Turrinis Hedy-Lamarr-Stück: Hommage an eine wiederentdeckte Leinwandkönigin

    10. Jänner 2017, 09:00
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    Peter Turrini hat ein Stück über die österreichische Hollywood-Schauspielerin und Erfinderin Hedy Lamarr geschrieben. Uraufführung von "Sieben Sekunden Ewigkeit" ist am Donnerstag am Theater in der Josefstadt. Stichworte zu einer widersprüchlichen Diva

    Döbling: Hedwig Kiesler, geboren 1914, wuchs in der Peter-Jordan-Straße in Wien-Döbling als einziges Kind des Bankiers Emil Kiesler und dessen Gattin, der Konzertpianistin Gertrude Lichtwitz, auf. Eine "paradiesische Kindheit" nannte sie das später, an deren Ort sie aber nicht mehr zurückkehrte. Kiesler starb im Jänner 2000 in Altamonta Springs in Florida.

    Ekstase ist der Titel jenes Films von Gustav Machatý, durch den Hedwig Kiesler 1933 bekannt und mit dem sie vor allem wegen der darin enthaltenen Nacktszenen zeit ihres Lebens verbunden blieb. Ekstase wurde als ein von symbolschwerer Bildsprache getragener Film 1934 in Venedig mit dem Regiepreis geehrt. Bemerkenswert an ihm ist, dass die einen Ehebruch bedingende Liebesgeschichte ohne moralisierende Perspektive erzählt wird. Extasy and Me nannte Kiesler, die sich später in Hollywood den Namen Hedy Lamarr gab, auch ihre Autobiografie, ein freizügiges und fantasievoll geschriebenes Buch über ihre sechs Ehen, Affären und Traumfabrik-Anekdoten.

    "Sieben Sekunden Ewigkeit" heißt Peter Turrinis neues Stück über Hedy Lamarr, das sich im Titel auf die nämlichen Nacktszenen aus dem Film Ekstase bezieht. Es feiert in der Regie von Stephanie Mohr am Donnerstag Uraufführung im Theater in der Josefstadt (19.30 Uhr). Als Hedy Lamarr: Sandra Cervik.

    Erste Nacktszene: Die vielzitierte "erste Nacktszene der Filmgeschichte", in der Hedwig Kiesler als 18-Jährige nackt badet und anschließend unbekleidet durch Gebüsch läuft, ist lediglich eine PR-Zuschreibung. Nacktszenen gibt es seit Beginn der Kinematografie, u. a. standen bereits 1915 und 1916 die Schauspielerinnen Audrey Munson (Inspiration) und Annette Kellermann (A Daughter of the Gods) nackt vor der Kamera.

    "The Knockout Beauty" (Zitat Bob Hope) ist eine der vielen Schönheitsbezeichnungen für Hedy Lamarr. Schon Max Reinhardt, an dessen Schauspielschule die angehende Aktrice gegen den Willen ihrer Eltern in Berlin studierte, war von ihrem ebenmäßigen Antlitz hingerissen. Vom Transatlantikdampfer ging Lamarr in New York bereits als "die schönste Frau des Jahrhunderts" (Kolumnist Ed Sullivan) von Bord. Nach ihrem ersten Hollywood-Erfolg (Algiers, 1938) eigneten sich gar Stars wie Joan Crawford den Hedy-Look an: Mittelscheitel und brünett.

    Frequenzsprungverfahren: Mit Hedy Lamarrs Forscher-Fortune in den 1940er-Jahren war die PR-Abteilung in Hollywood überfordert. Kaum jemand wusste, dass Lamarr gemeinsam mit dem Avantgardemusiker George Antheil ab 1941 das sogenannte Frequenzsprungverfahren (FSV) entwickelt hatte, ein System zur sicheren Steuerung von Torpedos. Eine Erfindung für den Kampf gegen die Nazis in Europa. Das Patent mit der Nummer 2.292.387 verschwand zunächst in den Schubladen, lief 1959 ab, wurde aber später von der Marine für die Radarsteuerung von U-Booten umgesetzt. Das Erfinderduo schaute durch die Finger. Seit den 1980ern wird das FSV vor allem in der Telekommunikation verwendet. Erst in den 1990ern wurde Lamarr dafür ausgezeichnet und als Erfinderin neu entdeckt.

    Wahrheit: Zu Fakten pflegte Hedy Lamarr ein lockeres Verhältnis. Das legt es dem Dramatiker Turrini nahe, selbst zu fabulieren. "Ihrer realen Biografie zu folgen, das wollte ich nicht. [...] aus Vorfindungen wurden Erfindungen", so der Autor. Zu entscheidenden Wendungen in Lamarrs Leben existieren stets mehrere Erzählvarianten. So etwa zu der Art und Weise, wie sie aus ihrer ersten Ehe mit dem Wiener Fabrikanten Fritz Mandl (Hirtenberger Patronenfabrik) flüchtete. Der eifersüchtige Magnat stellte seine junge Gattin unter Aufsicht und untersagte ihr eine Filmkarriere. Kiesler floh – als Dienstmädchen verkleidet oder mithilfe eines Diplomaten – und schiffte sich wohlweislich auf der Normandie, dem Lieblingsdampfer der Hollywood-Prominenz, nach New York ein. (Margarete Affenzeller, 10.1.2017)

    • Hedy Lamarr auf einem Foto aus dem Jahr 1939, nach ihren ersten, noch ans Rollenfach der Exotin gebundenen Filmerfolgen in Hollywood, "Algiers" und "Lady of the Tropics". Lamarr galt vielen als "die schönste Frau des Jahrhunderts", eine verinnerlichte Zuschreibung, die ihre schauspielerische Arbeit vielen als "statuarisch" erscheinen ließ.
      foto: everett collection / picturedesk.com, clarence bull

      Hedy Lamarr auf einem Foto aus dem Jahr 1939, nach ihren ersten, noch ans Rollenfach der Exotin gebundenen Filmerfolgen in Hollywood, "Algiers" und "Lady of the Tropics". Lamarr galt vielen als "die schönste Frau des Jahrhunderts", eine verinnerlichte Zuschreibung, die ihre schauspielerische Arbeit vielen als "statuarisch" erscheinen ließ.

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