Blitzeis, Lawinengefahr und Eisbrecher im Wiener Hafen

    11. Jänner 2017, 10:32
    11 Postings

    Zahlreiche Verkehrsunfälle, nachdem gefrierender Regen schlagartig zu Glätte führte – Minus 22 Grad in Waldviertler Gemeinden – Ost- und Südosteuropa stark betroffen

    Wien/Salzburg/Innsbruck – Blitzeis durch gefrierenden Regen hat am Mittwochmorgen im Großraum Salzburg für mehrere Auffahrunfälle gesorgt. Zudem rutschen zahlreiche Fahrzeuge von der Straße. Wie der ÖAMTC mitteilte, konzentrierte sich das Unfallgeschehen vor allem auf die Auf- und Abfahrten entlang der Westautobahn (A1) und Tauernautobahn (A10). Meldungen über Verletzte lagen laut Rotem Kreuz zunächst nicht vor.

    "Das Problem ist schlagartig entstanden. Es hat ein bisschen genieselt oder geregnet und wir hatten sofort Eisglätte", berichtete ÖAMTC-Pannenhelfer Herbert Thaler. Am frühen Vormittag standen alle Pannenfahrer des Automobilklubs im Einsatz. Thaler rät allen Verkehrsteilnehmern, aufzupassen und vorsichtig zu fahren. "Besonders auf den Brücken ist es stellenweise extrem glatt."

    Lawinengefahr in Tirol

    Auch die Lawinengefahr ist nach wie vor erheblich, in den Tiroler Tourengebieten etwa oberhalb von 2.000 Metern mit Stufe "3" der fünfteiligen Skala eingestuft. Frische und ältere Triebschneeansammlungen bleiben laut Lawinenwarndienst störanfällig und können schon durch geringe Zusatzbelastung durch einen einzelnen Wintersportler als Lawine ausgelöst werden. Eine Frau starb am Mittwoch durch einen Lawinenabgang in Vorarlberg.

    Das Winterwetter sorgte in Teilen Österreichs auch für außerordentlich frostige Temperaturen. In den Waldviertler Gemeinden Groß Gerungs (Bezirk Zwettl) und Pöggstall (Bezirk Melk) wurden Mittwochfrüh minus 22 Grad gemessen, teilte der Landespressedienst mit. Abschnittsweise mussten Lenker in Niederösterreich mit Schneefahrbahnen und -verwehungen rechnen, auf einigen Straßen bestand Kettenpflicht.

    In Wien haben die anhaltenden Minusgrade den Hafen zufrieren lassen. Damit die derzeit bis zu 15 Zentimeter dicke Eisschicht ankommende Schiffe nicht behindert und die vor Anker liegenden Kreuzfahrtschiffe nicht beschädigt, ist am Mittwochvormittag der Eisbrecher "MS Eisvogel" ausgerückt, um das Eis aufzubrechen. Das Schiff musste erstmals seit fünf Jahren zu diesem Zweck eingesetzt werden.

    Bei Temperaturen ab minus sechs Grad frieren die Fahrrinnen der Hafenbecken innerhalb eines Tages zu. Bis zu zwei Stunden dauert es, den Hafen von der rund 15 Zentimeter dicken Eisschicht zu befreien. Solange die Kältewelle anhält, wird das Schiff täglich im Einsatz sein, berichtete Kapitän Wolfgang Steindl bei einer Hafenfahrt mit Journalisten. Der 53-jährige gebürtige Waldviertler ist seit 18 Jahren Kapitän auf der "MS Eisvogel". Im Gegensatz zu seinem bisher schwierigsten Einsatz 2012, als die besonders dicke Eisschicht das Schiff stoppte, verlief bei der Fahrt am Mittwoch alles glatt.

    Kälte und Schnee in Griechenland

    Die kältesten Gebiete Europas liegen derzeit in Polen, der Ostukraine und auf dem südlichen Balkan mit nächtlichen Temperaturen unter 25 Grad. Seit Einbruch der Kältewelle vergangene Woche sind in Polen 27 Menschen erfroren. Die Zahl der Toten durch die jüngste Kältewelle in Europa ist damit auf mindestens 65 gestiegen.

    In Nordgriechenland fielen große Mengen Schnee. Ein Schneesturm in der Nacht auf Mittwoch hat in der Hafenstadt Thessaloniki ein Verkehrschaos verursacht. Salz verklumpte, sodass nicht gestreut werden konnte, sagte Mittwochfrüh Bürgermeister Giannis Boutaris. Eine solche Kälte habe es in Thessaloniki seit den 1960er-Jahren nicht gegeben. Viele Wasserrohre platzten. "Ich selbst habe kein Wasser in meiner Wohnung im Zentrum der Stadt", sagte Boutaris.

    Für die Region rund um die nordgriechische Stadt Ptolemaida ist am Mittwoch wegen des starken Schneefalls der Notstand ausgerufen worden. Angespannt blieb die Lage auch auf den Inseln der Nord- und Ostägäis. Die Sporadeninseln Alonnisos und Skopelos hatten auch am Mittwoch größtenteils keinen Strom. Auf Euböa sind viele Straßen gesperrt, vor allem im Ostteil der Insel rund um die Ortschaft Kimi. Leichten Schneefall gab es erstmals seit 50 Jahren auch auf der Insel Rhodos.

    "Lesbos" lief aus

    Auf die von einem Wintersturm heimgesuchte Insel Lesbos hat Athen ein Schiff der Kriegsmarine zur Unterbringung von Flüchtlingen geschickt. Der Truppentransporter "Lesbos" bringe Heizlüfter, warme Decken und anderes Material auf die Insel. An Bord sollten mehr als 500 Menschen untergebracht werden.

    Vorangegangen waren Proteste humanitärer Organisationen und Kritik seitens der EU, Athen kümmere sich nicht ausreichend um die frierenden Menschen auf Lesbos. Etwa 1.000 Migranten und Flüchtlinge harrten seit Tagen in Zelten aus. Auf der Insel sind insgesamt gut 6.000 Migranten und Flüchtlinge. Die meisten von ihnen sind in Containerwohnungen untergebracht. Auf Lesbos herrschten seit dem Wochenende Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Zudem schneite es fast ununterbrochen.

    Hoffnung auf eine Änderung des Wetters gab es Mittwochfrüh: Es wehte Wind aus südlichen Richtungen. Das bringt in Griechenland immer wärmeres Wetter. Die Temperaturen sollten um die Mittagszeit auf zwölf Grad Celsius steigen. Das meteorologische Amt warnte vor Überschwemmungen, da der viele Schnee innerhalb weniger Stunden schmelzen werde.

    Warten in Istanbul-Atatürk

    In Istanbul beeinträchtigt das Schneechaos weiterhin den internationalen Flugverkehr. Nachdem in den vergangenen Tagen eine Vielzahl von Flügen auf dem türkischen Luftfahrt-Drehkreuz gestrichen und Maschinen umgeleitet werden mussten, sitzen hunderte Urlauber auf dem Flughafen Atatürk fest und können ihre Reiseziele vorerst nicht erreichen.

    An dem Airport bildeten sich lange Schlangen vor den Ticketschaltern und bei der Ausgabe von Hotelgutscheinen für gestrandete Fluggäste. Dabei kam es vereinzelt zu Streit bis hin zu lautstarken Auseinandersetzungen und Rangeleien unter den Reisenden und mit dem Personal. Einige Passagiere warteten am Mittwoch bereits mehrere Tage auf ihre Weiterreise.

    Seit Beginn der starken Schneefälle in Istanbul in der Nacht auf Samstag wurden am Atatürk-Flughafen – dem größten Flughafen des Landes – Hunderte Flüge gestrichen. In den vergangenen Tagen fiel nach einem Bericht der Zeitung "Hürriyet" in manchen Bezirken der Millionenmetropole mehr als ein Meter Schnee. Das Blatt sprach vom stärksten Schneefall in Istanbul seit 30 Jahren. Am Dienstag setzte Tauwetter ein.

    Turkish Airlines strich als Folge des schlechten Wetters auch am Mittwoch noch Dutzende Flüge. Davon waren vor allem Inlandsrouten betroffen. (APA, dpa, 11.1.2017)

    • Die MS Eisvogel nach fünf Jahren wieder in Aktion.
      foto: apa/herbert neubauer

      Die MS Eisvogel nach fünf Jahren wieder in Aktion.

    Share if you care.