Project Ara: Wie Googles Traum vom modularen Smartphone platzte

4. Februar 2017, 09:42
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Entwickler trotz vieler Schwierigkeiten lange enthusiastisch – Neustrukturierung brachte schließlich das Aus

Für manche war es der nächste Evolutionsschritt für Smartphones. Unter dem Titel "Project Ara" versuchte Google sich an der Umsetzung eines modularen Mobiltelefons. Es sollte austauschbare Teile haben, um sich von seinen Nutzern nicht nur äußerlich individualisieren zu lassen. Von zusätzlichen Displays oder dem Austausch der Kamera mit einem besseren Modell – die Möglichkeiten schienen unerschöpflich.

Doch was mit viel Enthusiasmus und vielversprechenden Entwicklungen begann, liegt heute mit ungewisser Zukunft auf Eis. Venturebeat hat die Geschichte vom Aufstieg und Fall von Project Ara detailreich aufgerollt.

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Virales Video zerrt Ara ins Licht

Begonnen hat die Arbeit an einem zusammensteckbaren Smartphone eigentlich in Motorolas Forschungsabteilung für fortgeschrittene Technologien, ATAP (Advanced Technology and Projects Group). Und eigentlich hätte das Projekt gar nicht 2013 enthüllt werden, sondern noch länger geheim gehalten werden sollen. Wäre da nicht der junge, holländische Designer Dave Hakkens gewesen.

In einem Video, gedacht für seinen College-Abschluss, entwarf er die Vision von "Phonebloks", einem Handy, das aus rechteckigen Bauteilen mit verschiedenen Komponenten zusammengesetzt wird. Der Clip verbreitete sich im Internet wie ein Lauffeuer und wurde eifrig diskutiert. Auch bei Motorola blieb es nicht unbemerkt. "Hätte es dieses Video nicht gegeben, hätten wir Ara wohl noch ein weiteres Jahr lang nicht angekündigt", erklärt der ehemalige ATAP-Designchef Dan Makoski gegenüber Venturebeat. Um nicht den Eindruck zu erwecken, Hakkens‘ Idee geklaut zu haben, ging man schließlich 48 Tage später an die Öffentlichkeit.

Aras Frühzeit

Zu diesem Zeitpunkt war Ara seit rund einem Jahr in Entwicklung, die Idee dahinter war die gleiche: Hohe Anpassbarkeit und weniger Elektromüll. Die Konsumenten sollten einzelne Module upgraden können, statt regelmäßig ein komplett neues Smartphone anzuschaffen. Das Team von Ara Knaian, Namenspatron des Projektes, hatte ein fertiges technisches Design entwickelt, um die Vision zu realisieren.

Hakkens hatte bis dahin bereits alle Hände voll zu tun. Zahlreiche Unterstützer meldeten sich bei ihm und wollten helfen, seine Idee umzusetzen. Gleichzeitig erntete er aber auch Kritik von Beobachtern mit mehr oder weniger ausgeprägtem technischem Hintergrund, die an der Machbarkeit von Phonebloks zweifelten. Hakkens selbst hatte hauptsächlich Wert auf die Ästhetik gelegt und sich daher für rechteckige Module entschieden. Wer daraus wirklich ein Produkt machen sollte, war unklar – bis sich ATAP bei ihm meldete.

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Das erweiterbare 50-Dollar-Handy

Der damalige Motorola-Eigner Google war nämlich auf den Geschmack gekommen. Motorola-CEO Dennis Woodside hatte zudem die ehemalige DARPA-Direktorin Regina Dugan zur Leiterin der Forschungsabteilung bestellt. Zu dieser Zeit stieß auch Makoski hinzu, allerdings mit Ablaufdatum. Neuzugänge bekamen unter der neuen Leiterin zwei Jahre Zeit bei ATAP. Er entwarf das Konzept von Ara als Antithese zu dem von ihm sehr geschätzten iPhone. Statt einem teuren, unveränderlichen Highendgerät malte er das Bild eines beliebig erweiterbaren und anpassbaren 50-Dollar-Handys.

Zehn Monate später gab er das Projekt ab, da er und sein Team sich nicht in der Lage dazu fühlten, die Entwicklung ab diesem Zeitpunkt weiter voran zu treiben. Dugan übergab die Zügel an Paul Eremenko, der das Projekt mit viel persönlichem Einsatz vorantrieb. Gemeinsam mit dem bestehenden Team und weiteren neuen Mitgliedern richtete man etwa ein fahrbares Labor ein, das man auch für Vorführungen nutzte.

Phonebloks-Erfinder kommt an Bord

Motorola-CEO Woodside war von den frühen Ara-Prototypen relativ unbeeindruckt. Und obwohl Motorolas Technik-Vizechef Iqbal Arshad als Berater fungierte, galt die Initiative lange als unbedeutendes Nebenprojekt. Arshads Fokus und jener des Unternehmens lag damals auf einem neuen Vorzeige-Smartphones wie dem Moto X.

Im September 2013 passierte schließlich das Phonebloks-Video und Google lud Hakkens zu einer Tour in seine Labors ein. Das erste Jobangebot des Konzerns, lehnte der Niederländer allerdings ab, da er Phonebloks nicht zu einer exklusiven Entwicklung des Konzerns machen wollte. 48 Stunden vor der Bekanntgabe von Ara hatte er es sich anders überlegt. Er bot Google an, gegen Bezahlung als Botschafter für die Idee eines modularen Smartphones zu agieren und über die Phonebloks-Community Feedback zu Project Ara zu sammeln. Die ATAP-Crew nahm das Angebot an.

Alle paar Monate kam Hakkens zur Beschau des Status Quo nach Kalifornien und unterrichtete die Öffentlichkeit darüber. Dies führte allerdings auf Dauer dazu, dass Phonebloks in der Wahrnehmung vieler Leute mit Ara gleichgesetzt wurde und somit das Interesse anderer Unternehmen an seinem eigenen Projekt versiegte.

Erste Timeline

Anfang 2014 verkaufte Google Motorola an den chinesischen Hersteller Lenovo, verleibte sich aber die ATAP-Labors ein. Laut Makoski könnte Project Ara der Grund dafür gewesen sein, sorgte die Entwicklung damals doch für viel öffentliche Begeisterung.

Im Februar 2014 gab man erstmals einen ersten Zeitplan für Ara bekannt. Angestrebt wurde ein erster Marktstart für das erste Quartal 2015, in Form eines ganz einfachen Smartphones für 50 Dollar. Dieses sollte nicht einmal über ein Breitbandmodul verfügen. Diese und andere Funktionen sollten mit der Zeit aber über Module nachrüstbar werden und aus dem Billigtelefon ein langlebiges Produkt machen. Im April veröffentlichte man schließlich das erste Developer Kit und zeigte einen Prototyp des "Skeletts".

Dann musste Makoski das Projekt verlassen, denn seine zwei ATAP-Jahre waren vorbei. Dennoch lief die Entwicklung vielversprechend weiter. Im Oktober folgte der erste betriebsbereite Prototyp. Die ursprüngliche Roadmap war zwar nicht mehr einzuhalten, im Jänner 2015 konnte man aber bereits ein Gerät mit 3G-Zugang und einer Reihe funktionaler Module zeigen.

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Technische Rückschläge

Man wähnte sich in technischer Hinsicht nahe dem Ziel und begann, die eigentliche Produktion vorzubereiten, stieß dabei auf weitere Hürden. So gab es etwa Probleme mit den Magneten, die die Module an ihrem Platz halten sollten und die Verhandlungen mit den Geschäftspartnern gestalteten sich schwierig. Dennoch wollte man im Sommer 2015 einen ersten kommerziellen Start wagen. Die Wahl fiel auf Puerto Rico. Das US-Territorium bot ähnliche Regulatorien wie der US-Markt und damit eine gute Ausgangsbasis für eine Expansion auf den US-Markt und auch Lateinamerika.

Doch es kam nicht dazu, denn es gab Probleme mit der Stabilität von Aras Software und der Fixierung der Module. Im Juni 2015 ging auch Eremenko von Bord, ebenfalls bedingt durch die von Dugan eingeführte Regelung. Der Pilotversuch wurde abgesagt, der Ara-Release auf 2016 verschoben. Das Projekt wurde nun von Dugan selbst und Motorola-Veteran Rafa Camargo geleitet.

Reboot als Highend-Gerät

Zu diesem Zeitpunkt war der Traum von 50-Dollar-Smartphone längst Geschichte, da sich dieser Preispunkt als technisch nicht machbar erwiesen hatte. Die beiden neuen Leiter überarbeiteten das Konzept und machten aus Ara ein Highend-Gerät, das bereits alle wichtigen Komponenten mitbrachte und mit den Modulen um spezialisierte Zusatzfunktionen erweitert werden sollte. Damit verlor man zwar die preisliche Flexibilität, brachte aber mehr Fokus in die Entwicklung.

Google gefiel der ambitionierte Reboot. Der Konzern beauftragte sogar eine Technologieagentur damit, eine besonders originelle Idee zu verwirklichen: Ein Modul mit winzigen Aquarium mit Mikroorganismen und integriertem Mikroskop, durch das man per App hindurchsehen konnte. Gedacht war es als Demonstration der Kapazitäten heutiger Technologie. Enthusiasmus machte sich breit und das Ara-Team erhielt zahlreiche Neuzugänge.

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Unerwartete Turbulenzen

Dann allerdings schufen die Google-Gründer Larry Page und Sergej Brin Alphabet, um unter dem Dach der neuen Firma die verschiedenen Projekte des Konzerns in eigene Firmen auszugliedern. ATAP blieb bei Google, wo nun Sundar Pichai das Ruder übernahm. Dieser installierte Motorola-Chef Rick Osterloh in der Forschungsabteilung, um die Hardwareentwicklung neu zu strukturieren und Fehlschläge wie Nexus Q und Google Glass zu verhindern.

Eigentlich hatte Google für seine Entwicklermesse I/O 2016 eine große Vorstellung für Project Ara geplant. Einen Monat vor dem Event, im April 2016, wurde jedoch Regina Dugan überraschend von Facebook abgeworben und hinterließ bei ATAP ein Führungsvakuum. Damit fehlte intern ein großer Fürsprecher für das modulare Handy.

Osterloh zieht Schlussstrich

Die I/O verstrich ohne Ara-Präsentation, die Auslieferung von ersten Entwicklergeräten wurde auf Anfang 2017 verschoben. Gleichzeitig verschlechterte sich das Klima, nachdem andere Modul-Konzepte kommerziell nicht aufgingen. So blieb etwa LGs G5 hinter den Erwartungen zurück. Im Spätsommer des vergangenen Jahres entschied sich Osterloh schließlich, Ara auf Eis zu legen.

Das von der Entscheidung überraschte Team hat sich mittlerweile auf andere Google-Projekte und Unternehmen verstreut. Die Zukunft des Modul-Handys bleibt auch fünf Monate später ungewiss. Google hatte angedeutet, die Technologie vielleicht an andere Unternehmen zu verkaufen oder zu lizenzieren, was aber bisher nicht passiert ist. (red, 04.02.2016)

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