Die Personality-Show des Kanzlers in Wels

13. Jänner 2017, 07:30
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Kanzler Kern wird von den Seinen gefeiert und lässt das gerne zu. Seine Inszenierung in Wels lief wie am Schnürchen – fast

Es war nicht nur eine Grundsatzrede mit einer ausufernden Länge von fast zwei Stunden und extrem breit gefächerten Themen, es war vor allem eines: die große Christian-Kern-Show. SPÖ-Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler und sein Team waren schon tags zuvor nach Wels gereist, um die Vorbereitungen in der Messehalle zu überwachen und für eine perfekte Inszenierung zu sorgen. Auch Kern selbst hatte seine Rede ausgiebig geprobt, dem Vernehmen nach auch vor Publikum im Kanzleramt. Manche Versatzstücke aus der Rede kamen einem dann auch gut bekannt vor: Etliche Vergleiche und Anekdoten hatte Kern zuvor schon ausgiebig zum Besten gegeben und so auf ihre Erzähltauglichkeit abgetestet.

Nichts sollte dem Zufall überlassen werden. Bei der Einfahrt zum Messegelände lockte zwar noch eine Fischereiveranstaltung, die Halle war allerdings ganz für den Bundeskanzler zurechtgebürstet. Überdimensional lächelte Kern von diversen Monitoren vor und in der Halle.

Mehr Leute als erwartet

In einem Punkt wurden die Organisatoren dann doch überrascht: Es kamen offenbar alle eingeladenen Gäste, vorwiegend Mitglieder der oberösterreichischen SPÖ, aber auch Parteiprominenz aus dem ganzen Land – mehr Leute als gedacht. Die Plätze in der Arena rund um die kreisförmige Bühne für den Kanzler waren rasch vergeben, viele Kern-Fans mussten die Rede stehend im Saal oder draußen im Foyer vor den Bildschirmen mitverfolgen.

Und Kern ist in der SPÖ tatsächlich ein Star, der gefeiert wird und sich gerne feiern lässt. Das kennt man in der heimischen Politik so eigentlich nur von Jörg Haider. "Jetzt haben Sie mich aus dem Konzept gebracht", kokettierte Kern gleich nach dem Anfangsapplaus mit dem Publikum. "Ist schon cool." Dass dem Kanzler eine gewisse Eitelkeit, die auch in seinem sorgsam ausgewählten Slimfit-Anzügen Ausdruck findet, nicht ganz fremd ist, verzeiht man ihm in der SPÖ noch gerne. Er habe es nicht darauf angelegt, dass Bundeskanzler auf seiner Visitenkarte steht, sagte Kern ein wenig schelmisch in seiner Rede, "eigentlich ist mir das fast egal". Aber eben nur fast, das wurde hier in der Welser Messehalle mit einem liebevollen Raunen aufgenommen. Nach dem hölzernen Werner Faymann, der kaum Zugang zur Basis gefunden hatte, nimmt man die Starallüren des neuen SPÖ-Chefs offenbar gerne in Kauf. Und mit den Leuten kann er ja gut.

Fotowand für Selfies

Im Vorraum der Messehalle war eine eigene Fotowand aufgebaut, die eigentliche Attraktion der Veranstaltung. Dort stand Christian Kern seinen Fans stundenlang für gemeinsame Fotos zur Verfügung, es bildeten sich lange Schlangen. Ein eigener Fotograf war dabei, aber meistens reißen die Genossen gleich selbst ihr Handy in die Höhe, um ein Selfie mit dem Kanzler zu machen – zur sofortigen Verfügung und Verschickung.

Es war eine Personality-Show, die sich auch in der Gestaltung der begleitenden und 146 Seiten dicken Broschüre mit dem Titel "Plan A – Worauf warten?" niederschlug. Christian Kern in allen Posen und aus allen Perspektiven, fotografiert und gezeichnet – und in Zahlen. 195 Tweets seit Amtsantritt, sechs Telefonate mit Angela Merkel, zwei am Tag mit seiner Frau, zwei koffeinhaltige Softdrinks am Tag, täglich 16 gelesene Zeitungen, 670 Kilometer im Laufschritt, erfährt da der geneigte Leser. (Michael Völker, 13.1.2017)

  • Ein Foto mit dem Kanzler – auch in Wels eine der Hauptattraktionen, die Christian Kern bei Veranstaltungen zu bieten hat. Dem Verlangen gibt er freudig nach.
    foto: apa/gindl

    Ein Foto mit dem Kanzler – auch in Wels eine der Hauptattraktionen, die Christian Kern bei Veranstaltungen zu bieten hat. Dem Verlangen gibt er freudig nach.

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