Staatspreis für das Kopftuch? In Absurdistan

Kommentar der anderen11. Jänner 2017, 17:00
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Religionsfreiheit ist eben nicht die Wahlfreiheit zwischen Mitgliedschaften in verschiedenen Gottsucherbanden, sondern in erster Linie die Freiheit von Religion. Eine Replik auf Farid Hafez

Die über weite Strecken seltsame Suada Farid Hafez' ("Ein Staatspreis für das Kopftuch", STANDARD, 9. Jänner) bringt es herausragend auf den Punkt: Zwischen Islam und Islamismus besteht kein Unterschied.

Groteskes Szenario

Er führt uns ein groteskes Szenario vor: Für ihn gibt es christliche und nichtchristliche Religionen als Player im Spiel um den Stellenwert der Religion im öffentlichen Raum. Zu viel Pro-Erdogan-Propaganda scheint dabei seinen Blick zu trüben, denn ein Drittel der Europäer sind unreligiös. Gerade noch 25 Prozent der Österreicher sind kirchentreu. 44 Prozent sind gottlos. Sogar 25 Prozent der Muslime sind säkular.

Herr Hafez dagegen empfiehlt, sich am evangelikalen Fundamentalismus der USA zu orientieren, damit man auch hierzulande auf den Koran schwören kann und als Lehrerin in Kopftuch unterrichten darf. Das nennt er dann "säkular".

Aufklärung und Abwendung

Mit Verlaub, Säkularität meint eine durch Humanismus und Aufklärung eingeleitete Abwendung von jeglicher Religiosität und nicht den in den USA gelebten Kreationismus, der in den Vereinigten Staaten schon lange die Evolutionstheorie verdrängt hat.

Herr Hafez regt auch an, Religionsfreiheit so zu verstehen, dass die politische Botschaft des Islam, der eine politische invasive Religion und Ideologie ist, im öffentlichen, staatlichen Raum verkündet werden kann. Das ist eine traditionelle islamistische Argumentation, und diese wird nicht besser, wenn man sie mit linken Floskeln tarnt. Religionsfreiheit ist eben nicht die Wahlfreiheit zwischen Mitgliedschaften verschiedenen Gottsucherbanden, sondern in erster Linie die Freiheit von Religion.

Der moderne bürgerliche Staat ist liberal. Öffentliche Sphäre (Staat, Demokratie, mediale Öffentlichkeit, Kritik) und Religion sind getrennt. Äquidistant schützt die Grundrechtsordnung des Staates die private Ausübung des Glaubens. Jeder darf nach Erreichen der Volljährigkeit an Siebe, Allah, Verbrennungsmotoren, Hausgeister oder Weingeist glauben. So ist die private Glaubens- und Religionsausübung ausreichend geschützt. Ebenso wie die Meinungsfreiheit der 56 Prozent Säkularen und 44 Prozent Gottlosen in diesem Lande.

Glaubensfreie Veranstaltung

Jedenfalls ist der Staat selbst eine glaubensfreie Veranstaltung. Die Religion hat in ihm nichts verloren. Die Gesellschaft ist aufgeklärt. Der Staat freilich noch nicht ganz. Das muss sich ändern: Noch immer sind § 188 StGB und Konkordat geltendes Recht. Noch immer dürfen unmündige Minderjährige mit "Fegefeuer" und "Hölle" terrorisiert werden. Noch immer gibt es konfessionelle Privatschulen und Kindergärten, die ob des öffentlichen Bildungssystems noch dazu boomen. In der Tat müssen Glaube, Kreuz wie Kopftuch aus dem öffentlichen Raum (Justiz, Verwaltung, Bildungswesen) verbannt werden. Der Staat ist keine Magd religiöser Ideologien.

Absurder Vorwurf

Deshalb ist der Vorwurf Islamophobie absurd. Evident läuft der Islam in letzter Instanz darauf hinaus, den Citoyen (Bürger) als Institution zu beseitigen. Er ist eine feudale Religion mit einem feudalen Herrschaftsanspruch und feudalen Herrschaftspraktiken. Islamophobie ist daher nur ein demokratischer Reflex auf rassistische, antisemitische und misogyne Werthaltungen, der gerade für eine aufgeklärte Demokratie überlebensnotwenig ist. Seltsam mutet an, dass all diese kruden Verteidigungen von religiösen Insignien vom Beifall vieler Linker begleitet werden – ein weiteres Absurdum in dieser Debatte. (Nikolaus Dimmel, Roland Fürst, 11.1.2017)

Nikolaus Dimmel forscht und lehrt am Fachbereich Sozial- und Wirtschaftswissenschaften der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg.

Roland Fürst ist promovierter Politikwissenschafter. Er war Sozialarbeiter und ist heute Department- und Studiengangsleiter für Soziales an der FH Burgenland.

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