"Die Schildkröte" in den Ö1-"Radiogeschichten": Glück auf vier Beinen

11. Jänner 2017, 17:38
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Luigi Pirandello macht in seiner Kurzgeschichte mit der gar nicht so seltenen Spezies der zwideren Kinder bekannt

"Mit dem Blick einer alten Frau lachte sie krächzend wie die rostige Kurbel eines Ziehbrunnens beim Absturz eines Eimers, der sich selbstständig gemacht hatte."

Gemeint ist damit das Lachen eines Mädchens, das zu Hause in seiner elterlichen Wohnung in New York einer vom Vater mit nach Hause gebrachten Schildkröte verächtlich begegnet. Wie kann sie nur?!

Luigi Pirandello (1867–1936) macht in seiner Kurzgeschichte Die Schildkröte mit der gar nicht so seltenen Spezies der zwideren Kinder bekannt. Das nämliche Mädchen und ihr jüngerer (im Kopf aber, so wird angedeutet, noch weitaus älterer) Bruder wissen die im Tier verborgene Glücksverheißung, die der Vater Mr. Myshkow spürt, nicht zu schätzen.

Eine Schildkröte? Puhä! Der werten Gattin graust es ebenso. Wobei hier das Grausen vor der eigenen Ehe mit Mr. Myshkow auch ein wenig mithineinspielt.

Wie vergnüglich und aufwühlend ist solch kurze Literatur mitten am Tag zu Ohren gebracht. Eine Geschichte vorgelesen zu bekommen, das gehört im Erwachsenenleben zu den seltenen Glückserfahrungen. Wenn da nicht unser bester Freund, das Radio, wäre! Eine Stimme zieht alle Aufmerksamkeit auf sich – in diesem Fall ist es jene von Schauspieler und Synchronsprecher Peter Faerber – und beschreibt jenes kuriose Mädchenlachen, dessen reine Vorstellung jedes noch so gute Imitat überflügelt.

Immer von Montag bis Mittwoch, jeweils um 11.40 Uhr, ist Radiogeschichten-Zeit. Da klimpern und säuseln die absonderlichsten Plots der Weltliteratur durch den Äther. Wie passen diese bloß immer in 15 Minuten Sendezeit hinein? Hören kann eben Zeit dehnen. (Margarete Affenzeller, 11.1.2017)

  • "Die Schildkröte" in Ö1.
    foto: apa/dpa/patrick seeger

    "Die Schildkröte" in Ö1.

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