Innsbruck: Tatverdächtige der Silvesterübergriffe ausgeforscht

9. Jänner 2017, 18:43
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Die Flüchtlinge aus Afghanistan hatten die Tat vermutlich nicht geplant. Unmut wegen FPÖ-affiner Berichterstattung des russischen Auslandssenders RT

Innsbruck – Die sexuellen Übergriffe aus der Silvesternacht in Innsbruck dürften geklärt sein. Die Tiroler Polizei hat insgesamt sechs junge Afghanen ausgeforscht, von denen einer bereits geständig ist. Die Burschen im Alter zwischen 18 und 22 Jahren leben in Tiroler Flüchtlingsheimen sowie in einer Privatunterkunft. Die Gruppe kenne sich und wollte den Silvesterabend gemeinsam in Innsbruck verbringen. Beim dortigen Bergsilvester mischten sich die Burschen unter die rund 25.000 Besucher.

Nach derzeitigem Ermittlungsstand geht die Polizei nicht davon aus, dass die Taten geplant waren. Insgesamt meldeten sich 18 Opfer bei der Exekutive. Die angezeigten Übergriffe reichen von unerwünschten Umarmungen und versuchten Küssen bis hin zum Pograpschen. Nun werden den Opfern, die zum Teil im Ausland leben, Bilder der Verdächtigen zugesandt, um die Täter zu identifizieren. Zudem, so die Ermittler, wird noch gegen weitere zwei unbekannte Täter ermittelt, die ebenfalls beteiligt gewesen sein könnten.

Übergriff im Einkaufszentrum unwahr

Als unwahr stellte sich indes ein weiterer angezeigter sexueller Übergriff in einem Innsbrucker Einkaufszentrum vom vergangenen Samstag heraus. Glaubte man vonseiten der Exekutive zunächst, es könnte sich womöglich um dieselbe Tätergruppe handeln, stellte sich nun heraus, dass doch kein Übergriff stattgefunden hat. Vielmehr handelte es sich um eine verbale Auseinandersetzung nach einer Rempelei.

Seitens der Politik und mancher Medien wurden die Übergriffe der Silvesternacht mit einer seit zehn Jahren in Innsbruck präsenten Gruppe nordafrikanischer Straßendealer in Zusammenhang gebracht. Auch die Diskussionen um verschärfte Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz von Frauen bezogen sich in den vergangenen Tagen auf diese Personengruppe. Nach der Präsentation der Ermittlungsergebnisse durch die Polizei ist nun aber klar, dass diese nichts mit den Vorfällen zu tun hatte.

RT berichtet FPÖ-lastig

Für Aufsehen sorgt indes die massive Berichterstattung des staatlichen russischen Auslandsfernsehens RT über die Vorfälle. Der Sender widmete der Innsbrucker Silvesternacht mehrere ausführliche Beiträge. Darin auffallend: Einzig FPÖ-Politiker, darunter auch der blaue Welser Bürgermeister Andreas Rabl, kommen zu Wort. Vor allem das Live-Interview des Tiroler FPÖ-Sprechers Johannes Überbacher mit RT sorgt derzeit auf diversen Social-Media-Kanälen für Häme ob seiner etwas holprigen Englischkenntnisse.

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Andere Parteien kommen in der Berichterstattung hingegen nicht zu Wort, obwohl die FPÖ de facto Innsbrucks einzige Oppositionspartei ist. SPÖ und die Bürgermeisterinnen-Liste Für Innsbruck (FI) wurden nicht kontaktiert. FI-Klubobmann Lucas Krackl hält die Berichterstattung von RT über Innsbruck für "sehr fragwürdig". Dass die Bürgermeisterin nicht um eine Stellungnahme gebeten wurde, kommentiert er süffisant: "Nein, wir wurden nicht von RT angefragt. Aber wir unterhalten auch keinen Kooperationsvertrag mit der Partei Einiges Russland."

Schwarze Kritik am blauen TV-Auftritt

Auch der Tiroler Wirtschaftsbund-Obmann Franz Hörl (ÖVP) kritisierte die FPÖ harsch für das Interview. "So handelt jemand, der Tirol schaden will", poltert der Touristiker in Richtung Überbacher. Tirol sei schließlich "kein Hort xenophober, sprachlich beschränkter Eiferer" und ebenso kein "Flüchtlingslager".

Innsbrucks VP-Stadtparteiobmann und Tourismusstadtrat Franz Gruber ist nicht erfreut über die Außenwirkung des FPÖ-Auftritts im russischen Fernsehen: "Sie blamieren Innsbruck und stellen den Tourismusstandort in ein völlig falsches und ungerechtes Licht. Wenn das die Ergebnisse der neuen blauen Russland-Achse sind, dann hat die selbsternannte Heimatpartei unserer Heimat damit einen Bärendienst erwiesen." Er selbst habe vergangene Woche einen Anruf aus Russland erhalten. Allerdings sagte die Anruferin Gruber nur, dass sie mit ihm über Innsbruck sprechen wolle, und erwähnte nicht, von welchem Medium sie sei. Gruber bat sie um späteren Rückruf, der aber nicht kam.

FPÖ dementiert guten Draht nach Moskau

Auch die Innsbrucker Grünen berichten von Anrufen aus Russland, deren genauer Ursprung unklar war. Als die Grünen nach mehreren Versuchen unter anderen Namen den Sender RT hinter den Anfragen erkannten, lehnten sie ein Gespräch ab. Die FPÖ sagt, RT habe sie direkt kontaktiert wie andere internationale Medien auch. Mit dem neuen guten Draht nach Moskau solle dies nichts zu tun haben. Neben Überbacher habe auch Landesparteiobmann Markus Abwerzger dem Sender RT ein Interview vor dem Goldenen Dachl gegeben.

Bei RT Deutschland verweist man hinsichtlich der Auswahl der Interviewpartner auf die Zentrale in Moskau, die für diese Berichte verantwortlich zeichne. (Steffen Arora, 9.1.2016)

  • Die Übergriffe vom Innsbrucker Bergsilvester scheinen geklärt. Nun sorgt die Berichterstattung in Russland für Diskussionen.
    foto: innsbruck tourismus / bause

    Die Übergriffe vom Innsbrucker Bergsilvester scheinen geklärt. Nun sorgt die Berichterstattung in Russland für Diskussionen.

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