Wie Frauensport auf das Ästhetische reduziert wurde

Interview11. Jänner 2017, 15:26
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Im Austrofaschismus mussten Sportlerinnen gegen traditionelle Rollenbilder kämpfen, sagt Sporthistoriker Matthias Marschik

Wien – In dem am Montag in Wien präsentierten Buch "Perspektivenwechsel. Geschlechterverhältnisse im Austrofaschismus" beleuchtet der Sporthistoriker Matthias Marschik von der Universität Wien die Rolle des Frauensports in Österreich zwischen 1934 und 1938.

STANDARD: Was waren die Voraussetzungen für Sportlerinnen in der Zwischenkriegszeit?

Marschik: Ab etwa 1880 oder 1890 konnten gutbürgerliche Frauen jeden Sport betreiben, den sie wollten. Das Kriterium für die Teilnahme an Sportereignissen war die gesellschaftliche Klasse. Das änderte sich knapp vor 1900, als es die ersten Ökonomisierungstendenzen im Sport gab. Viele Vereine erkannten, dass Arbeiter gute sportliche Leistungen erbringen konnten. So wurde die Schranke, Arbeiter vom Sport auszuschließen, dahin verschoben, verhindern zu wollen, dass Frauen Sport betreiben. Danach wurde es auch für bürgerliche Frauen schwierig

STANDARD: Weshalb?

Marschik: Man hat sämtliche Kriterien in Anschlag gebracht, um ihnen Wettkampfsport zu erschweren oder ganz zu verbieten. Frauen wurden reduziert auf gymnastische Übungen, die für sie in ihrer Rolle als Mutter als tunlich erschienen. Argumente kultureller, medizinischer, ästhetischer Natur wurden angeführt. Frauensport ist zum Minderheitenprogramm geworden. Das dauerte bis zur Mitte des Ersten Weltkriegs. 1915 waren so viele Männer im Krieg, dass – um den Sportbetrieb aufrechtzuerhalten – immer mehr Frauen in die Vereine aufgenommen wurden. Zwischen 1916 und 1917 wurden die ersten reinen Frauenvereine gegründet. Ab 1918 wurde Frauensport zurückgedrängt.

STANDARD: Trotzdem haben Frauen weiter Sport betrieben.

Marschik: Es gab zwei Bewegungen: Einerseits waren Frauen weiter in Männervereinen und unter der Leitung und Kontrolle von Männern tätig. Hier hat man Frauen meist auf das Ästhetische reduziert; auf Sportarten, die weiblich konnotiert waren. Etwa auf Feldhockey, wo Frauen in Röcken, nicht in Hosen gespielt haben. Andererseits haben Frauen Mitte der 1920er eigene Sportpraxen ins Leben gerufen, bis hin zu Frauenolympiaden. Der Nachteil war, dass sie in der Öffentlichkeit noch weniger wahrgenommen wurden.

STANDARD: Wie wurde Frauensport medial präsentiert?

Marschik: Die Berichterstattung war anders als über den Männersport, aber nicht grundsätzlich diskriminierend. Diskriminiert wurde vor allem in Karikaturen, wo die Einstellung der Männer unverblümt gezeigt wurde. Fußballerinnen wurden in Röcken und Stöckelschuhen gezeichnet. Lisl Perkaus, die einen Rekord im Kugelstoßen aufgestellt hat, wurde etwa als Köchin beim Knödelwerfen gezeigt.

STANDARD: Wie entwickelte sich die Situation im Austrofaschismus?

Marschik: Es gab zumeist den Versuch, den Frauensport auf leichte ästhetische Übungen und Gymnastik zu beschränken, was in das Bild von Frausein und Mutterschaft passte. Auch der Askö hatte die Maxime, dass Frauensport gleichwertig, aber nicht gleichartig ist. Das bedeutet, Frauen sollten einen anderen Sport betreiben als Männer. Das hat sich bis in die 1930er-Jahre durchgezogen. Frauensport wurde zwar toleriert, aber in den Vereinen wurden Frauen lieber als "Aufputz" verwendet.

STANDARD: In Sportvereinen waren Frauen also zur Aufhübschung da?

Marschik: Nicht nur. Natürlich gab es Frauensport auf verschiedenen Ebenen. Aber: Die Vereine waren zugleich auf Frauen angewiesen, weil sie Basisarbeit leisteten und zugleich das kommunikative Element einbrachten. Man hat sie ei nerseits gebraucht, um die Dressen zu waschen und den Platz herzurichten, andererseits als optischen Aufputz bei der Faschingsfeier. Zugleich lag es an den Frauen selbst, ob sie sich auf sportlicher Ebene durchsetzen konnten.

STANDARD: In jeder Sportart?

Marschik: Im Fußball wurde immer, wenn der Männersport eine Krise durchgemacht hat, der Frauenfußball verwendet, um den Sport wieder attraktiver zu machen. Als das Wunderteam der Männer Mitte der 1930er nicht mehr alle Spiele gewonnen hat und die Zuschauerzahlen zurückgegangen sind, gab es einen Aufruf, es mögen sich Fußballerinnen melden. Nach wenigen lukrativen Spielen wurde der Frauenfußball abgedreht.

STANDARD: Wie wurden Frauen vom Fußball abgehalten?

Marschik: Der ÖFB hat seinen Mitgliedervereinen verboten, ihre Plätze für Frauenspiele zur Verfügung zu stellen. Weil die Strafen aber relativ gering waren, hat es sich für die Vereine finanziell trotzdem ausgezahlt, die Spiele auszurichten. Daher hat der ÖFB die Strafen erhöht, und jedem Verein mit Ausschluss gedroht, um den Frauenfußball zu verhindern. 1935 haben die Spielerinnen aber einige Plätze gefunden, die keinem Verbandsverein gehörten. Dort haben Frauen bis 1938 auch über den "Anschluss" hinaus eine Meisterschaft aufgezogen: damals die einzige Frauenfußballmeisterschaft in Europa.

STANDARD: Das war nur im Fußball?

Marschik: Gute Sportlerinnen gab es in Österreich etwa im Handball, im Schwimmen und in der Leichtathletik. In den 1930er-Jahren waren etwa 20 Prozent der Athleten weiblich. 1936 wurde der Frauensport dann auch politisch gefördert: Bei den Olympischen Sommerspielen in Berlin wollte man zeigen, dass Österreich ein starkes Land ist. Und da waren Frauenmedaillen besser als keine Medaillen. Letztlich gab es keine Goldmedaille für Österreichs Frauen, obwohl man es den Sprinterinnen oder der Speerwerferin Herma Bauma zugetraut hätte. Ihre Medaille hat sie dann aber erst 1948 gewonnen.

STANDARD: Sie beschreiben die Entwicklung des Frauenbilds als "vom Bubikopf zum Mädchenzopf" ...

Marschik: Die Frau als Hausfrau und Mutter war das hegemoniale Frauenbild der 1920er und 1930er. Es gab auch die Faszination der "neuen Frau", die trinkt, allein fortgeht und sportelt. Medial wurden beide Bilder transportiert. Ein wichtiges Kriterium der "neuen Frau" war die Sportlichkeit. Dieses Frauenbild war mit dem Bubikopf verbunden, weil die Frauen in einer androgynen Art aufgetreten sind. Der Austrofaschismus hat versucht, wieder zu klassischen Idealen der Frau zurückzukehren. Wenn man also schon Frauen im Sport akzeptierte, dann wenigstens nicht mit Bubikopf. (Andreas Hagenauer, Oona Kroisleitner, 11.1.2017)


Matthias Marschik (59) ist Kultur- und Medienwissenschafter sowie Sporthistoriker an der Universität Wien.

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Österreichische Zeitung für Geschichtswissenschaften

  • Sportwissenschafter Matthias Marschik: "Immer, wenn der Männerfußball in der Krise war, wurde der Frauenfußball verwendet, um den Sport wieder attraktiver zu machen."
    foto: heribert corn

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