Mordprozess in Graz: Frau während Notrufs in Schlafzimmer erschossen

11. Jänner 2017, 14:41
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Angeklagter: "Ich kann mich nicht erinnern" – Staatsanwältin bezeichnete Tat als "Exekution"

Graz – Sieben Schüsse aus nächster Nähe auf seine Ex-Frau haben einen Mann in Graz vor ein Geschworenengericht (Vorsitz: Angelika Hacker) gebracht. Er musste sich am Mittwoch wegen Mordes verantworten, gab aber an, sich an nichts erinnern zu können. Die Staatsanwältin sprach von einer regelrechten "Exekution". Der Angeklagt sagte, keinerlei Erinnerung an die Tat zu haben.

Der gebürtige Bosnier (54) und seine gleichaltrige Frau hatten sich 1987 kennengelernt, heirateten und ließen sich 2006 scheiden. Doch das Paar hatte immer wieder zusammengelebt, bis es Anfang 2016 zur endgültigen Trennung kam. Das konnte der Mann offenbar nicht verkraften. Er besorgte sich eine Waffe und fuhr im Juni zu seiner Ex-Frau, wo er die Wohnungstüre aufbrach. Sie hatte zuvor schon Angst vor ihm gehabt und rief sofort die Polizei, als sie ihn bemerkte. Gleichzeitig lief sie ins Schlafzimmer und wollte sich im Kasten verstecken. Doch der Beschuldigte entdeckte sie sofort und feuerte sieben Schüsse ab, sechs davon trafen das Opfer. Drei waren tödlich, die Frau starb noch am Tatort. "Diese Exekution ist live über Polizeinotruf wahrnehmbar gewesen", schilderte Staatsanwältin Reingard Wagner.

Tat laut Anklage "genau und sorgfältig geplant"

Sechs Minuten später war die Polizei da und fand den Mann teilnahmslos vor dem Fernseher vor. Er wurde in die Nervenklinik gebracht und gab von Anfang an an, er habe keine Erinnerung an die Tat, die er laut Anklägerin "genau und sorgfältig geplant" haben soll. Bereits in den Jahren davor soll er gegen seine Frau und seine Kinder "massiv gewalttätig" gewesen sein.

Sein Verteidiger Gunther Ledolter zeichnete ein ganz anderes Bild: "Er war ein liebevoller Opa und ein hilfsbereiter Mensch, alles andere als ein kaltblütiger Killer." Der Tod von zwei seiner vier Kinder habe ihn aus der Bahn geworfen und immer wieder zu gesundheitlichen Problemen geführt. Ein Privatgutachten, das die Verteidigung in Auftrag gegeben hat, stufte den Angeklagten aufgrund einer psychotischen Störung und seiner Medikamenteneinnahme als nicht zurechnungsfähig ein. Der Gerichtssachverständige Manfred Walzl kam dagegen zu dem Schluss, dass der 54-Jährige sehr wohl zurechnungsfähig gewesen sei.

Der Angeklagte selbst bekannte sich zwar schuldig, gab aber stereotyp an, sich weder an die Tat noch an den Waffenkauf erinnern zu können. Er erklärte, dass er nie gewalttätig gegen seine Frau oder Kinder gewesen sei. "Sie haben nichts getan, waren liebevoll und freundlich, und dann die Schüsse aus nächster Nähe auf eine am Boden liegende Frau – wie passt das zusammen?", fragte Richterin Angelika Hacker. "Ich kann mich nicht erinnern", antwortete der Angeklagte.

Kein Wort gesprochen

Zahlreiche Zeugen waren am Mittwoch geladen. Einer der Polizisten, der nach der Bluttat in der Wohnung des Opfers war, beschrieb den Beschuldigten als "total apathisch". Dieser sei nur da gesessen und habe kein Wort gesprochen. Daraufhin wurde der Mann ins Krankenhaus gebracht. Er war zuvor immer wieder in der Nervenklinik in Behandlung gewesen, da er nach eigenen Angaben den Tod von zwei seiner vier Kinder nicht verkraften konnte.

Eine Ärztin, die den gebürtigen Bosnier nach der Tat betreut hatte, erklärte, er wäre "nicht kontaktierbar" gewesen und habe nur von seinen toten Kindern und vom Krieg – "er meint vermutlich den Jugoslawienkrieg", so die Zeugin – gesprochen.

Die Ex-Frau des Mannes war halb in ihrem Kleiderkasten im Schlafzimmer aufgefunden worden. Es wurde daher vermutet, das Opfer wollte sich vor dem Mann hier verstecken. Laut Gerichtsmediziner Peter Grabuschnigg lag die Frau am Rücken, wobei der Oberkörper und der Kopf im Kasten waren, die Beine aber heraußen. Durch die sechs Schüsse in den Oberkörper hatte die Frau so viele Verletzungen erlitten, dass die Beschreibung "mehrere DIN-A4 Seiten umfasst", schilderte der Sachverständige. Todesursache war ein Herzdurchschuss, außerdem wären zwei weitere Kugeln in Lunge und in eine Hauptader tödlich gewesen.

Da für den Nachmittag noch mehrere Zeugen geladen waren und die restlichen Gutachten noch erläutert werden mussten, wurde mit einem Urteil erst für den späteren Abend gerechnet. (APA, 11.1.2017)

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