Med-Uni Graz: Schädelfehlbildung nur eine Zika-Folge von vielen

    11. Jänner 2017, 13:20
    posten

    Grazer Mediziner haben Zika-Infizierte untersucht. Überrascht hat sie vor allem das Ausmaß an Schädigungen des Zentralnervensystems, auch bei mildem Verlauf der Infektion

    Bei vielen Erwachsenen verläuft eine Infektion mit dem in Lateinamerika verbreiteten Zika-Virus harmlos. Für Ungeborene sieht die Situation jedoch anders aus: Selbst ein milder Krankheitsverlauf bei Schwangeren kann dem Fötus schaden und zu Hirnschädigungen und -missbildungen führen. Die Mikrozephalie sei nur eine Folge von vielen, ergab eine Studie unter Beteiligung von Grazer Medizinern.

    Das Zika-Virus (ZIKV) wird vor allem durch Stiche infizierter Stechmücken, aber auch durch Sexualkontakte mit Infizierten übertragen und galt bis vor wenigen Jahren als unbedeutend. Die Erkrankung geht mit Fieber, begleitet von Hautausschlag, Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen, Entzündung der Augenbindehaut und Erbrechen einher, schilderte Christa Einspieler vom Institut für Physiologie der Med-Uni Graz der APA. Immer wieder wurde jedoch schon bisher ein Zusammenhang zwischen der Infektion schwangerer Frauen und zu geringem Kopfumfang (Mikrozephalie) ihrer Säuglinge deutlich.

    Ein Team internationaler Mediziner aus den USA, Brasilien sowie der Med-Uni Graz haben nun erhoben, dass es jedoch selbst bei einem milden Verlauf der ZIKV-Infektion zu schwerwiegenden Schädigungen im Zentralnervensystem der Föten kommen kann. Die Ergebnisse wurden im "New England Journal of Medicine" veröffentlicht.

    Grazer Wissenschaftler beteiligt

    Christa Einspieler und Peter B. Marschik von der Med-Uni Graz haben im Vorjahr in einem internationalen Team 345 Frauen in einem Spital in Rio des Janeiro mit Symptomen einer ZIKV während der Schwangerschaft untersucht. Sie wollten die Auswirkungen einer möglichen Infektion auf den Fötus erheben. In der tatsächlich ZIKV-positiven Gruppe (125 Frauen) wurden 117 Kinder lebend geboren. Ein zu geringes Schädelwachstum (Mikrozephalie) – das bisher auffälligste Symptom bei den Föten von schwangeren Infizierten – ist bei fünf Prozent der Säuglinge aufgetreten.

    "Die Mikrozephalie ist ein dramatischer Verlauf, aber nicht der einzig mögliche", betonte Einspieler. Denn wie sich durch die vielfältigen Untersuchungsmethoden (Ultraschall, Magnetresonanz, Bewegungsmusteranalyse) zeigte, wiesen 42 Prozent der Lebendgeborenen "strukturelle und funktionelle Schädigungen des Zentralnervensystems" auf, wie die Grazer Expertin darlegte. "Dieses Ausmaß haben wir allerdings nicht erwartet. Wir müssen damit rechnen, dass sich diese Kinder nicht optimal entwickeln", so Einspieler.

    Schädigung trotz milden Verlaufs

    Überrascht waren die Mediziner vor allem auch, dass die Schädigungen trotz des milden Verlaufs der ZIKV-Infektion – nur 25 Prozent der Schwangeren hatten einen mäßigen Temperaturanstieg – eintraten. Einen schützenden Impfstoff gibt es bisher nicht, ebenso wenig wie Medikamente, mit dem sich Zika-Infektionen gezielt behandeln lassen.

    Einspieler und Marschik haben die sogenannten General Movements, also spezifische Muster der Spontanmotorik der wenige Wochen alten Säuglinge analysiert und sind auf etliche veränderte Qualitäten der General Movements gestoßen. Das sei ein Hinweis auf eine Beeinträchtigung des sich entwickelnden Nervensystems. Die Grazer Experten haben eine entsprechende Smartphone-App entwickelt, um mithilfe von Videoaufzeichnungen die Bewegungsmuster analysieren zu können. (APA, 11.1.2017)

    • Bild nicht mehr verfügbar

      42 Prozent der Lebendgeborenen weisen "strukturelle und funktionelle Schädigungen des Zentralnervensystems" auf.

    Share if you care.