Rundschau: Mikronauten, sammelt euch!

    Ansichtssache4. Februar 2017, 10:00
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    Zwei nostalgische Comics und neue SF-Romane von China Miéville, Robert Charles Wilson, Cixin Liu, Dan Wells und Will McIntosh

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    foto: liebeskind

    China Miéville: "Dieser Volkszähler"

    Gebundene Ausgabe, 173 Seiten, € 18,60, Liebeskind 2017 (Original: "This Census-Taker", 2016)

    Ein Jahr, das mit einem neuen Buch von China Miéville beginnt, kann ja nicht das schlechteste werden (drücken wir mal die Daumen). Nach einigen doch recht langen Schmökern – zuletzt "Der Krake" und "Embassytown" – hat der Larger-than-life-Autor aus England ein paar Gänge zurückgeschaltet. Auf das (tolle!) Jugendabenteuer "Das Gleismeer" folgten unter anderem Comics, ein Kinderbuch, der Storyband "Three Moments of an Explosion" und zwei Novellen: die Alternativweltgeschichte "The Last Days of New Paris" über das Aufeinandertreffen von Surrealisten und Nazis und diese schwer einordenbare Erzählung hier, die man am ehesten noch als Magic Realism oder Slipstream bezeichnen könnte.

    Wo und wann?

    Obwohl er aus dem Phantastik-Genre kommt, wendet Miéville in "Dieser Volkszähler" eine Technik an, die eher in der Mainstreamliteratur gebräuchlich ist: Er belässt alles sehr vage. Namen sind hier ebenso selten zu finden wie geografische Bezeichnungen. Es heißt nur nebelhaft das Brückendorf oder in einem fernen Land – ganz anders also als in SF oder Fantasy mit ihrer Hingabe an ausgetüfteltes Worldbuilding. Die Erwähnung von Klippschliefern legt nahe, dass wir uns in Afrika befinden. Andererseits muss das bei Miéville, der gerne bunt durcheinandermischt, noch lange nichts heißen. Und tatsächlich macht später ein Puma jede geografische Zuordnung zunichte ... und was in aller Welt mag ein Abscheuvogel sein?

    Auch zeitlich bleibt es unscharf. Es hat zumindest den Anschein, dass wir uns in einer Zukunft befinden, in der der technologische Stand nach einigen größeren Konflikten auf ein geringeres Level zurückgesunken ist. Ein paar Andeutungen legen die Möglichkeit eines Maschinensturms nahe: Der Erzähler erinnert sich an "bewegliche Statuen" und einen "Puppenkopf", den er im Müll fand.

    Das Trauma

    Besagter Erzähler führt auf der Gegenwartsebene, die die eigentliche Handlung einrahmt, gemäß den rituell wirkenden Anweisungen seines Vorgesetzten drei Bücher: eine Bestandsaufnahme bzw. ein "Kontobuch" voller Zahlen und Fakten, eine für alle LeserInnen zugängliche Erzählung und ein persönliches Journal. Welches von beiden Letzteren wir zu lesen bekommen, sei an dieser Stelle offengelassen. Es dreht sich jedenfalls um ein traumatisches Erlebnis aus seiner Kindheit, das den Erzähler tief geprägt hat.

    Er lebte damals zusammen mit seinem Vater und seiner Mutter auf einem kleinen Berghof etwas außerhalb des Brückendorfs. Eines Tages kam er panisch ins Dorf gelaufen und stammelte, dass seine Mutter seinen Vater getötet habe ... oder sein Vater seine Mutter? Ein Junge rannte schreiend einen Bergpfad hinunter. Der Junge war ich. So lauten die ersten Sätze des Buchs, und Miéville wird in weiterer Folge immer wieder zwischen erster und dritter Person wechseln. Später wird passagenweise sogar in zweiter Person erzählt.

    Versuche einer Rekonstruktion

    Der Perspektivwechsel unterstreicht das Fragmentarische unseres Gedächtnisses – in einer Erzählung, die sich in mehrfacher Weise mit dem Prozess des Erinnerns befasst. Da ist der Junge, der vor der Dorfgemeinschaft (und sich selbst) den Ablauf des Mordes zu rekonstruieren versucht. Dann der Erzähler als Erwachsener, der sich an seine Kindheit erinnert. Und schließlich die Menschen im Dorf als Ganzes: eine Gemeinschaft an der Peripherie der Zivilisation, die sich ihren eigenen Reim darauf gemacht hat, was mit der einstigen Welt von Eisenbahnen, Büros und Lichtspielhäusern geschehen sein mag.

    "Dieser Volkszähler" verweigert Antworten auf die vielen Fragen, die sich einem beim Lesen stellen, und lebt von einer Atmosphäre unterschwelliger Bedrohung. Der Junge hat beobachtet, wie sein Vater mehrere Tiere tötete und in einen Schacht im Berg warf; möglicherweise hat er dasselbe auch mit Menschen getan. Aber auch im Jungen selbst steckt Seltsames – so irritiert er seine Mutter mit überzeugt vorgetragenen Ideen, wie die Welt auszusehen habe (Häuser, die niedergerissen werden sollten, oder Vögel, die Hundeköpfe tragen müssten). Phantastikelemente kommen vor – so lebt beispielsweise der Vater davon, dass er für die DorfbewohnerInnen Schlüssel anfertigt, die magische Wirkung zu haben scheinen. Doch ist es schwierig zu sagen, ob diese Phantastik-Elemente "echt" oder Ausgeburten bzw. Interpretationen der kindlichen Phantasie des Erzählers sind.

    "Dieser Volkszähler" ist eine durch und durch enigmatische Erzählung und in ihrer betont sparsamen Ausgestaltung weit entfernt vom Hollodero Miévilles früherer Werke. Unbestreitbar faszinierend – ein bisschen aber auch, als hätte Miéville nach einer Reihe von IMAX-Epen einen Schwarzweiß-Film gedreht.

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