Dieter Zwicky: Hat denn niemand an die Prärie gedacht?

11. Jänner 2017, 17:31
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Der Autor legt mit "Hihi – Mein argentinischer Vater" einen bündig-fantastischen Prosakosmos vor

Wien – Argentinien scheint Schweizer zu verfolgen. Von Argentinien scheinen Schweizer Autoren zu träumen. So nannte Klaus Merz eine große Novelle Der Argentinier. So lebte Christian Kracht, 2016 mit dem Schweizer Buchpreis gekürt, einige Jahre in Buenos Aires. Doch beim 1957 geborenen Dieter Zwicky aus Uster (Kanton Zürich) bestehen Argentinien und das benachbarte Uruguay eigentlich mehr aus Leerzeilen denn aus Sätzen. Das ist zumindest der optische Eindruck, wenn man Hihi – Mein argentinischer Vater aufschlägt. Denn man sieht keinen zusammenhängenden Textblock vor sich, sondern voneinander abgesetzte Einzelsätze, später auch längere Passagen, niemals aber raumgreifender als acht Zeilen.

Zwicky, der nach einem Theologiestudium jahrelang Postbote war und heute Korrektor bei einer Zürcher Wochenzeitung ist, hat mehrere Bücher veröffentlicht. Im letzten Sommer las er bei den Klagenfurter Tagen der deutschsprachigen Literatur einen abgefahren-schrägen Text über das Leben in Los Alamos (New Mexico, USA) und erhielt dafür den Kelag-Preis zugesprochen. Gelobt wurde die humorvolle, Abgründe verheißende Verschrobenheit, das schulterzuckende Linksliegenlassen sämtlicher Erzähltechniken, deren sich der Mainstream bedient.

In Hihi – Mein argentinischer Vater setzt alles langsam ein, bedächtig, mit dem Vater, dem ländlichen Argentinien, Viehzucht, Rindern. Doch es entwickelt sich etwas gänzlich Unerwartbares. Bald nämlich gibt es kein Halten mehr. Die Prosa fängt an zu "karussellieren", immer rascher weiterzuspringen. Von Ast zu Ast, von Assoziation zu Assoziation schwingen die Sätze weiter.

Namibwiesel, Cardiffterrier

Orte geben Stichworte vor, an denen Nägel festgemacht werden, an denen sich elastisch weitergeschwungen wird zu Tieren wie dem Namibwiesel (dem Namibwiesel?), Soldaten, Kinder, Frauen, Rotwein und Cardiffterriern, Plastikgewächsen und einem Psychoanalytiker namens Dr. Díaz, der sich hartnäckig bei seinem Patienten nach dessen Sohn erkundigt, den dieser gar nicht hat.

Ja, gibt es am Ende eigentlich den Vater? Gibt es am Ende überhaupt den Erzähler? Und wer torkelt da mit Díaz im Finale in den Tag oder in die Nacht hinaus, "wohl ziemlich besoffen, Paolo", wie der letzte Satz lautet? War alles eine Fantasie? Nur eines weiß man mit Sicherheit: Argentinien gibt es erst recht nicht.

Zwicky ist ein, laut sei's gesagt, unschweizerischer Autor. Weil er das Bleischwere der Sprache, so wie einst der verbalerotisch andersgeartete Hermann Burger, in einen Fernfliegerteppich verzaubert, weil sich Zwicky hochschraubt in den Kosmos der Fantasie und zeigt, wie das Erfinden gehen kann, wenn man es zulässt, im Sprechen, im Schreiben.

Dass der Verlag dem schön gestalteten Paperback die Stanser Rede für Dieter Zwicky des Literaturwissenschafters Werner Morlang beigegeben hat, ist eine noble Geste. Nicht nur ist es wie so oft bei dem bärenhaft sanften Buchgelehrten ein gewitzter Kurzessay, sondern zudem eine schöne Hommage, da Morlang, der 2015 verstarb, lange die Bücher Zwickys als Lektor begleitete. (Alexander Kluy, 11.1.2017)

Dieter Zwicky, "Hihi – Mein argentinischer Vater." € 23,60 / 168 Seiten. Edition Pudelundpinscher, Wädenswil 2016

  • Dieter Zwickys Prosa fängt an, wild zu tänzeln.
    foto: jenny rova/ edition pudelundpinscher

    Dieter Zwickys Prosa fängt an, wild zu tänzeln.


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