Von den Täufern in die Freiheit der Elektromusik

Reportage12. Jänner 2017, 10:00
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Zwei junge Mennoniten geben als Elektro-Duo Paul y Carlos weltweit Konzerte. Nur in ihrer Gemeinde in Mexiko wäre ein Auftritt unmöglich

Ihre Reise nach Hause ist eine Reise in eine andere Welt. Die trockene Wüstenlandschaft zerfließt hinter den Autofenstern zu Pinselstrichen in Ocker. Hügel, Hütten, Felder. Eineinhalb Stunden lang. Und obwohl sie keine Grenze überqueren, sind sie am Ende doch in einer anderen Welt. Ihr Ziel ist Mennonitenland.

Paul Fehr sitzt am Steuer. Einmal pro Woche fährt der 25-Jährige zu seinen Eltern nach Cuauhtémoc, in eine Kleinstadt mitten im Nirgendwo. Er selbst lebt seit sieben Jahren in der Landeshauptstadt des gleichnamigen Bundesstaats Chihuahua im Norden von Mexiko. Auf dem Beifahrersitz knabbert Carlos Bergen Chips. Er ist fast zwei Meter groß und hager. Auch er kommt aus Cuauhtémoc, auch er wohnt jetzt in Chihuahua. Paul und Carlos sind Mennoniten.

Von Deutschland in die ganze Welt geflüchtet

Die Mennoniten sind eine freie christliche Gemeinschaft und werden auch Täufer genannt. Kurz nach ihrer Gründung im Deutschland des 16. Jahrhunderts begann ihre Verfolgung durch staatliche und kirchliche Autoritäten. Sie flüchteten unter anderem nach Nordamerika und zogen von dort aus in die ganze Welt. Der Mennonitischen Weltkonferenz zufolge gibt es weltweit 2,1 Millionen Mennoniten. Davon leben etwa 100.000 in Mexiko.

Paul und Carlos fahren durch Cuauhtémoc. Am Zaun vor der Kirche hängt ein Schild: "Gottesdienst am Sonntag um 9 Uhr" steht darauf auf Deutsch. Die meisten Mennoniten verstehen Deutsch, weil ihre Bibeln auf Hochdeutsch geschrieben sind. Untereinander sprechen sie Plautdietsch.

Zwei Tabus gebrochen

Wenn Paul von den Mennoniten spricht, sagt er "sie" statt "wir". Carlos und er sind anders. Sie sind aus Cuauhtémoc weggegangen, statt in die Fußstapfen ihrer Väter zu treten. Und sie machen elektronische Musik, womit sie gleich zwei Tabus brechen: Konservative Mennoniten verzichten auf neue Technologien, Instrumente sind verpönt.

Gehen Paul und Carlos durch Cuauhtémoc, fallen sie auf. Sie ziehen sich modern an. Keine Latzhose, Strohhut, oder Karohemden, sondern Jeans, T-Shirt, Turnschuhe. Aber wenn sie durch Chihuahua schlendern, erkennt man sie ebenfalls sofort. Ihre Haut ist zu weiß, ihre Haare nicht schwarz, ihre Augenfarbe zu hell. "Ich habe mich immer als Außenseiter gefühlt", sagt Carlos. "Meine Eltern haben mich nicht als konservativen Mennoniten erzogen, aber ein normaler Mexikaner bin ich auch nicht."

Unbekannte Welt Youtube

Mit 17 bricht Carlos mit seiner Gemeinde. Zusammen mit Paul zieht er nach Chihuahua. Zum ersten Mal in seinem Leben hat Carlos einen Computer mit Internetanschluss und erhält so den Eintritt zu einer unbekannten, dritten Welt. Stundenlang lässt er sich auf Youtube treiben, zum ersten Mal in seinem Leben hört er die Beatles, Björk, Beethoven. Er wird süchtig nach Videoanleitungen, lernt so Klavier, Akkordeon und Ukulele spielen.

Gemeinsam mit Paul gründet er das Duo Paul y Carlos. "Anfangs hatten wir keine Ahnung von Musik, wir haben einfach rumexperimentiert", sagt Paul. Nun könnten sie mit einem Knopfdruck eine Gitarre wie eine Orgel klingen lassen. Neues erschaffen, frei sein.

"Revolutionäres" Duo

Paul parkt das Auto vor dem Haus seiner Eltern. Drinnen steht Pauls Mutter Celia Kelly Fehr am Herd und frittiert Teigfladen. Rollkuchen mit Wassermelone, ein traditionelles Gericht der Mennoniten. Paul berichtet vom letzten Konzert in Texas. "Nur hier in Cuauhtémoc würde uns keiner hören", sagt Paul und zuckt mit den Schultern. "Hier hat sich noch niemand an Elektromusik versucht", sagt Vater Juan Fehr, "was sie machen, ist revolutionär."

Langsam verschwindet die Sonne hinter den Hügeln. Paul drückt seine Eltern und steigt in seinen alten Honda. Die Türen schlagen zu, der Motor röhrt. Paul und Carlos fahren zurück von der Mennoniten-Welt in die mexikanische. In beiden sind sie nur zu Gast. Ihre eigene Welt ist längst die Musik. (Lisa Maria Hagen aus Chihuahua, 12.1.2017)

  • Paul und Carlos (von links) bei ihrer großen Leidenschaft: der Musik.
    foto: lisa maria hagen

    Paul und Carlos (von links) bei ihrer großen Leidenschaft: der Musik.

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