Deutschkurse: Für Asylwerber ein "Lotteriespiel"

13. Jänner 2017, 07:00
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SOS Mitmensch hat die Deutschkursangebote für Asylwerber erhoben. Offiziell gibt es derlei Informationen nirgends

Wien – Seit der bislang letzten Asyl- und Fremdenrechtsnovelle im Juni 2016 haben nicht nur anerkannte Flüchtlinge, sondern auch Asylwerber einen gesetzlich verbrieften Zugang zu Deutschkursen, die aus öffentlichen Mitteln finanziert werden. In einzelnen Bundesländern, etwa in Wien, ist das de facto schon länger der Fall.

Doch wie sieht es in der Praxis mit diesen Deutschkursangeboten aus? Da die Grundversorgung per Bund-Länder-Vereinbarung an die Bundesländer delegiert ist, fehlte hier bisher jeder Überblick – eine Informationslücke, die jetzt durch eine Recherche der Menschenrechtsorganisation SOS Mitmensch gefüllt wurde. Dem STANDARD liegt der Recherchebericht vor.

"Frappierende Unterschiede"

Es bestünden "frappierende Unterschiede zwischen den Bundesländern", heißt es darin. Je nach Bundesland würden zwischen 25 und 86 Prozent der Asylwerber erreicht, unterrichtet werde zwischen einer und 20 Stunden pro Woche. Während in Tirol, Wien und Salzburg "vergleichsweise gute Sprachkursangebote" existierten, stünden die Chancen für Asylwerber, die Landessprache zu erlernen, in Vorarlberg, Kärnten und dem Burgenland schlecht. Die SOS-Mitmensch-Erhebung werde man "aktuell nicht bewerten", sagte ein Sprecher aus dem Innenministerium am Donnerstag.

In Nieder- und Oberösterreich werden laut der Recherche Asylsuchende bestimmter Herkunftsgruppen von den Kursen ausgeschlossen. In Vorarlberg und dem Burgenland gebe es noch keinen Masterplan für flächendeckende Deutschlernangebote, in Kärnten bestehe nur ein Minimalplan. "Für Asylsuchende ist es ein Lotteriespiel, ob sie in einem Bundesland landen, das Deutschlernen ermöglicht, oder ob sie für Monate oder sogar Jahre zum Herumsitzen und Nichtstun verdammt sind", sagt SOS-Mitmensch-Sprecher Alexander Pollak.

Tirol am besten, Burgenland am schlechtesten

Insgesamt nehmen Tirol, Wien und Salzburg im Deutschkurs-Bundesländerranking Plätze eins, zwei und drei ein, gefolgt von der Steiermark, Oberösterreich, Niederösterreich sowie Vorarlberg, Kärnten und dem Burgenland als Schlusslichter. Im bestgereihten Bundesland Tirol, so der Bericht, würden 82,5 Prozent der Asylwerber vom Kursangebot erreicht, neben Alphabetisierungs- und Anfängerkursen gebe es auch höhere Kursniveaus – aber für jeden Teilnehmer nur drei bis vier Stunden pro Woche in Gruppen von bis zu 25 Teilnehmern

In Wien hingegen komme jeder Kursteilnehmer auf zwölf bis 15 Kursstunden pro Woche, wobei hier auch auf spezielle Bedürfnisse der Teilnehmer, etwa Kinderbetreuung, Rücksicht genommen werde. Nur: "Die Stadt Wien verfügt über keine genauen Zahlen, wie groß der Anteil der Asylsuchenden ist, die von den Kursmaßnahmen erreicht werden."

Oberösterreich: Kostenproblem

In Salzburg sei der Kursbesuch für die Asylsuchenden verpflichtend, 75 Prozent würden erreicht, aber nur von Kursen mit höchstens vier Stunden pro Woche. In der Steiermark gebe es erst seit September 2016 ein flächendeckendes Angebot mit inzwischen 60 Prozent Reichweite. Ebenfalls erst seit Herbst 2019 gebe es in Oberösterreich Kurse, wobei die Kosten von 22,58 Euro pro Modul ein Problem darstellten.

In Niederösterreich fanden die SOS-Mitmensch-Rechercheure Kurse vor, die nur Syrern, Iranern, Irakern und Afghanen zugänglich sind. In Vorarlberg sei das Angebot mager, die Kurse kämen fast nur Asylberechtigten zugute. In Kärnten würden mit 86 Prozent bundesweit am meisten Asylsuchende durch Kursangebote erreicht, jedoch vielfach nur für eine Kursstunde pro Woche. Im Burgenland gebe es bisher keinen Plan für derlei Kurse, Gemeinden, die hier Initiativen setzen, würden aber vom Land gefördert.

Bewertet wurde anhand von fünf Kategorien: Abdeckungsrate, Kursintensität, Kursniveaus, Wartezeiten sowie Bestehen oder Nichtbestehen eines Masterplans. (Irene Brickner, 13.1.2017)

  • Deutschernen für Asylsuchende: in Österreich eine Frage des Wohnorts.
    foto: ap/kienzle

    Deutschernen für Asylsuchende: in Österreich eine Frage des Wohnorts.

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