Neuer Cartellverband-Chef: "Haben seit 1968 an Relevanz verloren"

10. Jänner 2017, 07:00
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Der ÖCV will unter neuer Führung mehr Hochschulpolitik machen und den Unterschied zu den Burschenschaften verdeutlichen

Wien – Die Katholisch akademische Verbindung Bajuvaria ist mit rund 450 Mitgliedern – davon 43 "Aktive" und 13 "Fuxen", also Studenten – keine besonders kleine unter den katholischen farbentragenden Verbindungen, und mit ihrer Bude in der Naglergasse ist sie an einer der besseren Adressen in der Innenstadt beheimatet. Dass die Bajuvaria ab Sommer den "Vorort" im Österreichischen Cartellverband (ÖCV) stellen wird, ist aber insofern bemerkenswert, als die Bajuvaria keine Freundschaftsverbindungen hat, mit denen man gemeinsame politische Projekte hat.

Designierter Präsident ohne Netzwerk

"Wir sind sehr unter uns", sagt der designierte Präsident Michael Jayasekara, der auch ohne besonderes Netzwerk am Samstag einstimmig gewählt wurde, mit 1. Juli die Vorortspräsidentschaft, also den Vorsitz im CV, zu übernehmen. Er tritt damit in große Fußstapfen: Der erste Bajuvare, der den CV-Vorsitz innehatte, war vor 49 Jahren der heutige OeNB-Präsident Claus Raidl – und Jayasekara versucht, die Entwicklung seither zu analysieren: "Ich habe die Beobachtung gemacht, dass wir seit 1968 an Relevanz in der Hochschulpolitik verloren haben."

Konsequenterweise will er den 13.000 Mitglieder zählenden Verband stärker positionieren, getreu dem aus dem ÖCV-Lied entlehnten Spruch: "Gehet, Brüder, unverdrossen unserm Volke stets voran". Dies bedeute auch, die Verwechslungsgefahr mit den Burschenschaften – "die schauen aus der Ferne ähnlich aus, stehen aber für etwas anderes als wir" – zu verringern. Daher lautet das Vorortsmotto: "Es geht ums Prinzip."

Scharfer Kontrast zu Burschenschaftern

Damit sind die vier Prinzipien des ÖCV gemeint: Scientia, Religio, Amicitia und Patria. Mit zwei davon könnten die Burschenschafter nicht mit. Die für CVer wichtige Religiosität (Jayasekara selbst hat erst in der Schulzeit zur christlichen Religion gefunden und sich als Erwachsener taufen lassen) sei der deutschnationalen Konkurrenz ebenso fremd wie das Prinzip Patria. Für den Cartellverband ist der Heimatbegriff schon lange nicht mehr auf Österreich beschränkt, sondern breit europäisch angelegt.

Das Programm der katholischen Studenten für das Sommersemester 2018 ist daher auf historische Bezüge ausgerichtet: auf die Republiksgründung 1918, auf das Jahr 1938, in dem sich die katholischen Studenten gegen die Nazis stellten und dafür verfolgt wurden und auf das Jahr 1968. Damals war der ÖCV tatsächlich noch mächtig, Bundeskanzler war der CVer Josef Klaus. Unter dessen Nachfolger Bruno Kreisky (SPÖ) begann der Einfluss zu erodieren. (Conrad Seidl, 10.1.2017)

  • Michael Alexander Jayasekara übernimmt den CV-Vorsitz.
    foto: georgescu

    Michael Alexander Jayasekara übernimmt den CV-Vorsitz.

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