Umgang mit Sozialen Netzen in der Not

14. Jänner 2017, 08:30
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Menschen auf der Flucht versorgen sich mit wichtigen Daten, im heimischen Katastrophenschutz verbessern Facebook und Co die Kommunikation

Wien – Flüchtlinge mit Smartphones sind für Verschwörungstheoretiker ein Dorn im Auge. Der Staat sorge für Unterkunft und Verpflegung, sodass den Asylwerbern genug Geld für teure Kommunikationstechnologien bleibe. Eine Falschinformation, der Katja Kaufmann mit ihrer Untersuchung der Smartphone-Nutzung durch Flüchtlinge Fakten entgegenhält.

Ausgangspunkt sind Interviews mit jungen Menschen, denen 2015 die Flucht aus Syrien nach Österreich gelang. Alle Gesprächspartner besaßen Smartphones, und für alle spielten sie eine essenzielle Rolle vor, während und nach der Flucht: "Besonders GPS und vorinstallierte Landkarten-Apps waren für die Flüchtenden eine große Hilfe", berichtet die Nachwuchswissenschafterin vom Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Uni Klagenfurt. "Damit konnten sie etwa kontrollieren, ob sie der Weg tatsächlich in die vereinbarte Richtung führt."

Bei Schiffspassagen von der Türkei nach Griechenland kam es nämlich immer wieder vor, dass Flüchtlinge von Schleppern nicht auf eine griechische Insel gebracht, sondern wieder in Richtung Türkei zurückgeführt wurden. Wäre es zu einem Schiffbruch gekommen, hätten sie die GPS-Daten auch für die Seerettung gebraucht.

Da viele Flüchtlinge damals noch über die Balkanroute kamen, brauchten sie, wenn ohne Schlepper unterwegs, GPS überdies zum Finden der richtigen Route. Neben GPS wurde auch Facebook intensiv genutzt: Damit konnte man Nachkommende über die einzelnen Wegstrecken informieren sowie darüber, wie man über bestimmte Grenzen gelangt. "Meist hat man bereits vor der Flucht auf Facebook das gesammelte Fluchtwissen abgerufen und Kontakte zu schon Geflüchteten aufgenommen", weiß Kaufmann.

Druck über Facebook

Den meisten Interviewten war übrigens durchaus bewusst, dass Facebook zwar gutes Überblickswissen vermittelt, grundsätzlich aber nicht die zuverlässigste Quelle für detaillierte Informationen ist. "Mitunter machen Schlepper über Facebook Druck, um den Preis für ihre Dienste hinaufzutreiben", wurde der Medienexpertin berichtet. "Außerdem sind in den sozialen Netzen auch die Geheimdienste etlicher Länder zugange, aus denen die Menschen flüchten wollen."

Für genauere Informationen wurden auf der Flucht deshalb verstärkt Messenger-Dienste wie Whatsapp und Viber zum Austauschen von Text-, Bild-, Video- und Sprachnachrichten genutzt. Whatsapp bietet außerdem die Möglichkeit, Daten über den eigenen Standort zu verschicken. "Ein Geschwisterpaar, das sich auf der Flucht verloren hatte, fand mithilfe dieser Funktion wieder zusammen", sagt Katja Kaufmann.

Natürlich ist Whatsapp auch eine wichtige Verbindung zu Familie und Freunden, die oft über ganz Europa verteilt sind. Auch bei der Verständigung in den Zielländern ist das Smartphone unerlässlich. So gaben fast alle Befragten an, regelmäßig "Google Translate" zu nutzen. Viele, die noch keinen Platz in einem Sprachkurs hatten, begannen mit dem Deutschlernen mithilfe einer speziellen App. "Die Flüchtlinge wissen, dass sie unmittelbar vor, während und nach der Flucht auf das Smartphone angewiesen sind", so Katja Kaufmann. "Wer vorher noch keines besaß, hat sich eines für die Flucht besorgt."

Soziale Medien sind nicht nur für Flüchtlinge unverzichtbar, auch in der Krisenkommunikation insgesamt spielen sie heute eine zentrale Rolle. Thomas Meier, Pressesprecher des Österreichischen Bundesfeuerwehrverbands, hat sich in seiner Masterarbeit am Universitätslehrgang Public Communication an der Uni Wien damit beschäftigt. Er hat Entscheidungsträger steirischer Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben – von Rettung, Feuerwehr und Polizei bis zur Katastrophenschutzabteilung des Landes – zum Thema befragt. Dabei zeigte sich, dass soziale Medien zwar als äußerst wichtig wahrgenommen werden, die Praxis dieser Überzeugung aber noch hinterherhinkt. "Man ist zwar in den Netzen präsent, doch eine aktive Krisenkommunikation gibt es hierzulande noch nicht", fand Thomas Meier heraus. Dabei könnte man sich etwa an der US-Katastrophenschutzbehörde orientieren, die via Twitter und Facebook große Teile der Bevölkerung erreiche.

Vorsorgemaßnahmen

"Über diese Kanäle werden beispielsweise Vorsorgemaßnahmen kommuniziert, wohin man sich in welchem Notfall wendet", sagt Meier. "Zudem bietet man Apps an, die den Nutzer zum nächsten sicheren Punkt leiten oder mit welchen er Fotos von Schadensereignissen zur Information der Behörde hochladen kann." Für Österreich empfiehlt Meier, dass ausschließlich jene Organisation aktiv über die sozialen Netze kommunizieren soll, die in der jeweiligen Situation die Einsatzleitung hat. Im Gesetz ist aber vorgesehen, dass im Katastrophenfall die Kommunikationshoheit bei der Behörde liegt. "Die Mehrheit der Befragten fordert aus guten Gründen einen Abschied von diesem behördlichen 'Informationsmonopol'", betont Meier. (Doris Griesser, 14.1.2017)

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