Hyundai Ioniq electric: Unscheinbare Sensation

    19. Jänner 2017, 10:00
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    Reichweitentauglich für jeden Speckgürtel: Das ist eine der Kernbotschaften des Hyundai Ioniq electric. Wir haben uns das antriebstechnologische Multitalent im Härteszenario Winter angesehen.

    Ein halbes Duzend Ausreden krieg ich aber schneller zusammen, als ihr Wagen von null auf hundert beschleunigt: Reichweite, Ladeinfrastruktur, Asphaltschneider, im Sommer heiß, im Winter kalt, schiach sind sie, zu teuer, und dann natürlich noch einmal die Reichweite – ah so, wir haben das halbe Dutzend Ausreden, warum das mit einem E-Auto nur was für Freaks ist, schon voll. Irgendwas ist halt immer. Der BMW i3 ist gar teuer, der Tesla hat Spaltmaße, dass man fürchtet, sein Hab und Gut darin zu verlieren, der Leaf, na ja, eigen halt ...

    foto: guido gluschitsch
    Am geschlossenen Grill kann man schon erahnen, dass der recht unspektakuläre Hyundai Ioniq einen E-Antrieb hat. Und damit ist er die E-Auto-Überraschung des Jahres.

    Und dann steigst du eines grauslichen Morgens in den Hyundai Ioniq electric ein und hast verstanden, dass dein nächstes Auto ungefähr genau dieses sein sollte. Denn seit gestern Abend, als er in der Redaktion vollgeladen abgesteckt wurde, geht der Wagen durch seine persönliche Hölle und nimmt das aber alles mit einem Lächeln hin.

    Draußen hatte es minus irgendwas, im Auto Strich 22 Gräder. Gefroren wird nimmer im E-Auto, und wenn ich deswegen die letzten drei Kilometer zu Fuß gehen muss, weil die Akkus leer sind. Der Ioniq zeigt beim Wegfahren gut 200 Kilometer Reichweite an – 280 sind es laut Zyklusmessung. Na, das wird schnell weniger werden, lautet der erste Gedanke. Denn auf den E-Flitzer wartet nicht nur eine gräusliche Winternacht und ein bisserl Stop-and-go-Verkehr in Wien, sondern auch noch fast 40 Kilometer Autobahn. Und die mögen die E-Autos gar nicht.

    foto: guido gluschitsch

    Der Vorteil der Reise: Im Hof könnte sich der Ioniq über Nacht eine Extraladung für den Rückweg am nächsten Morgen holen. Der Nachteil: Ich bin zu faul, daheim in den Hof zu fahren, das Kabel aus dem Kofferraum zu holen, den Wagen anzustecken. Draußen ist es kalt und feucht, und ich will so schnell wie möglich ins Haus, wo schon das Feuer im Kamin brennt. Und so bleibt der Ioniq über Nacht draußen auf der Straße. Es wird noch ein wenig kälter werden. Das wird die Akkus nicht freuen. Aber meine Güte, noch ist Strom für weitere 150 Kilometer drinnen. Das wird sich schon für den Weg nach Wien ausgehen ...

    Zuckerguss

    Am nächsten Morgen steckt der Ioniq in einer zuckergussähnlichen Eisschicht. Dick und superkalt. Vor dem Eiskratzen mache ich das, was man bei einem Verbrennungsmotor nie machen darf: Ich starte den Wagen und schalte die Heizung ein. Dabei sehe ich aus dem Augenwinkel, dass über Nacht kaum Reichweite verloren ging.

    foto: guido gluschitsch

    Das Eiskratzen ging flott. Und trotzdem war es beim Einsteigen im Auto bereits wohlig warm. Die Wärmepumpe, die in diesem Wagen verbaut ist, scheint der Knüller zu sein – zudem erhöht dieses Extra die Reichweite um bis zu 13 Prozent, erklärt Hyundai.

    Noch ein wenig Energie lässt sich mit dem "Driver only"-Knopf sparen, dann konzentriert sich die Klimaanlage um den Bereich des Fahrers. Auch ist die Idee gescheit, die Schaltpaddels hinter dem Lenkrad so zu belegen, dass man die Rekuperationsstufen damit steuern kann. Die sind je nach Fahrmodus – Eco, Normal und Sport gibt es – unterschiedlich vorprogrammiert. Und sie sind, so intuitiv, wie sie funktionieren, das beste Beispiel dafür, wie gut dieses Auto gelungen ist.

    foto: guido gluschitsch

    Man muss sich nicht umgewöhnen, alles ist unkapriziös. Wie man sich eben ein Alltagsauto vorstellt. Er fährt sich gut, Lenkung und Fahrwerk haben keine Schwächen, und der Antrieb kann mehr, als wir erwarten. Der Motor regelt nicht bei 130 ab, hat im Eco-Modus, in dem wir meist unterwegs sind, weil er ausreicht, 265 Nm Drehmoment, im Sportmodus noch einmal 30 Newtonmeter mehr, die Reichweite – 200 Kilometer bei den miesesten Bedingungen – ist absolut überzeugend. Zudem sind 35.500 Euro ein angenehm vernünftiger Preis für diesen Wagen. Nur die Lärmdämmung könnte besser sein.

    Zurück in Wien, beim Anstecken, zeigt der Ioniq eine Restreichweite von mehr als 90 Kilometer an. Am Abend ist der Akku wieder voll, draußen hat es minus irgendwas. (Guido Gluschitsch, 19.1.2017)

    foto: guido gluschitsch

    TECHNIK

    Preis: ab 35.490 € (Testwagen 36.990 €) O E-Motor O Getriebe: einstufig O Leistung: 88 kW (120 PS) O Drehmoment: 295 Nm O Akkus: Lithium-Ionen- Polymer O Nennkapazität: 28 kWh O Nennspannung: 360 V O Beschleunigung: 9,9 sec 0-100 km/h O Höchstgeschwindigkeit: 165 km/h O Kofferraumvolumen: 350-1410 l O Elektrische Reichweite laut NEFZ: 280 km

    Link

    Hyundai

    Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

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