Hotelier-Chefin: "Jobs im Tourismus sind krisenresistent"

Interview16. Jänner 2017, 14:00
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Nirgends sei so schnell Karriere zu machen wie in der Hotellerie, sagt Michaela Reitterer

STANDARD: Der Wirtschaftsminister jubelt über "neue Rekorde" in der Wintersaison, sogar die sogenannte Nebensaison im November brachte mit 4,6 Millionen Nächtigungen einen neuen Höchstwert. Jubeln Sie auch?

Reitterer: Ja, die Nächtigungen steigen, die Entwicklung zu Ganzjahresbetrieben geht gut voran. Allerdings bleibt uns immer weniger übrig. Dabei sind wir die zweitwichtigste Branche, tragen über 13 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und haben die meisten Arbeitsplätze geschaffen. Mit Abwanderung können wir natürlich nicht drohen ...

STANDARD: Sie klagen über Lohnnebenkosten und Mangel an Fachkräften?

Reitterer: Die Belastungen sind gestiegen. Dass wir Spitzenplätze bei den Lohnnebenkosten einnehmen, ist ja bekannt. Uns geht es auch um die Zumutbarkeitsbestimmungen – wir haben Hoteliers auf dem Berg, die kaum an Personal kommen, weil es nicht zumutbar ist, dass mit dem Lift hinaufgefahren werden muss und dann noch ein zehnminütiger Fußweg zurückzulegen ist. Der Arbeitsmarkt ist nicht ausgerichtet nach dem Wandel, der bereits stattgefunden hat. Das passt nicht zusammen. Und da geht es nicht um Köche und Kellner, es wird unrichtig Gastronomie und Hotellerie in einen Topf geworfen, da geht es um Leute mit digitaler Expertise, um IT-Leute, um Fachkräfte mit Social-Media-Kompetenz. Das sind bei uns gefragte Profile.

STANDARD: Das Thema Köche und Kellner ist aber eines, bei dem auch der Chef des Arbeitsmarktservice, Johannes Kopf, Annäherung von beiden Seiten eingefordert hat. Von Ihrer etwa, mehr zu bieten, besser zu zahlen.

Reitterer: Ja, die Häuser, die das gut machen, haben auch weniger Probleme, dieses Personal zu finden. Aber grundsätzlich möchte ich aus diesem Schachterl heraus – die Wirklichkeit in unserer Branche ist eine andere: Nirgends kann man so schnell Karriere machen wie in der Hotellerie. Wer gerne Gastgeber ist, der kann sich so schnell hocharbeiten wie kaum woanders. Und diese Jobs sind krisenresistent, die gibt es auch in sieben Jahren noch. Das ist relevant für Junge, die viel lernen wollen, gut arbeiten wollen und eine Zukunft planen.

STANDARD: Trotz toller "Exportartikel" aus Ausbildungsstätten wie dem Modul haftet der Branche aber noch so etwas wie das Image von Saisonarbeitsbetrieben mit völlig entgrenzten Arbeitszeiten an ...

Reitterer: Das ist interessant: Wer am Sonntag ein Schnitzel essen will, auf das er nicht lange wartet und das gut schmeckt, ist am Montag derjenige, der laut darüber klagt, dass in unserer Branche die Leute am Sonntag arbeiten müssen. Dass unsere Zielgruppe für Jobs nicht zuerst die Akademiker sind, ist richtig. Aber ich sage noch einmal: Wer viel lernen und schnell aufsteigen will, der findet hier so viele Chancen. Mir scheint es manchmal wirklich so, als sei das Wort Arbeit bei uns negativ besetzt. Politik und Gewerkschaft haben sich Industrie und die Akademikerquote auf die Fahnen geheftet, allerdings sind wir längst im Dienstleistungszeitalter angekommen. Wir haben da zu lange nicht in die Zukunft, auf die Entwicklungen geschaut – zentrales Anliegen muss doch sein, dass alle Jungen Arbeitsmöglichkeit erhalten, Jobs kriegen, lernen und sich einarbeiten können. Es muss endlich Schluss sein mit dem Hinhauen auf alles Unternehmerische, auf die Lehre.

STANDARD: Vorbildlich sind die rückläufigen Zahlen der Lehrausbildungen in Ihrer Branche ja nicht gerade...

Reitterer: Kein Wunder. Vor allem in den städtischen Bereichen wird die Lehre verunglimpft als etwas, das man tun muss, wenn man sonst nichts schafft. Lehre ist etwa in Wien so etwas wie ein Auffangbecken – was ist daran attraktiv? Es gibt so viele Junge, die gerne einen Beruf erlernen möchten, die sind dann damit konfrontiert, werden quasi als Loser abgestempelt. In den Bundesländern ist das ganz anders. Das verunsichert die jungen Leute natürlich und treibt auch Eltern dazu, ihre Kinder in andere schulische Ausbildungen zu führen – manchmal mit allen Mitteln ... Wir müssen wirklich gemeinsam hergehen und die Lehre stärken. Was soll denn sonst auch die Antwort auf den so massiv bestehenden Fachkräftemangel sein? Verhindern sollte man die unternehmerischen Anstrengungen im Wandel halt auch nicht im Dienstleistungszeitalter – ein Stichwort dazu etwa die antiquierten Arbeitszeitregelungen.

STANDARD: Apropos: Wie geht es Ihnen mit der Gewerkschaft? Entlohnung und Arbeitsbedingungen, sagt die zuständige Vida, seien ja der Grund für die Malaise in Sachen Fachkräfte bei Ihnen. Sie sollten sich selbst an der Nase nehmen, besser ausbilden, mehr zahlen, besser wertschätzen...

Reitterer: Kennen Sie noch eine Branche, auf die die Gewerkschaft andauernd öffentlich hinhaut und über die sie schlecht redet? Ich nicht. Ja, es gibt natürlich auch in unserer Branche schwarze Schafe. Wo nicht? Diese verallgemeinerte Schlechtrederei ist aber definitiv falsch. Ich lade Sie gerne in mein Hotel ein, reden Sie mit den Leuten. Wenn da jemand etwa für eine Zeit ins Ausland gehen will: Ich finde das gut und helfe sogar noch, eine interessante Position zu finden. Die negativen Beispiele gibt es, es besteht dort Verbesserungsbedarf. Aber wozu immer diese Einzelfälle über eine ganze Branche ausbreiten?

STANDARD: Berufsbilder im Tourismus werden gerade überarbeitet, über neue Qualitätsstandards und Ausbildungszeiten soll im Frühjahr verhandelt werden. Was soll geschehen?

Reitterer: Vor zehn, 15 Jahren hat so etwas wie ein Boom der Tourismusschulen in Österreich eingesetzt. Es sollte ja ein Imagewandel her. Absolventinnen und Absolventen wurden auch besonders gerne von anderen Dienstleistungsbrachen geheuert – etwa großflächig von den Banken, die jetzt diese Jobs ja wieder abbauen oder abgebaut haben. Da findet sich jetzt eine Menge "Rückkehrer" in unserer Branche. Leider wurde auf die Hotelfachschulen und auf die Lehrlinge vergessen. Dahin müssen wir unseren Fokus lenken.

STANDARD: An die Pionierin der Integration Geflüchteter: Wie läuft's?

Reitterer: Es ist eine Herausforderung. Bis jetzt wollten die meisten Geflüchteten in Wien bleiben, obwohl in den Bundesländern mehr Möglichkeiten bestehen. Da bewegt sich jetzt etwas, und wir haben Rückmeldungen begeisterter Hoteliers. Es entwickelt sich recht gut. (Karin Bauer 16.1.2017)

Michaela Reitterer ist Eigentümerin des Boutiquehotels Stadthalle in Wien und Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung.

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