"Gerne mit Kopftuch, aber nicht vollverschleiert"

Interview13. Jänner 2017, 07:00
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Wen Claudia Reiterer nicht zu "Im Zentrum" einladen wird und warum Ehepaare auch unterschiedlicher Meinung sein können

Wien – Am Sonntag moderiert Claudia Reiterer erstmals "Im Zentrum". Sie tritt damit die Nachfolge von Ingrid Thurnher an, die seit 2007 durch den ORF-Politiktalk führte und als Chefredakteurin zu ORF 3 gewechselt ist.

STANDARD: Sie mussten 2007 die Innenpolitikredaktion des ORF verlassen. Der Grund war Ihre Beziehung zu Lothar Lockl, damals Parteimanager der Grünen. Was ist zehn Jahre später anders, dass Sie nun in die ORF-Politik zurückkehren?

Reiterer: Gott sei Dank bin ich noch mit ihm verheiratet. Ich könnte mir alle Fragen dazu ersparen, wenn wir uns scheiden lassen würden. (lacht) Es hat sich immer noch nicht verändert, dass man einsieht, dass ich meinen eigenen Kopf und meine eigene Meinung habe. Lothar ist seit sieben Jahren als Unternehmer draußen aus der Politik. Er hat zwar den Wahlkampf Van der Bellens geleitet, aber er ist selbstständiger Strategieberater. Für mich ist diese Kritik ein Rätsel.

STANDARD: Kein Hindernis, um Distanz zu den Grünen zu halten?

Reiterer: Nein.

STANDARD: Was wäre, wenn Lothar Lockl in die Sendung kommen sollte?

Reiterer: Ich wüsste keinen Grund, warum das so sein sollte oder in welcher Funktion er in die Sendung kommen sollte. Oder Moment, ich wüsste ein Thema: wenn es darum geht, ob Ehepaare immer dasselbe sagen, wählen und denken. (lacht) Nein, warum sollte er kommen?

STANDARD: Wenn es zum Beispiel darum geht, wie man einen Wahlkampf managt.

Reiterer: Dann hoffe ich, dass es wahnsinnig viele andere auch gibt, die man einladen kann.

STANDARD: Von manchen wird er wieder als Spitzenpolitiker bei den Grünen gehandelt.

Reiterer: Ach so, davon weiß ich nichts. (lacht)

STANDARD: Wäre das dann eine Unvereinbarkeit?

Reiterer: Diese Frage stellt sich nicht, wirklich nicht.

STANDARD: Wie gehen Sie generell mit Kritik um? Als "Im Zentrum"-Moderatorin sind Sie ja in einer sehr exponierten Position für Kritik von Parteien.

Reiterer: Wer nichts macht, macht keine Fehler. Konstruktive Kritik nehme ich gerne an. Meist weiß man das in dem Moment selber, etwa wenn man eine falsche Frage gestellt hat oder wenn ich früher hätte einschreiten sollen. Persönliche Kritik und jene, die unter die Gürtellinie geht, nehme ich nicht ernst.

foto: standard/newald
Claudia Reiterer.

STANDARD: Einen Vorgeschmack hat es bereits gegeben. Als Ihre Personalentscheidung bekannt wurde, hat FPÖ-Generalsekretär Kickl in einer Aussendung geschrieben, dass so etwas in keinem anderen demokratischen Land der Welt vorstellbar wäre. Wie reagieren Sie auf so etwas?

Reiterer: Ich habe zwei Tage nichts gelesen. Dann habe ich es nachgeholt und in seiner Aussendung die Wörter "hochprofessionelle Journalistin" gelesen. Und ich nehme immer das, was mich positiv stimmt. Kickl weiß, dass ich eine hochprofessionelle Journalistin bin, er hat mich auch früher in der Innenpolitikredaktion des ORF nicht anders kennengelernt. Ich finde es schade, wenn man – und das offenbar eher nur als Frau – darauf reduziert wird, mit wem man verheiratet ist. Dass Ehepaare unterschiedlicher Meinung sein können, ist nichts Neues. Ich werde jedem, egal von welcher Partei, den gleichen Respekt entgegenbringen.

STANDARD: Sie haben gemeinsam mit der "Falter"-Journalistin Nina Horaczek ein kritisches Buch über FPÖ-Chef Strache geschrieben. Für die FPÖ eine willkommene Angriffsfläche?

Reiterer: Die FPÖ hat damals keine einzige Zeile dieses Buches geklagt und hat es als sehr gutes Buch bezeichnet. Inzwischen wird es als Nachschlagewerk an den Universitäten verwendet. Das war einfach ein sachlich sehr gutes Buch über die FPÖ.

STANDARD: In dem Buch haben Sie auch über die Wehrsportübungen geschrieben, an denen Strache teilgenommen hat. War das nie Thema zwischen Ihnen und der FPÖ?

Reiterer: Nein, weil ich ja in keiner innenpolitischen Sendung mehr war. (lacht)

STANDARD: Blenden Sie Kritik aus?

Reiterer: Das versuche ich, ja. Es kostet mich nur Energie und Zeit, das mache ich nicht. Ich betrachte mich als Projektionsfläche, und das bin ich auch. Das klingt banal, es wird aber darauf hinauslaufen, es nicht persönlich zu nehmen, sonst könnte ich das nicht machen. Ich werde in meiner Funktion kritisiert und muss das von mir als Privatperson trennen.

STANDARD: Ingrid Thurnher prüft eine Klage gegen einen FPÖ-Politiker aufgrund eines Postings, Corinna Milborn von Puls 4 hat vor der Moderation des Bundepräsidentenduells angekündigt, rigoros und mit rechtlichen Schritten gegen Beschimpfungen und Drohungen vorzugehen. Und Sie?

Reiterer: Ich habe noch immer die Hoffnung, dass es mir nicht so geht. Ich überlege es mir dann, wenn es so weit ist, und beurteile, welche Qualität das hat. Grundsätzlich finde ich es gut, und es ist klar, dass man sich ab einer gewissen Grenze dagegen wehren muss.

STANDARD: Auch mit rechtlichen Schritten?

Reiterer: Ja.

STANDARD: Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, sind davon noch stärker betroffen als Männer.

Reiterer: Ja, das scheint ein Phänomen zu sein, das bereits wissenschaftlich erfasst wurde. Warum das so ist, weiß ich nicht genau, aber die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist auf allen Ebenen noch nicht gegeben. Warum sollte das in sozialen Medien anders sein?

STANDARD: Der Frauenanteil bei "Im Zentrum" lag zuletzt laut ORF-Angaben bei 30 Prozent. Gibt es eine Strategie, ihn zu steigern?

Reiterer: Erstens ist wichtig: Frauen einladen, einladen, einladen. Grundsätzlich ist es so, wie das auch Ingrid Thurnher im Interview bereits beschrieben hat und wie ich das auch in "Heute konkret" erlebt habe: Du rufst einen Mann an, er sagt Ja zur Einladung und fragt erst dann, worum es geht. Eine Frau fragt meist zuerst, worum es geht, uns sagt dann oft Nein. Wir laden die Frauen ein, weil wir sie für kompetent und gut halten. Das ist eine Hol- und Bringschuld. Zweitens ist die Politik gefordert, Frauen in Spitzenpositionen zu hieven, dann haben wir auch automatisch einen höheren Frauenanteil in unserer Sendung.

STANDARD: Sollen alle Parteien gleich repräsentiert werden?

Reiterer: Natürlich nicht in jeder Sendung, aber übers Jahr gesehen schon. Würden wir jede Woche einen Parteienvertreter einladen, hätten wir bereits sechs Gäste.

STANDARD: Was ändert sich bei "Im Zentrum"?

Reiterer: Am Anfang gibt es einen 60-Sekünder, in dem das Thema nicht über die Menschen hinweg, sondern mit den Menschen erklärt wird. Das heißt, dass ich die Frage der Sendung den Menschen draußen stelle und sie ins Zentrum hineinbringe.

foto: orf / ramstorfer
"Im Zentrum mit Claudia Reiterer" heißt es künftig. Sanft erneuert wurde nicht nur der Sendungsname, sondern auch das Studio.

STANDARD: Als auf Servus TV bei "Talk im Hangar 7" ein Vertreter der rechtsextremen Identitären war, gab es große Aufregung. Wäre das auch bei Ihnen ein potenzieller Gast?

Reiterer: In meiner Sendung sitzt sicher kein Identitärer, nein. Ich würde auch keine Vollverschleierte einladen wie etwa "Anne Will" in Deutschland und "Pro und Contra" auf Puls 4, oder die sogenannten Reichsbürger. Menschen, die den Boden der Verfassung verlassen, brauche ich nicht in der Sendung. Es braucht gewisse Grundregeln, und da ist die Verfassung für mich an erster Stelle. Was ist dann das Nächste? Lade ich einen Holocaust-Leugner ein? Nein, es gibt eine Grenze.

STANDARD: Warum keine Vollverschleierte?

Reiterer: Bei Diskussionen möchtest du den Menschen ins Gesicht sehen, um zu wissen, ob das Gesagte auch nachvollziehbar ist. Das kann ich nicht, wenn jemand vollverschleiert ist. Ich kann im Gesicht nicht lesen, das muss ich aber können. Und die Zuseher möchten das auch. Deswegen gilt, gerne mit Kopftuch, aber nicht vollverschleiert.

STANDARD: Ingrid Thurnher hat auch den "Runden Tisch" moderiert. Werden Sie auch das übernehmen?

Reiterer: Das weiß ich nicht, ich konzentriere mich auf die Sendung am Sonntag. Die anderen Entscheidungen sind im Laufen.

STANDARD: Hätten Sie Interesse an der Moderation?

Reiterer: Ehrlich gesagt habe ich noch nicht darüber nachgedacht. Die Sonntagssendung ist eine große Herausforderung, auf die ich mich konzentriere. Ich bin erst seit 2. Jänner da, und es gab bis jetzt keinen Anlass für einen "Runden Tisch". Wenn es so weit ist, werden wir darüber reden.

STANDARD: Gibt es international eigentlich Vorbilder, an denen Sie sich orientieren?

Reiterer: Mit Vorbildern ist es immer schwierig. Ich möchte so sein, wie ich bin, und freue mich sehr auf die Sendung. Kann man das rüberbringen, ist schon viel gewonnen. Ich höre gerne zu, bin neugierig und möchte auch persönlich etwas mitnehmen. Was hat mich überrascht? Was waren die neuen Erkenntnisse? Wen ich aber mag, das ist zum Beispiel Bettina Böttinger, die den "Kölner Treff" moderiert, und Maybrit Illner. (Oliver Mark, 13.1.2017)

Claudia Reiterer (48) ist seit 1998 beim ORF. Sie moderierte unter anderem "Pressestunde", "Report", "Hohes Haus", seit dem Jahr 2007 "Heute konkret" und jetzt "Im Zentrum".

Nachlese
Claudia Reiterer moderiert ab 2017 "Im Zentrum"

Kopf des Tages
Claudia Reiterer: Zurück "im Zentrum" von ORF und Politik

  • "In meiner Sendung sitzt sicher kein Identitärer", sagt "Im Zentrum"-Moderatorin Claudia Reiterer, die am Sonntag die Nachfolge von Ingrid Thurnher antritt.
    foto: standard / newald

    "In meiner Sendung sitzt sicher kein Identitärer", sagt "Im Zentrum"-Moderatorin Claudia Reiterer, die am Sonntag die Nachfolge von Ingrid Thurnher antritt.

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