Skisport in Wien – es war einmal ...

9. Jänner 2017, 13:41
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Einst gab es in Wien Skihalle, Skipiste und Sprungschanzen. Davon ist nichts mehr übrig. Aber es gibt hoffnungsvolle Skisportler

Wien – Wien mag ja von vielem in Österreich das Zentrum sein. Aber der Skisport ist überall mehr zu Hause als in der Bundeshauptstadt. Wiens höchster Berg, der Hermannskogel, misst 542 Meter. Und von der einzig relevanten Skipiste, der Hohe-Wand-Wiese, ist nur mehr ein Fleckerl übrig.

Und also sind die erfolgreichsten Skisportler des Landes eher keine Wiener. Trotzdem: Der Skisport in Wien hat Tradition. 1891 wurde in Wien der erste Skiverein Österreichs gegründet. Der Wiener Skiverband existiert seit 1913.

104 Jahre später erzählt man sich die eine oder andere Anekdote von früher, träumt man von Skipisten, Langlaufloipen, von mehr Mitgliedern und Aushängeschildern. "Es ist wichtig, dass der Wintersport gerade in Ballungsräumen aufrechterhalten wird", sagt Hermann Gruber, Präsident des Wiener Skiverbands. Schließlich seien es die Menschen aus den Städten, die dem Wintertourismus einen großen Teil der Einnahmen bescherten.

Manuela Mandl (28) ist auch eine Wintertouristin aus Wien. Als Kind fuhr sie am Hauser Kaibling Ski. Mit 13 stieg sie aufs Snowboard um. Mit 16 traf sie Leute aus der Freerider-Szene und ließ sich anstecken. In diesem Winter darf sie erstmals als eine von acht Frauen an der Freeride-World-Tour teilnehmen. Als Wienerin. "Ich bin seit vielen Jahren viel im Auto unterwegs", sagt sie. Mandl nimmt das in Kauf.

Lukas Pachner startet im Snowboard-Weltcup

Genau wie Lukas Pachner. Der Niederösterreicher hat sein erstes Lebensjahr in Wien verbracht, ist im 18. Bezirk in die Schule gegangen und fährt für einen Wiener Skiklub. Heuer bestreitet er seine zweite Saison im Boardercross-Weltcup. Im Dezember belegte er im Teambewerb in Montafon gemeinsam mit Julian Lüftner Platz sieben. Es war der bisher größte Erfolg des 25-Jährigen.

Pachner begann als Skifahrer, wechselte mit 13 auf das Board. Bei Wiener Schülermeisterschaften wurde er von Trainer Alexander Dienst entdeckt. Pachner arbeitete sich Schritt für Schritt nach oben. In der Vorsaison wurde er Staatsmeister. Als halber Wiener. Bis dahin hatten lediglich zwei Wiener Skisportler nationale Titel geholt: die Buckelpistenskifahrerin Tatjana Fleck in den 1990ern und der nordische Kombinierer Leopold Kohl in den 1950ern.

Aber Pachner will mehr: die Qualifikation für die WM im März in der Sierra Nevada und für Olympia 2018 in Pyeongchang schaffen. Im Winter wohnt er mittlerweile in Innsbruck. Das verkürzt die Wege in die Skigebiete.

Felix Ortner fährt Fis-Rennen

Auch Felix Ortner ist in den Westen übersiedelt. Der 20-jährige Alpinskiläufer aus dem 14. Gemeindebezirk hat am Skigymnasium in Saalfelden maturiert – als zweiter Wiener. Mittlerweile lebt er im Salzburger Wintersportort in einer WG mit einem Skikollegen. "Von Wien aus ist der Skisport schwer zu betreiben", sagt er. Im Alpinsektor ist der Konkurrenzkampf besonders groß.

Ortner bestreitet Fis-Rennen – die dritte Kategorie im Alpin-Skisport. Er hofft, bald in den Europacup aufzusteigen und in den ÖSV-Kader aufgenommen zu werden. Dann müsste nicht mehr der Vater, Vorstand in der Ottakringer Brauerei, die Kosten für die Sportkarriere des Sohnes übernehmen. 12.000 bis 15.000 Euro kostet eine Saison.

Dreijährig begann Ortner Ski zu fahren – auf der Hohe-Wand-Wiese. Dort absolvierte er auch seine ersten Rennen. Zunächst war der Penzinger auch ein erfolgreicher Kunstturner. "Mit zwölf war ich im Turnen und im Skifahren Wiener Meister." Ortner entschied sich für den Skisport. "Das hat mir mehr Spaß gemacht." Im Skigymnasium war er als Wiener zunächst ein Underdog. "Am Schluss war ich der Beste."

Lantschner, Bosio, Polland

Die Beste war einst Inge Lantschner. Die Tiroler Skiläuferin, die für den Ersten Wiener Skiclub startete, gewann bei der WM 1933 in Innsbruck dreimal Gold. Am selben Ort und im selben Jahr sorgte der Wiener Harald Bosio für Österreichs erste nordische WM-Medaille. Er gewann Bronze in der Nordischen Kombination. Und schon 1928 war die gebürtige Wienerin Lisbeth Polland die erste Kandahar-Siegerin in St. Anton.

Die Erfolgsliste des Wiener Skiverbands ist enden wollend. Die Bedingungen für den Skisport in der Großstadt waren zwar stets bescheiden, aber schon besser, wie etwa in dem 2013 erschienenen Buch "Es begann in Wien – eine Spurensuche im Schnee" nachzulesen ist.

Schon 1966 wurde die Hohe-Wand-Wiese samt Schneekanonen, Schlepplift und Flutlicht eröffnet. Ein Jahr später stieg dort der erste Parallelslalom auf europäischem Boden. Und 1986 fand ebenda der erste Weltcup-Parallelslalom statt. Unter Flutlicht und vor 10.000 Zuschauern siegte der Italiener Ivano Edalini im Finale gegen den Deutschen Markus Wasmeier.

Skihalle im Nordwestbahnhof

Pionier war Wien auch in Sachen Indoor-Ski. 1927 wurde der "Schneepalast" in der Nordwestbahnhofshalle eröffnet. In der weltweit ersten Skihalle wurde auf Sodaschnee Ski gefahren, Ski gesprungen und gerodelt. Das Illustrierte Sportblatt schrieb damals:

"Man läuft wirklich überraschend gut im Nordwestbahnschnee. Es ist wie Firnschnee, wie der alte Herrenschnee, alles gelingt spielend, Christianiaschwünge reißen sich von selbst, Scheeren gleiten von alleine, Telemark sind auch hier außer Mode und bei Quersprüngen kann man sich ebensoleicht die Brettln brechen, wie in der Natur."

Wegen hoher Kosten wurde der Schneepalast nach kurzer Zeit wieder geschlossen. Ab den 1930er-Jahren wurde in Wien unter freiem Himmel Ski gesprungen – auf dem Cobenzl und in Hadersdorf-Weidlingau.

Am Himmelhof in Hietzing wurde 1948 eine 45-m-Schanze gebaut. Durch eine Brandstiftung im Jahr 1980 wurde sie derart beschädigt, dass sie abgetragen werden musste. Eine Sprungschanze gibt es in Wien längst nicht mehr, seit 2005 aber einen Skisprungverein: die Stadtadler. Skisprungtrainings steigen natürlich außerhalb Wiens.

Wünsche: Loipe, Skiwiese, Schwerpunktschulen

Skisport in Wien zu betreiben ist praktisch unmöglich. Geht es nach Verbandspräsident Hermann Gruber, soll das nicht so bleiben. Er wünscht sich eine Skiwiese mit Schneekanonen, eine beschneibare Langlaufloipe, Wintersport-Schwerpunktschulen und mehr Vereinsmitglieder. Derzeit sind rund 5000 Wintersportler in 65 Vereinen gemeldet. "Die Zahl ist rückläufig."

Die Idee eines Weltcup-Parallelrennens in Schönbrunn ist indes vom Tisch. Gruber: "2013/14 waren wir nah dran." Das Projekt sei an der Terminfrage und an den Vorstellungen des Renndirektors gescheitert. Dieser habe sich eine VIP-Tribüne beim Neptunbrunnen gewünscht. Das ging dann doch zu weit. Wien ist eben eine Kulturstadt. Und eine Stadt mit Tradition. Sogar im Wintersport. (Birgit Riezinger, 9.1.2017)

  • Im Jänner 1938 wurde die Wienerwaldschanze in Hadersdorf-Weidlingau eröffnet. Knapp 70 Meter weit konnte man hier springen. Die Schanze erfreute sich großer Beliebtheit.
    foto: imagno / picturedesk.com

    Im Jänner 1938 wurde die Wienerwaldschanze in Hadersdorf-Weidlingau eröffnet. Knapp 70 Meter weit konnte man hier springen. Die Schanze erfreute sich großer Beliebtheit.

  • Skiläufer Felix Ortner (links) hofft auf die Aufnahme in den ÖSV-Kader. Das hat Snowboarder Lukas Pachner schon geschafft. Und Snowboard-Freeriderin Manuela Mandl zählt zur Weltelite.
    foto: gergö toth

    Skiläufer Felix Ortner (links) hofft auf die Aufnahme in den ÖSV-Kader. Das hat Snowboarder Lukas Pachner schon geschafft. Und Snowboard-Freeriderin Manuela Mandl zählt zur Weltelite.

  • Die Skipiste auf der Hohe-Wand-Wiese (hier eine Aufnahme aus dem Jahr 2005) ist Geschichte.
    foto: der standard

    Die Skipiste auf der Hohe-Wand-Wiese (hier eine Aufnahme aus dem Jahr 2005) ist Geschichte.

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