur Belohnung seinen Erholungsurlaub. Wenn man die Abstinenz bis zum 31. durchhält, versteht sich.

Die Geister seriöser Zechbrüder scheiden sich an der Frage nach der Karenzdauer, welche nötig ist, um Leber und Co wieder in den präalkoholischen Status quo ante zu versetzen. Toby Young, Chefredakteur des britischen Spectator, der gerne einmal einen hebt, musste sich von einem Arztfreund sagen lassen, dass sich unter einem Jahr Abstinenz wenig Nennenswertes abspiele ("Your liver only really regenerates after twelve months").

Fast eine Wunderheilung!

Dem steht ein Selbstversuch von 14 New Scientist-Redakteuren entgegen, die nach einem kollektiv durchlittenen Dry January im Schnitt 15 Prozent weniger Fett in ihren Lebern und 16 Prozent weniger Glucose im Blut hatten. Fast eine Wunderheilung! Aber welche Genesungsdauer auch immer: Dry January und ähnliche Fastenbräuche weisen jedenfalls auf eine entwickelte Trinkkultur hin, welche man nicht überall vorfindet.

In manchen hardcoreislamischen Ländern herrscht offiziell nicht nur Dry January, sondern darüber hinaus Dry February und Dry March bis zum Dry December. Anders als in der Wiener U-Bahn sieht man das öffentliche Nuckeln am 16er-Blech in Saudi-Arabien selten, und wenn man dabei von einem Talib betreten wird, sollte man nicht erwarten, dass er einem zuprostet.

Nüchterne Frömmigkeit

Der Krisenkolumnist freilich findet: Abstinenz im Übermaß ist auch keine Lösung. Schließlich kann man nicht nur durch Alkohol deppert werden, sondern auch, wie das Beispiel des "Islamischen Staats" beweist, durch forciert nüchterne Frömmigkeit (oder das, was man dafür hält). Leuten, die lieber Ungläubige köpfen als eine Flasche Dom Pérignon, sollte man misstrauen.

Eine gute Wiedereingliederungsmaßnahme für rückreisende Syrien-Kämpfer wäre es, wenn Frontex sie gleich an der Grenze zum Verzehr von fünf bis zehn Alkopops zwänge, damit sie sich wieder an europäische Trinksitten anpassen. Auf diesen Vorschlag würde ich gerne mit Ihnen anstoßen. Allerdings nicht jetzt, erst im Februar. (Christoph Winder, 13.1.2017)

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