Obama will in Chicago optimistisch Abschied nehmen

10. Jänner 2017, 18:00
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Der US-Präsident hält in der Nacht auf Mittwoch in der Stadt am Michigansee seine letzte große Rede

Kein Zweifel, es ist die Stunde der Nostalgie. An Wehmut wird es nicht fehlen, wenn Barack Obama am späten Dienstagabend in Chicago (Ortszeit, 3 Uhr Mittwochfrüh MEZ) in einer Kongresshalle namens McCormick Place an ein Pult tritt, um nach acht Jahren im Oval Office eine Abschiedsrede zu halten.

Dass es die "Windy City" am Michigansee ist und nicht die Hauptstadt, in der er seinen letzten großen Auftritt als Präsident zelebriert, ist natürlich mit reichlich Symbolik befrachtet. Im Grant Park Chicagos hat Obama einst den historischen Durchbruch gefeiert, seinen Wahlsieg im November 2008, der bedeutete, dass zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte ein Politiker mit dunkler Haut ins Oval Office einzog. Ob David Axelrod oder Robert Gibbs: Einige der Vertrauten von damals, die sich mit ihm auf den fast zwei Jahre dauernden Wahlkampfmarathon begeben hatten, werden neben ihm auf der Bühne stehen. Und natürlich auch Rahm Emmanuel, sein erster Stabschef im Weißen Haus, der inzwischen Bürgermeister Chicagos ist. Für Lokalpatrioten wie Emmanuel ist die Sache ohnehin klar: Die Stadt feiert die Rückkehr des verlorenen Sohns, der nach einer harten Zeit im fernen Washington zurückkehrt zu seinen Wurzeln.

Das stimmt zwar so nicht, denn zumindest für ein paar Jahre, bis ihre Tochter Sasha ihren Schulabschluss gemacht hat, werden die Obamas noch in der Hauptstadt bleiben, wo sie im Viertel Kalorama eine Villa beziehen.

Ein Fest zum Abschied

Außerdem hatte Barack Obama schon etliche Lebensjahre in Honolulu, Jakarta und New York verbracht, bevor es ihn als Sozialarbeiter nach Chicago verschlug. Aber Chicago, in dem Punkt hat der Bürgermeister recht, ist die Stadt, in der seine politische Karriere begann. Sie werden ihn also mit einem rauschenden Fest feiern, so viel steht fest. Als Sonnabend die Eintrittskarten vergeben wurden, standen viele Tausend Menschen in klirrender Kälte Schlange am McCormick Place – und etliche gingen leer aus.

Was der scheidende Präsident sagen wird, hütet das Weiße Haus einstweilen wie ein Staatsgeheimnis. Josh Earnest, sein Sprecher, lieferte Kostproben rhetorischer Schlängelkunst, als er Reporterfragen nach dem Inhalt der Rede im Stile eines sehr erfahrenen Diplomaten abwehrte. "Was ich Ihnen sagen kann, ist, dass der Präsident eine Abschiedsrede halten wird, die den Blick nach vorn richtet", sagte Earnest. Obama sei optimistisch, was die Zukunft angehe, und er wolle gern erklären, warum dem so sei, fügte er an.

Das klingt nach dem Barack Obama, der seine Mitarbeiter im Weißen Haus in der Stunde des Schocks nach Donald Trumps Wahlsieg mit den Worten zu trösten versuchte, dass eine Katastrophe anders aussehe: "Dies ist nicht die Apokalypse." Es klingt nach "No-Drama Obama", dem Mann, der bisweilen unterkühlt und stets rational wirkt und eine tiefe Abneigung hat gegen Leute, die sich in theatralischer Pose aufplustern. Wie dezidiert die Kritik an seinem Amtsnachfolger ausfällt, das ist das große Rätsel der letzten Rede. (Frank Herrmann aus Washington, 10.1.2017)

Kommentar von Christoph Prantner: Präsident Obama: Visionär und Zauderer

  • Barack Obama feierte mit Gattin Michelle (re.) und seinen beiden Töchtern Sasha und Malia 2008 im Grant Park von Chicago seinen Wahlsieg. Nun hält er in der Stadt auch seine Abschiedsrede.
    foto: apa / afp / emmanuel dunand

    Barack Obama feierte mit Gattin Michelle (re.) und seinen beiden Töchtern Sasha und Malia 2008 im Grant Park von Chicago seinen Wahlsieg. Nun hält er in der Stadt auch seine Abschiedsrede.

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