Anna Kim: Fluchtlöcher durch Himmel und Hölle

16. Jänner 2017, 07:00
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Die Schriftstellerin schildert in ihrem neuen Roman "Die große Heimkehr" die Ausreise dreier Freunde aus Seoul nach Osaka vor dem Hintergrund des Stellvertreterkriegs zwischen Nord- und Südkorea

Anders als das dramaturgische Konzept eines Romans sei der Plot von Geschichtsschreibung bloß ein aus dem Stegreif gespieltes Theaterstück, schrieb der britische Historiker R. G. Collingwood. Geschichte – nur eine Auswahl von zufälligen Vorfällen, die als bedeutsam betrachtet wurden. Bis heute mühen sich Historiker und Historikerinnen um die Frage, ob und wie Historiografie die Bezeichnung Geschichtswissenschaft verdient, verstrickt in ihren hermeneutischen Fängen oder dem Gegenteil, bloßer Chronik; fokussiert auf die Abstraktion des Universalen; das Partikulare, zumal die Sichtbarkeit individuellen Erfahrungswissens zu singulären Stellvertretergeschichten notgedrungen reduzierend. Notgedrungen: weil es nicht die Aufgabe von Geschichtsschreibung ist, nachzuempfinden, sondern zu verstehen. Aber was ist schon Verstehen.

Anna Kim zeigt in ihrem Roman Die große Heimkehr, um das Konstrukt Geschichte ganzheitlich zu erfassen, sind universale Zusammenhänge ohne die Vermittlung von Freude, Leid und Schicksal nicht nachvollziehbar, und will Geschichte sich nicht in einer Pose wiegen, die nur auf dem Zurechtrücken dessen beruht, was Klassen, Parteien oder Nation am nächsten war. Mit nuanciertem Blick auf das Ganze porträtiert sie drei schicksalhaft aneinander gekettete südkoreanische Freunde: Eve Lewis, Yunho Kang, Freund des Sohns jenes Hausbesitzers, für den sein Vater in einer südkoranischen Provinz arbeitete, und eben dieser Freund namens Mino Kim, genannt Johnny, der eher aus Dummheit denn aus politischem Willen in die Fänge der nationalen paramilitärischen Nord-West-Jugend Südkoreas gerät. Diese Liga agitierte für die Wiederwahl des Machthabers Syngman Rhee und somit für die Wiedervereinigung des seit Ende des Zweiten Weltkriegs gespaltenen Koreas. Gespalten (bis heute): proamerikanisch der Süden, pro Kommunismus nach den Vorbildern UdSSR und China der Norden. Die Nord-West-Jugend kollaborierte mit der vom Innenministerium bestochenen Polizei, war wegen ihrer Radikalität ebenso wie auch der Präsident selbst aber im Visier der amerikanischen Besatzermächte. Johnny ist in etwas hineingeraten, was er nie wollte.

Er kommt in Bedrängnis, als seine Freundschaft zu Yunho im militanten Umfeld bekannt wird – dessen älterer, verschollener Bruder Yunsu ist kommunistischer Partisan, Yunho und sein amikaler Kollegenkreis sind linksdemokratisch gesinnt; von Johnny wird daher befürchtet, von dieser Seite manipuliert oder zum Verräter zu werden. Zudem taucht ein Freund von Yunsu auf, von dem Eve glaubt, er wollte Yunho als Spion anwerben, was alles nur komplizierter macht. Erst recht, als die kommunistisch assoziierte oppositionelle Bewegung die Bevölkerung zum Wahlboykott aufruft. Anna Kim schildert hier die April-Revolution von 1960. Sie führte nach Intervention der amerikanischen Botschaft zum Rücktritt Rhees. Dass es dazu rasch kommen wird, ahnen die Freunde nicht.

Ein packender politischer Krimi

Nachdem Johnny und der noch unfreiwilliger in die missliche Lage geratene Yunho nach Androhung von Gewalt Wahlmanipulation im rigorosen Stil pro Rhee begehen müssen, kommt es zu einem Mord an einem Verbindungsmann der Nord-West-Jugend durch Johnny. Es entfaltet sich ein packender politischer Krimi, der die beiden samt Eve nach Japan flüchten lässt und der seine Auflösung retrospektiv in der Entwicklung jener amikalen und höllischen Liebesbeziehungen findet, die beide, Yunho wie Johnny, zum Phänomen Eve unterhalten. Die bis auf ihren Namen amerikanisierte Südkoreanerin ist ein Mensch wie ein Phantom, so viel sei hier verraten, und auch, dass Yunho sich eines Tages fragt, ob sie Gefühle haben kann oder nur den Instinkt zu überleben hat. Verraten sei auch, dass Johnny und er als Kinder auf dem Lande sich frei vom Glauben an Gespenster wähnten, während die anderen Dorfkinder Angst vor angeblich aus den Gerstenfeldern auftauchenden Geistern umtrieb – assoziiert wurden sie mit Leprakranken. Ein Sinnbild, denn Yunho wird Jahre später, in seine Heimat Südkorea zurückgekehrt, eine soziale Einrichtung für Leprakranke mit aufbauen.

Die Auflösung der Geschichte – sie rankt um das Schicksal und die wahren Identitäten von Johnny und Eve? – erzählt der alte Yunho nicht von selbst. Die junge Deutschkoreanerin, Frau der dritten Generation, interpretiert nicht (und die in Südkorea geborene Autorin Anna Kim mit ihr zu assoziieren drängt sich auf).

Sie kennt die Geschichte Koreas vorerst nur aus der schriftlichen Überlieferung. Sie kann sich von den Verflochtenheiten nur ein historiografisches Bild machen oder, ab sofort, auf die mündliche Überlieferung rekurrieren und fingieren. Sie wählt den Modus des Fragens. Wer waren Johnny und Eve und was wurde aus ihnen, nachdem aus Yunhos Erzählung deutlich wurde, wie kaum er selbst sich ein entwirrendes Bild hatte machen können. Es war eine Zeit, in der jeder jedem misstraute, auch den nächsten in der Familie und unter Freunden. Eine Zeit, in der man seine eigentliche Gewinnung aus Angst verriet oder nicht einmal wusste, was hinter ihr steckte, geblendet von politischer Propaganda. Jeder verdächtigte irgendjemanden andauernd der Spionage, an allen Ecken drohten Hinterhalt, Armut, Bestrafung, Manipulation, Gehirnwäsche, Menschenhandel, Folter und Tod. Kim schildert die Verhältnisse in der Provinz Nonsan, in Seoul und in Ikaino, dem koreanischen Viertel von Osaka, wo, im Gegensatz zu Nonsan, die nordkoreanische Liga die Mehrheit unter den Zainichi, der koreanischen Minderheit Japans, hatte. Ihre Schilderungen sind detailliert, aber nicht zu nah; unter die Haut gehend, aber mit Distanz, auch an individuellen Schicksalen von Menschen im Umfeld der drei Protagonisten. Zum Beispiel die Geschichte von dem jungen Mann, der sich mit einer Amerikanerin verlobt, worauf ihn seine Eltern für verrückt erklären und eine Lobotomie vornehmen lassen. Oder die Erfahrungen einer aufsässigen Ehefrau, die es schafft, ohne Rücksicht auf ihren Mann nach Europa zu gehen. "Auch wenn der Himmel einstürzt, es gibt ein Loch, durch das man entkommt", hatte der alte Kim zu Yunho gesagt.

Anna Kim erzählt auch von Verschleppung und Zwangsarbeit, vom Beginn der geschlechtlichen Gleichberechtigung und von einer Schuldirektorin, die in Osaka Propagandaprospekte der Demokratischen Volksrepublik (Nordkorea) wie die Bibel liest und ihre Oberschülerinnen zur Ausreise nach Pjöngjang mobilisiert. Die organisierte Heimholung hoffnungsvoller junger Arbeitskräfte lief als das Projekt der "großen Heimkehr", nachdem Nordkorea 1954 verkündet hatte, die Zainichi seien Staatsbürger der Demokratischen Volksrepublik. Als in Nordkorea die Familienregister abgeschafft werden und es zur Umverteilung von Gütern kommt, sagt die Schuldirektorin zu Yunho: "Sie sind frei, Herr Kang. Ihr Wert wird nicht länger von Ihrer Familie kontaminiert. Von nun an bestimmen Sie Ihre Geschichte, Ihr Schicksal."

Am Ende bleibt Yunhos Erkenntnis, dass die Menschen ihre Leben aber auch dann mit dem Register formen, wenn sie gegen die Vergangenheit rebellieren. Aus den Konstruktionen kommen wir nicht heraus. Was nicht heißen muss, sich mit Scharfsinn nicht hindurchschlängeln zu können. Der Roman Die große Heimkehr ist hochspannende Chronik und täuschend echte Fiktion. Anna Kim nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Dabei repräsentiert sie sich höchst diplomatisch. (Marietta Bönning, Album, 14.1.2017)

  • Die Schriftstellerin Anna Kim kennt die Geschichte Koreas – wie ihre Romanprotagonistin – vorerst nur aus der  schriftlichen Überlieferung.
    foto: picturedesk.com

    Die Schriftstellerin Anna Kim kennt die Geschichte Koreas – wie ihre Romanprotagonistin – vorerst nur aus der schriftlichen Überlieferung.

  • Anna KimDie große HeimkehrRomanSuhrkamp-Verlag 2016555 Seiten, 24,70 Euro
    cover: suhrkamp

    Anna Kim
    Die große Heimkehr

    Roman
    Suhrkamp-Verlag 2016
    555 Seiten, 24,70 Euro

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