"Die Überglücklichen": Roadtrip durch die verrückte Normalität

8. Jänner 2017, 15:28
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In Paolo Virzìs Komödie geht es um die Flucht aus der italienischen Gesellschaft

Wien – Psychiatrische Kliniken werden in Filmen selten als Setting für Zufluchts- und Ruheorte eingesetzt. Zumeist dienen sie als Spannungsfeld zwischen grausamem Unbehagen und tragischer Komik, aus dem die geplagten Figuren entkommen wollen.

foto: filmladen
Beatrice und Donatella reisen durch die üble Wirklichkeit.

Regisseur Paolo Virzì dreht dieses Verhältnis allerdings nun um. In seiner Komödie Die Überglücklichen ist es die italienische Gesellschaft, vor der es sich in besonderer Weise zu retten gilt. Doch das müssen seine manisch-depressiven Protagonistinnen erst noch lernen. Denn Beatrice (Valeria Bruni-Tedeschi) ist es bereits in Mark und Bein übergegangen, dass es im Leben doch vor allem auf den schönen Schein ankommt. Das Vermögen ihrer Familie und ihre gesellschaftliche Position an der Seite eines prominenten Anwalts hat sie jedoch für eine Affäre mit einem Berufsverbrecher verspielt.

Trotzdem wähnt sie sich als Hausherrin der Villa Biondi, einer psychiatrischen Anstalt, in der Beatrice nun untergebracht ist – auch dieses Domizil war ja einmal tatsächlich in ihrem Familienbesitz. Sie kommandiert deshalb auch weiterhin ihre "Angestellten" herum, sie beschwert sich über zu wenig Privatsphäre und blickt dann und wann auch ungeniert in Patientenakten.

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Mit dem Eintreffen von Donatella (Micaela Ramazzotti) trifft die stets plappernde Beatrice dann auf ihr Gegenstück: Die junge Frau ist verschlossen, traurig und vergräbt ihr Gesicht in abgetragenen Kapuzenpullis. Dennoch verbindet die beiden etwas: Die Sehnsucht nach dem Leben außerhalb der Villa Bondi, das sie erst dorthin gebracht hat.

Donatella hat einen Sohn, den sie unbedingt sehen möchte. Beatrice sehnt sich nach ihren Liebhabern, dem Kaufrausch und noblen Gesellschaften. Und den beiden gelingt schließlich die Flucht – das gemeinsame Roadmovie beginnt.

Kein Glück zu verkaufen

Die Kamera (Vladan Radovic) ist dabei stets ganz nah an den Figuren und begleitet die beiden Frauen, die sich gleich in mehreren Welten zurechtfinden müssen: Sie klammern sich an ihre Erinnerungen, die verklärend und schmerzhaft zugleich sind.

Im Vergleich zu der sogenannten Wirklichkeit müssen sie schließlich einsehen, dass das schützende Umfeld der Villa Bondi noch am normalsten ist. Hier sind die beiden wenigstens willkommen. Denn Beatrice kann es sich mittlerweile nicht mehr leisten, ihr Glück wie gewohnt zu kaufen.

Der italienische Regisseur Paolo Virzì wirft in seinem Film damit nicht nur erneut einen kritischen Blick auf die italienische Gesellschaft, sondern plädiert auch dafür, traurig sein zu dürfen. Es kommt eben nicht nur auf den schönen Schein an. (Katharina Stöger, 8.1.2017)

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