Australiens umstrittenster Kriminalfall: Der Dingo war's

Video10. Jänner 2017, 12:22
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Ein Ehepaar wurde dafür verurteilt, 1980 sein Kind ermordet zu haben. Erst 2012 kam die Wahrheit ans Licht. Nun ist der Vater gestorben

Vor 37 Jahren ereignete sich einer der spektakulärsten und gleichzeitig umstrittensten Kriminalfälle Australiens: Azaria Chamberlain, gerade einmal neun Wochen alt, verschwand, und die Eltern wurden dafür verurteilt. Erst 32 Jahre später, im Jahr 2012, wurde offiziell und endgültig festgestellt, was die Mutter schon immer behauptet hatte: Ein Dingo hatte das Baby geraubt. Nun ist der Vater des Babys aus dem sogenannten Dingo-Mordfall gestorben.

Es war im August 1980, als Familie Chamberlain nahe dem weltberühmten Monolithen Uluru (Ayers Rock) campte. Die Mutter, Lindy Chamberlain, legte die kleine Azaria, das jüngste von damals drei Kindern, in die Wiege in einem Zelt. Als das Baby zu schreien begann, eilte sie zurück, entdeckte einen blutverschmierten Strampler, einen leeren Babyschlafsack und einen Dingo, der etwas im Maul hatte und davonlief. Das war die Version der Chamberlains. Doch lange wollte ihnen niemand glauben.

Die Ermittler hielten die Dingo-These für Humbug und nahmen stattdessen die Eltern ins Visier. Auch große Teile der australischen Öffentlichkeit hatten ihre Zweifel und beschimpften Lindy Chamberlain. 1982 verurteilte ein Gericht sie wegen Mordes zu lebenslanger Haft, ihr Ehemann Michael Chamberlain wurde der Beihilfe für schuldig befunden und erhielt eine Haftstrafe auf Bewährung.

Jacke des Babys gefunden

Der Fall hielt Australien auch nach dem Urteil noch in Bann. Zweifel blieben, selbst als drei Jahre nach dem Verschwinden Azarias ihre Jacke in der Wüste gefunden wurde – nahe einem Dingo-Bau. Neue Ermittlungen wurden aufgenommen, auch weil sich vermeintliche Blutspuren im Auto der Eltern als Schalldämpfer-Spray entpuppt hatten. 1986 kam Lindy Chamberlain, die im Gefängnis ihr viertes Kind auf die Welt brachte, schließlich wieder frei.

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ABC-Nachrichtensendung aus dem Jahr 1986 über die Freilassung von Lindy Chamberlain.

Der zuständige Gerichtsmediziner aber meinte, dass die Indizien weder eindeutig für die Mord- noch für die Dingo-These sprachen. Man hielt die Hunde damals einfach nicht für fähig, ein Baby oder Kleinkind fortzuschleppen und zu töten. In der Sterbeurkunde der Verschwundenen wurde deshalb auch die Todesursache offengelassen.

Meryl Streep als Mutter

Das reichte dem Ehepaar Chamberlain aber nicht. Sie kämpften für die volle Anerkennung ihrer Version, während ihr Fall in zahlreichen Büchern, TV-Dokumentationen sowie -Serien und auch in einer Oper thematisiert wurde. Selbst Hollywood nahm sich des Kriminalfalls an und verfilmte ihn 1988 unter dem Titel "Ein Schrei in der Dunkelheit" – mit keiner Geringeren als Meryl Streep in der Hauptrolle.

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Der Trailer von "Ein Schrei in der Dunkelheit".

Die Ehe der Chamberlains zerbrach 1991, trotzdem kämpften sie weiter. Eine Wiederaufnahme des Falls 1995 endete ohne Ergebnis. Erst 2012 hielt eine Untersuchungsrichterin eines Gerichts in Darwin fest, es gebe hinreichende Hinweise darauf, dass ein Dingo das Baby fortgeschleppt habe. Die Justiz war zu der Einsicht gekommen, dass die Tiere dazu durchaus in der Lage waren. Denn 2001 wurden ein Neunjähriger und 2005 eine Zweijährige zweifelsfrei von Dingos getötet. In der Sterbeurkunde durfte nun ein Dingo-Angriff als Todesursache festgehalten werden.

Am Dienstag teilte Lindy Chamberlain-Creighton – sie hat 1992 wieder geheiratet – mit, dass ihr Ex-Mann Michael Chamberlain im Alter von 72 Jahren an Leukämie gestorben ist. Voll rehabilitiert. (Kim Son Hoang, 10.1.2017)

  • Archivbild des früheren Ehepaars Chamberlain.
    foto: reuters

    Archivbild des früheren Ehepaars Chamberlain.

  • Das Zelt, aus dem Azaria Chamberlain verschwand.
    foto: epa

    Das Zelt, aus dem Azaria Chamberlain verschwand.

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