Verfahren gegen Diakonie wegen Vernachlässigung in betreuter WG

13. Jänner 2017, 16:28
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Aufsichtsverfahren der Stadt Wien gegen Trägerverein: Wegen struktureller Mängel und Einsparungen sollen Bewohner schwer vernachlässigt und Betreuer "verheizt" worden sein

Wien – Die Vorwürfe gegen Wohnen Steinergasse, eine vom Diakoniewerk geführte sozialpädagogische Einrichtung für Minderjährige und junge Erwachsene mit geistiger und mehrfacher Behinderung in Wien-Hernals, wiegen schwer: Aus strukturellen Mängeln heraus sollen mehrere Kinder falsche Medikamente oder Sondennahrung erhalten haben, in einem Fall sei einer jungen Klientin trotz chronischer Schluckerkrankung festes Essen zugeführt worden. Kinder haben begonnen, sich selbst zu verletzen und zu beschmutzen, im Erbrochenen eines Mädchens wurde ein Stück Holz entdeckt.

Bei mehreren Bewohnerinnen und Bewohnern wurde eine massive Unterschreitung der täglichen Flüssigkeitszufuhr gemessen, die zu Verstopfung und erhöhter Temperatur führte. Trotz mehrmaliger Hinweise durch Betreuer seien die Vorkommnisse lange ununtersucht geblieben, ebenso wie Gewichtsverluste und vermehrte chronische Brechanfälle. Eine Klientin erhielt trotz konstanter Angstzustände und zugesicherter Kostenübernahme keine Psychotherapie. Freiheitsbeschränkungen sollen in Widerspruch zum Heimaufenthaltsgesetz angeordnet worden sein. Musiktherapien wurden ebenso abgesagt wie medizinische Schulungen für die Betreuer. Dutzende Visiten durch Allgemein- und Fachärzte blieben zum Teil mehr als ein halbes Jahr lang aus.

Eine mehrere A4-Seiten lange Liste mit der systematischen Dokumentation aller Missstände, die laut einem Insider auf systematisches Fehlmanagement und Einsparungen durch die Geschäftsführung des Diakoniewerks zurückzuführen sind, zwang die Magistratsabteilung 11, das Amt für Jugend und Familie, im Dezember zur Intervention.

Fast die Hälfte der Bewohner umgesiedelt

Ein Aufsichtsverfahren wurde eingeleitet, bestätigt das Jugendamt, dem sich das Diakoniewerk als Träger vertraglich zur Erfüllung der Betreuungsaufgaben verpflichtet hatte. Der Gesundheitsdienst der Stadt Wien (MA 15) wurde als Sachverständiger zur Begutachtung hinzugezogen, und da auch einige volljährige Bewohner betroffen sind, wurde der Fonds Soziales Wien eingeschaltet.

Unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen könne sie vorerst keine Details bekanntgeben, sagt eine Sprecherin der MA 11. Es würden intensive Gespräche geführt, "noch hängt aber alles in der Schwebe". Aus demselben Grund verzichtet das Diakoniewerk vorerst auf eine Stellungnahme.

Seit Verfahrensbeginn wurden jedenfalls sieben von ursprünglich 20 jungen Patienten in neue Einrichtungen umgesiedelt, zwei weitere sollen im Februar folgen. Auch die Schließung des gesamten Hauses, in dem 26 Teilzeitangestellte drei Wohngemeinschaften betreuen, steht zur Debatte.

Dokumentation per Google Translator

Die dem STANDARD namentlich bekannte Quelle spricht nicht nur von vernachlässigten Patienten, sondern auch von "prekären Verhältnissen" und einer "akuten Krisensituation" innerhalb der Belegschaft, die erst zu den genannten Missständen führen konnten.

So sei im Dezember eine Haushaltshilfe wegen Personalmangels ohne jegliche Fachausbildung zur Pflege der Bewohner eingesetzt worden, selbst zur Medikation. Die Frau habe keinen Zugang zur elektronischen Dokumentation erhalten, um ihre Tätigkeiten zu erfassen oder frühere Pflegehandlungen einzusehen. Doch auch das hätte aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse nur beschränkt Sinn ergeben. Die Lösung laut Geschäftsführung: Übersetzung per Google Translator und Weitergabe der Anmerkungen an reguläre Betreuer, damit diese sie in eigenem Namen in die Datenbank eintragen.

Die eklatante Personalknappheit habe überdies dazu geführt, dass die durchgehende Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner selbst durch mehr als zehnstündige Dienste pro Tag nicht mehr gewährleistet werden konnte. Mehr als die erlaubten zehn Stunden in die Zeiterfassung einzutragen wurde den Mitarbeitern allerdings untersagt. Zudem erfuhr das Personal Ende vergangenen Jahres, dass keine Bereitschaftszulagen ausbezahlt würden, angeblich wegen falscher Einträge im Abrechnungsprogramm. Auch Ruhezeitregelungen und der Anspruch auf Erschwerniszulagen seien missachtet, dafür Dienstpläne oft ohne Rücksprache geändert worden. Mitarbeiter, die die Zustände hinterfragten, seien angeschrien worden.

Die Konsequenz war eine große Fluktuation in der Belegschaft. Jede zweite Pflegekraft verließ das Haus innerhalb eines Jahres wieder. "Gerade für Kinder, die ein beständiges Umfeld brauchen, um sich bestmöglich entwickeln zu können, ist das desaströs", sagt eine Betreuerin. Dazu wurden erschöpfungsbedingte Krankenstände zur Regel. Mehr als 14 Arbeitstage in Folge vor einer unvermeidlichen Auszeit waren keine Ausnahme.

Ehemalige Leiterin: "Ich war im Eimer"

Es handelt sich nicht um die ersten derartigen Vorwürfe gegen Wohnen Steinergasse. Bereits 2007 hatte der "Kurier" Missstände von frappierender Ähnlichkeit geschildert. "Todkranke Kinder, allein gelassen vom überlasteten Betreuungspersonal, pflegefremde Mitarbeiter, die zu riskanten medizinischen Eingriffen gezwungen werden", stand in dem Bericht.

Auch damals schaltete sich das Jugendamt ein. Die Notsituation wurde behoben, doch strukturelle Mängel blieben, sagt eine ehemalige Leiterin von Wohnen Steinergasse zum STANDARD. Die Vorgaben der Geschäftsführung seien wirr gewesen, in der Administration gab es "Mehrgleisigkeiten ohne Ende". Mitarbeiter seien nicht selten mit Aufgaben jenseits ihrer Berufserfahrung betraut und so bis zur kompletten Überforderung "verheizt" worden.

Sie selbst habe Liegengebliebenes oft bis drei Uhr nachts abarbeiten müssen, sagt die ehemalige Leiterin: "Ich war im Eimer, ich konnte nicht mehr. Ich habe begonnen, Fehler zu machen." Auch den Betreuern sei es ähnlich gegangen. Die Schuld an der mangelnden Versorgung der Bewohner liege keinesfalls beim WG-Personal, sagt die Ex-Leiterin.

Laut einem Mitarbeiter konnten die prekären Arbeitsverhältnisse und die Sparmaßnahmen nur zu gravierenden Mängeln in der medizinischen Versorgung führen. Verbesserungsvorschläge und Gefahrenmeldungen der Mitarbeiter seien von der Geschäftsführung ignoriert worden. Manche Bemühungen der Belegschaft seien sogar "aktiv von oben verhindert worden. Dabei ist das Team motiviert wie kein anderes, das ich in meiner ganzen Karriere kennengelernt habe", sagt die ehemalige Leiterin. "Wenn sie unter regulären Umständen arbeiten könnten, wäre das Haus eine Perle in der Szene." (Michael Matzenberger, 13.1.2017)

  • Minderjährige und junge Erwachsene mit schweren Behinderungen sollen systematisch vernachlässigt worden sein. (Symbolbild)
    foto: robert newald

    Minderjährige und junge Erwachsene mit schweren Behinderungen sollen systematisch vernachlässigt worden sein. (Symbolbild)

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