Erdoğan versucht die große Lira-Rettung

12. Jänner 2017, 18:54
610 Postings

Mit viel Rhetorik bremste der türkische Staatschef Tayyip Erdoğan vorerst den Verfall der Lira

Ankara/Athen – Zum zweiten Mal in zwei Monaten versucht der türkische Staatspräsident mit viel Rhetorik den Sturz der Lira zu stoppen. Vergangenen Dezember gelang das Tayyip Erdoğan – für ein paar Tage. Am Donnerstag stellte sich der autoritär regierende Präsident wieder auf eine Rednerbühne. Dieses Mal rief er seine Landsleute nicht auf, ihre Dollars unter den Matratzen hervorzuholen und in Lira umzutauschen. Erdoğan attackierte stattdessen die angebliche internationale "Zinslobby".

"Es gibt keinen Unterschied zwischen einem Terroristen mit einer Waffe und einer Bombe und einem Terroristen, der den Dollar, den Euro und die Zinsraten für seinen Zweck einsetzt", erklärte der türkische Staatschef seinem Publikum in Ankara. "Sie benutzen den Währungskurs als Waffe", sagte Erdoğan über die dunklen Widersacher seines Landes. Der Zweck sei, die Türkei "in die Knie zu zwingen". Der Präsident hatte augenscheinlich Erfolg mit seiner Tirade: Die Lira gewann wieder leicht und ging auf 3,78 für einen US-Dollar zurück, nachdem sie am Vortag den historischen Tiefstwert von 3,94 erreicht hatte. Im vergangenen Jahr noch galt die Marke von drei Lira als psychologische Mauer, die unüberwindbar schien. Mittlerweile kletterte die türkische Währung aber auch auf vier Lira für einen Euro.

Erwartungen an Zentralbank

Wichtiger als den Vergleich von Anlegern und Börsenhändlern mit Terroristen nahmen die Finanzmärkte am Donnerstag wohl Erdoğans Empfehlung an die Zentralbank, sie möge die "notwendigen Maßnahmen ergreifen, um dieses Spiel zu ruinieren". Dies signalisierte einen zumindest vorübergehenden Meinungswandel des türkischen Staatschefs, der die Zentralbank stets zu Zinssenkungen auffordert, um den Konsum am Laufen zu halten.

2016 verlor die Lira 17 Prozent ihres Werts gegenüber dem Dollar, der Leitwährung auch für den türkischen Außenhandel und für Unternehmerkredite. In der ersten Woche nach Neujahr waren es nochmals knapp neun Prozent.

Dafür gibt es – in der realen Finanz- und Wirtschaftswelt – eine ganze Reihe von Gründen: die instabile Sicherheitslage in der Türkei mit der Serie von Terroranschlägen durch den IS und die kurdische Untergrundarmee PKK; die großen innenpolitischen Spannungen und die unsichere Zukunft durch den von Erdoğan betriebenen Verfassungswechsel zu einem autoritären Präsidialsystem; die Zögerlichkeit der türkischen Zentralbank, dem Druck des Präsidenten zu widerstehen und die Leitzinsen deutlich heraufzusetzen; die Kriege in den Nachbarländern Syrien und Irak, die der türkischen Exportwirtschaft große Märkte genommen haben; schließlich die Inflation, miterzeugt durch die schwache Währung und wiederum die Währung nur weiter schwächend.

Hohe Inflation

So zogen die Verbraucherpreise in der Türkei im letzten Monat des vergangenen Jahres um 1,6 Prozent an – erwartet waren 0,9 Prozent. Vor allem Nahrungsmittel verteuerten sich um 3,45 Prozent. Übers Jahr gerechnet stieg die Inflation damit auf 8,5 Prozent. Ökonomen erwarten, dass sich der Anstieg bei den Verbraucherpreisen durch höhere Produktions- und Importkosten infolge der schwachen Lira fortsetzt: Neun Prozent Inflation im ersten Quartal gelten als realistisch.

Auch in anderen Bereichen stehen die Zeichen auf Rot: Die offiziell registrierte Arbeitslosigkeit liegt bei über elf Prozent; seit Oktober 2016 verzeichnet die Türkei wieder den Abfluss von Auslandskapital; die Industrieproduktion schrumpft leicht bereits seit Juni.

Die türkische Regierung greift nun zu verzweifelt anmutenden Maßnahmen und verspricht Großinvestoren einen türkischen Pass. Wer etwa Immobilien für eine Million Dollar kauft, bekommt die türkische Staatsbürgerschaft. Doch ähnliche Angebote gibt es auch in der EU – zum Beispiel in Griechenland oder Bulgarien. (Markus Bernath, 12.1.2017)

  • Drei Lira für einen Dollar galt vor nicht allzu langer Zeit noch als Albtraum für die türkische Wirtschaft. Alles relativ: Zur Wochenmitte stand die türkische Währung bei knapp vier Lira für einen Dollar.
    foto: reuters/murad sezer

    Drei Lira für einen Dollar galt vor nicht allzu langer Zeit noch als Albtraum für die türkische Wirtschaft. Alles relativ: Zur Wochenmitte stand die türkische Währung bei knapp vier Lira für einen Dollar.

Share if you care.