Ein Staatspreis für das Kopftuch

    Kommentar der anderen9. Jänner 2017, 17:55
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    Österreichische Identität ist inzwischen durch mehr als die deutsche Sprache oder die weiße Norm begründet. Das beweisen Kopftuch und Vielsprachigkeit. Warum Österreich von den USA lernen sollte

    Berechtigt war der Aufschrei, als dem mitunter auf Slowenisch schreibenden österreichischen Autor Florjan Lipuš die Verleihung des Großen Österreichischen Staatspreises für Literatur – der höchsten Auszeichnung, die das Land für Schriftsteller zu vergeben hat – versagt wurde. Denn die Begründung verdeutlicht uns wieder einmal, wo wir in Österreich Nachholbedarf haben.

    Den Staatspreis mit dem Verweis darauf abzulehnen, der Autor schreibe ja nicht auf Deutsch, zeigt, wie sehr das Konzept einer österreichischen Identität noch immer auf das Deutsche verweist. Das gilt in diesem Falle nicht für eine deutsch-nationale Burschenschaft. Unser Österreich wird nicht offen und weit, sondern eng und geschlossen gedacht.

    Ähnlich verhält es sich mit dem zuletzt geäußerten Vorschlag des Vizerektors der Universität Wien, Heinz Faßmann, der gleichzeitig seit 2010 als Vorsitzender des Expertenrates für Integration im Integrationsministerium tätig ist. Vermutlich als Einstimmung für Debatten rund um das Integrationsgesetz meinte er, Lehrerinnen sollten in öffentlichen Schulen kein Kopftuch tragen dürfen, da es eine Botschaft habe und nicht nur ein Stück Stoff sei, was in einem säkularen Staat nicht unproblematisch sei. Er empfehle, hier etwas zu tun, denn diese Fragestellung würde in Zukunft mit Sicherheit stärker diskutiert werden, während das Kreuz im Klassenzimmer als historisch gewachsen anzusehen sei und deswegen eine geringere Bedeutung habe.

    Ähnlich wie im Falle von Lipuš wird hier Österreich als ausgrenzendes Konzept präsentiert. Deutsch versus Slowenisch, Christentum versus Islam. Daham statt das als "anders" Gebrandmarkte, ließe sich im bekannten FPÖ-Jargon sagen. Beide Praktiken der Ausgrenzung verweisen auf ein grundsätzliches – selten benanntes – Problem: Österreicher ist, wer deutsch spricht, weiß ist, und – überspitzt gesagt – blond und blauäugig ist. Mithilfe dieser "weißen Norm" gilt es Menschengruppen von Privilegien auszuschließen, so etwa die Muslimin, die aus religiösen Gründen ihre Haare bedeckt.

    Über diesen Umstand echauffierte man sich nicht, solange diese Frauen die Gebäude um fünf Uhr früh auf Hochglanz brachten, damit die weiße Norm um sieben Uhr saubere Arbeitsplätze vorfindet. Man stößt sich aber daran, wenn plötzlich um sieben Uhr dieselben Frauen das Bild dieser weißen Norm ins Wanken bringen, als gleichberechtigte Arbeitskräfte denselben Berufen nachgehen. Wenn sie aus ihrer Unsichtbarkeit, den Putzkammern, verschwinden und im Klassenzimmer als gleichwertige Autoritätspersonen Schülerinnen und Schüler das Fach Deutsch lehren. Diese Normalität würde das Bild der Privilegierten darüber, was Österreich ausmacht, ins Wanken bringen.

    Dass Faßmann dabei ausgerechnet die Republik dazu aufruft, selbstbewusst ihre Säkularität zu vertreten, irritiert umso mehr, als er das Kreuz nicht anrühren möchte. Anders gesagt: die Privilegien der Kirchen sichern, während Menschen nichtchristlicher Konfessionen für ihr religiöses Bekenntnis ausgegrenzt werden. Das ist nicht Säkularität.

    Ein Blick in die USA, die sich einer weitaus deutlicheren Trennung von Kirche und Staat verpflichten, zeigt, dass nicht nur Säkularität anders funktioniert, sondern auch Identität offener gesehen werden kann. Die 1991 aus Somalia geflüchtete Ilhan Omar wurde ins Abgeordnetenhaus von Minnesota gewählt. Die Kopftuchträgerin wurde am 3. Jänner auf einen Koran eingeschworen. Davon können Musliminnen hierzulande nur träumen. Das geht nur, weil in den USA jede und jeder Amerikaner sein kann, egal was auf dem Kopf getragen wird oder welche sexuelle oder religiöse Identität die Person aufweisen mag – im Land von Donald Trump.

    Zu Recht kann sich Österreich in dieser Welle des Rechtspopulismus damit rühmen, einen Bundespräsidenten aus dem grünen Lager und einen Sozialdemokraten als Kanzler zu haben. Die Frage, die sich aber stellt, ist, was wir daraus machen. Treibt man ein offeneres und inklusiveres Österreich voran, oder wird man ein Integrationsgesetz, das Integration als Assimilation versteht, einführen? (Farid Hafez, 9.1.2017)

    Farid Hafez ist derzeit Fulbright-Professor an der University of California in Berkeley. Er lehrt und forscht an der Universität Salzburg.

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