Dünne Suppe: Was bisher über das "Trump-Dossier" bekannt ist

12. Jänner 2017, 16:17
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Bisher keine Belege für die Echtheit des kompromittierenden Geheimdienstmaterials

Auch einen Tag nach dem Aufkommen der brisanten, aber unbestätigten Vorwürfe über belastendes Geheimdienstmaterial aus Russland zu Donald Trump ist vieles unklar. Am Mittwoch wurde in US-Medien berichtet, dass der designierte US-Präsident von den US-Geheimdiensten gewarnt wurde, dass Russland "kompromittierendes Material" über ihn besitze, um ihn "zu erpressen". Diese "unverifizierten" Erkenntnisse stammten zwar nicht von den Amerikanern selbst, sondern aus einer britischen Quelle, seien aber "so explosiv", dass man Trump darüber unterrichtete.

Frage: Was genau sind die Vorwürfe?

Antwort: Moskau soll bereits seit Jahren versuchen, sich Donald Trump zum Freund zu machen. Zwar habe der designierte US-Präsident "allen geschäftlichen Verlockungen" widerstanden, doch habe seine Wahlkampagne Informationsaustausch mit Moskau betrieben. Enge Vertraute Trumps hätten sich etwa bei den Hackerangriffen auf E-Mail-Accounts der US-Demokraten mit Russland abgestimmt. Moskau habe dafür versprochen, Trump nicht mit der Veröffentlichung pikanter Details und Videos zu erpressen, die etwa gemeinsam mit russischen Prostituierten bei einem Moskau-Besuch Trumps anlässlich der Wahl der Miss Universe 2013 entstanden seien.

Frage: Wer erhebt die Vorwürfe?

Antwort: Sie sind Teil eines Dossiers, das ein pensionierter Agent des britischen Geheimdiensts MI6 2016 für die US-amerikanische Research-Firma Fusion GPS erstellt hat und das offenbar schon seit Monaten in Washington kursiert. Nach Informationen der "New York Times" und des "Wall Street Journal" soll der Exspion Christopher Steele die Informationen, die Russland angeblich über Trump gesammelt hat, zunächst für einen republikanischen Gegner Trumps zusammengetragen haben. Später hätten die Demokraten den Informanten finanziert. Steele war für den MI6 in den frühen 1990er-Jahren in Moskau und später der höchstrangige Russland-Experte in der Londoner Geheimdienstzentrale. Er fasste die von ihm gesammelten Informationen über Trump von Juni bis Dezember in einer Serie von jeweils mehrseitigen Memos zusammen.

Frage: Kann man den Informationen trauen?

Antwort: Der britische Ex-Geheimdienstler Steele hat zwar offenbar den Ruf, zuverlässig zu arbeiten und umfassende Erfahrung mit Russland zu haben – ehemalige Kollegen beschreiben ihn laut "Guardian" als "sehr glaubwürdig". Sein Bericht trägt aber lediglich Daten zusammen, die er von anonymen russischen Informanten (russische Mittelsmänner und ehemalige eigene Kontakte) gesammelt hat und für die es keine Belege gibt. Das von "Buzzfeed News" veröffentlichte Papier enthält außerdem etliche orthografische und inhaltliche Fehler. Ein spezifischer Vorwurf – dass Trumps Anwalt Michael Cohen sich im Sommer 2016 mit russischen Agenten in Prag getroffen habe – wurde von diesem dementiert.

Sein einziger Aufenthalt in einem EU-Land im Sommer sei ein Italien-Urlaub im Juli gewesen, sagte er dem "Atlantic". Von dort aus kann man freilich ohne weitere Passkontrolle nach Tschechien reisen, doch sollen Nachforschungen der US-Geheimdienste ergeben haben, dass Cohen nicht dort war. Stattdessen sei eine andere Person namens Michael Cohen zum fraglichen Zeitpunkt in Prag gewesen.

US-Geheimdienstchef James Clapper sagte, dass die Geheimdienste "bisher in keinster Weise ein Urteil darüber getroffen hätten, ob die Inhalte der Dossiers glaubwürdig sind". Allerdings wird weiter geprüft. Laut Trump habe Clapper allerdings den Bericht insgesamt auch verurteilt.

Frage: Warum wurde das Dossier veröffentlicht, wenn die Informationen darin unbestätigt sind?

Antwort: "Buzzfeed News" wies zwar selbst darauf hin, dass die Vorwürfe unbestätigt seien und der Bericht zum Teil fehlerhaft sei, entschloss sich aber dennoch, das komplette Material als PDF zu veröffentlichen. "Die Amerikaner haben ein Recht darauf, sich selbst über die Anschuldigungen zu informieren, die auf höchster Ebene über den künftigen Präsidenten kursieren", begründete Chefredakteur Ben Smith den Schritt.

Andere Medien – etwa die "New York Times" und die "Washington Post" – kritisierten die Veröffentlichung der ungeprüften Vorwürfe hingegen. Die Dokumente lagen laut Medienberichten bereits seit mehreren Monaten vielen Journalisten und Politikern vor. Doch die meisten Nachrichtenredaktionen hatten sich entschieden, nicht darüber zu berichten, da es bisher für die Behauptungen in dem Dossier keine Beweise gibt.

Frage: Was sagt Donald Trump dazu?

Antwort: Trump wies die Vorwürfe umgehend zurück, er sieht sich als Opfer einer "politischen Hexenjagd". Konkret habe er keine "Deals" mit Russland geschlossen oder "Kredite aufgenommen". Berichte, dass die russische Regierung kompromittierende Informationen über ihn in der Hand habe, seien "Fake News", schrieb er am Dienstagabend auf Twitter. Nicht konkret Stellung nahm er zu den Vorwürfen, Informationsaustausch betrieben zu haben, konkreten Fragen dazu wich er auf seiner Pressekonferenz vielmehr aus. In einem Tweet kritisierte er die Geheimdienste dafür, dass das Material publik wurde. "Ein letzter Angriff auf mich. Leben wir in Nazideutschland?", fügte Trump hinzu.

donald trump speeches & rallies
Donald Trump reagierte in seiner ersten Pressekonferenz seit seinem Wahlsieg unter anderem auf die Vorwürfe rund um angeblich belastendes Geheimdienstmaterial aus Russland.

Frage: Wie reagierte Moskau?

Antwort: Der Kreml bestreitet, "kompromittierendes Material zu sammeln". Präsident Wladimir Putins Sprecher Dmitri Peskow sprach wörtlich von "Pulp Fiction". Russland habe weder Erpressungsmaterial gegen Donald Trump noch solches gegen dessen Herausforderin Hillary Clinton gesammelt. "Das ist eine absolute Ente, eine absolute Fälschung und völliger Blödsinn", so Peskow. Die Meldungen seien ein Versuch Obamas, seinen Nachfolger zu diskreditieren, sagte der frühere russische Geheimdienstchef Nikolaj Kowaljow.

Frage: Was passiert jetzt?

Antwort: Das FBI hat angekündigt, die Glaubwürdigkeit des Materials zu prüfen. Die Demokraten fordern eine Untersuchung der Vorwürfe, dass Trumps Wahlkampfteam sich mit Kreml-Vertretern während des Wahlkampf abgesprochen hat. Trump wird aber ab 20. Jänner vereidigt sein und hat damit die Kontrolle über Bundespolizei und Geheimdienste. Ob er dann einer Untersuchung zustimmt, ist unwahrscheinlich. (maa, 12.1.2017)

  • Donald Trump bezeichnete die Berichte über das belastende Material aus Russland als "Fake News".
    foto: ap photo/evan vucci

    Donald Trump bezeichnete die Berichte über das belastende Material aus Russland als "Fake News".

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