Masern: Experten klagen über mangelnde Impfmoral

14. Jänner 2017, 18:30
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Die Masern sollen ausgerottet werden, Österreich ist weit davon entfernt. WHO-Experten setzen vor allem auf Herdenimmunität

Innsbruck – Derzeit tagen in Tirol auf Einladung der Medizinischen Universität Innsbruck (MUI) rund 50 Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) unter dem Titel Europäische Impfwoche. Thema des Treffens ist die von der WHO angepeilte Eliminierung der Krankheiten Masern und Röteln. Dazu ist eine Durchimpfungsrate von mindestens 95 Prozent erforderlich, das heißt 19 von 20 Personen müssen zwei Dosen einer Masern-Mumps-Röteln-Kombinationsimpfung erhalten haben. In der europäischen Region der WHO, die 53 Staaten umfasst, sind Masern sowie Röteln in 24 Ländern, etwa Norwegen und Finnland, bereits eliminiert, erklärt Mark Muscat, Leiter des WHO-Regionalbüros für Europa.

Masern wieder auf dem Vormarsch

Die deutschsprachigen Länder hinken hingegen hinterher. So liegt die Durchimpfungsrate in Deutschland bei 93 Prozent, in der Schweiz bei 89 Prozent und in Österreich bei 87 Prozent. "Wir verspüren in den letzten Jahren wieder eine Zunahme von Masern", sagt Muscat. Er führt dies unter anderem auf die steigende Impfskepsis und -müdigkeit zurück. Auch Andrea Grisold von der Österreichischen Gesellschaft für Hygiene, Mikrobiologie und Präventivmedizin (ÖGHMP) warnt vor Falschinfomationen zum Thema Masernimpfung. Impfskeptiker, so Grisold, würden mit kruden Verschwörungstheorien arbeiten und damit Verunsicherung schüren. Daher legen die Veranstalter auch wert auf die Feststellung, dass das Treffen in Innsbruck von der WHO sowie der ÖGHMP finanziert wird und nicht von der Pharmaindustrie.

Peter Kreidl von der Sektion Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der MUI ist Initiator der Impfwoche und pocht als solcher auf Faktenwissen zu Masern: "Es ist die ansteckendste Krankheit der Welt. Ein Masernpatient kann bis zu 18 ungeschützte weitere anstecken. Zum Vergleich: Bei Ebola liegt diese Rate bei nur zwei bis vier Personen." Vor allem die Bezeichnung Kinderkrankheit sei im Fall von Masern unangebracht, wie Reinhard Würzner von der MUI erklärt: "Jeder 1.000. Masernpatient stirbt an den Folgen der Krankheit, jedes zwölfte Kind erleidet im Zuge der Erkrankung zudem eine Mittelohrentzündung." Insgesamt müssen 30 Prozent der Masernerkrankten stationär behandelt werden.

Warnung vor schwerwiegenden Folgen

Besonders heimtückisch an Masern sind die Folgen. Vor allem die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE), eine Form der Gehirnhautentzündung, wird dabei von den Medizinern genannt. Diese Folgeerkrankung könne – oft erst Jahre später – bei jedem Patienten auftreten, der einmal die Masern hatte. SSPE verläuft in der Regel tödlich, warnt Grisold. In Österreich seien in den vergangenen 20 Jahren rund 20 Fälle zu verzeichnen gewesen. SSPE ist vor allem für Kleinkinder ein Problem. "Erkranken Kinder unter fünf Jahren an Masern, steigt das Risiko an SSPE zu erkranken. Und diese Krankheit kommt einem Todesurteil gleich", erklärt Grisold die dramatischen Folgen.

Die WHO hat in Europa in den ersten drei Quartalen 2016 2.535 Masernfälle verzeichnet. 82 Prozent dieser Fälle verteilen sich auf die Länder Rumänien (611 Fälle), Italien (582 Fälle), Deutschland (266 Fälle) und Kasachstan (106 Fälle). In Österreich wurden 2016 insgesamt 28 Masernerkrankungen dokumentiert. Im Jahr davor waren es noch 309 Fälle, und heuer dürfte die Zahl wieder steigen, da bereits zehn Fälle gemeldet wurden.

Im Vergleich dazu wurden von der WHO in den ersten drei Quartalen 2016 in Europa 1.090 Röteln-Fälle dokumentiert. Davon passierten 935 in Polen, 76 in Deutschland und 27 in Italien.

Medizinisches Personal muss geimpft sein

Im Rahmen der Innsbrucker Tagung wollen die Experten den Erfahrungsaustausch fördern. "Unser Ziel ist es, ausreichend evidenzbasierte Daten zu sammeln und Möglichkeiten zur engeren Zusammenarbeit innerhalb der Länder zu finden", sagt Muscat von der WHO. Wichtig für die Eliminierung der Masern und Röteln sei zudem die umfassende Information der Bevölkerung sowie des medizinischen Personals. Denn es gibt noch immer Kinderärzte, die Eltern von einer Impfung abraten, was die Experten als unverantwortlich bezeichnen.

In Österreich soll nun das Krankenhauspersonal sensibilisiert werden, wie Grisold von der ÖGHMP erklärt: "An der Uniklinik Graz wird etwa niemand mehr angestellt, der nicht Impfung oder Immunität nachweisen kann. Selbst Medizinstudenten werden nur mehr unter diesen Voraussetzungen zum Studium zugelassen." Dies werde bald in ganz Österreich Standard sein.

Wer sich unsicher ist, ob eine Impfung nötig ist, kann mittels einer Blutuntersuchung beim Hausarzt, die rund 30 Euro kostet, seinen Impftiter – also wie viele Antikörper man im Blut hat – bestimmen lassen. Grundsätzlich gelte, dass man nicht "überimpfen" könne, so Kreidl. Die Kombinationsimpfung Mumps-Masern-Röteln, die in zwei Teilimpfungen verabreicht wird, ist in Österreich für Kinder wie auch Erwachsene kostenlos. Die Impfung sei – entgegen anderslautenden Behauptungen von Impfgegnern – absolut unbedenklich und sicher. Mögliche Nebenwirkungen wie Fieber und Hautrötung seien ungefährlich. Umfassende Informationen zu Masern und Masernimpfung bietet das Bundesministerium für Gesundheit. (Steffen Arora, 12.1.2017)

Die Aussage von Andrea Grisold zu Masern bei Kleinkindern wurde korrigiert, da sie falsch zitiert wurde. Nicht Masern, sondern SSPE kommt einem Todesurteil gleich. (Steffen Arora)

  • Die Skepsis gegenüber der Kombinationsimpfung Mumps-Masern-Röteln nimmt zu. Experten warnen davor, die Krankheiten auf die leichte Schulter zu nehmen.
    foto: reuters / lucy nicholson

    Die Skepsis gegenüber der Kombinationsimpfung Mumps-Masern-Röteln nimmt zu. Experten warnen davor, die Krankheiten auf die leichte Schulter zu nehmen.

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