Das Bücherjahr 2017: Erklären und erfreuen

Ansichtssache8. Jänner 2017, 09:00
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Wien – Durchschnittlich rund 30 Euro hat zuletzt jeder Österreicher jährlich für Belletristik ausgegeben. Damit ist sie nach wie vor der größte Einzelposten im Umsatz des heimischen Buchhandels, aber der Anteil schrumpft. Eineinhalb Hardcover- oder drei Taschenbücher gehen sich darum in etwa aus. Das ist nicht viel. Immer weniger Titel entscheiden über Glück und Verderb der Branche. Einzelne Bestseller sichern oft das Überleben ganzer Verlage und sind zugleich Grundlage der Querfinanzierung von Nischenprogrammen. Steigende Zahlen verfügbarer Titel dürfen also nicht darüber hinwegtäuschen, dass de facto nur einige wenige auch wirklich gekauft werden.

Ein Ausblick auf die Neuerscheinungen 2017 steckt somit von vornherein in einem Dilemma. Hier dennoch der Versuch, einige Tipps und Highlights der ersten Jahreshälfte aufzulisten. Denn das Angebot in den Verlagsprospekten ist reichlich.

foto: ap

US-Erzähler Von der anderen Seite des Atlantiks her melden sich allein in den kommenden Monaten vier Kassenschlager zu Wort. Neben T. C. Boyle (Die Terranauten, Hanser, 9. 1.) und Dave Eggers (Bis an die Grenze, Kiepenheuer, 9. 3.) etwa Paul Auster. In 4 3 2 1 (Rowohlt, 31. 1.) folgt er dem Gedankenspiel, dass alles immer auch ganz anders kommen könnte, und entwirft vier verschiedene Verläufe desselben Lebens im Amerika der 1950er und 1960er. Zeitpanorama inklusive. Die andere wichtige Zahl zum Buch lautet 1264, so viele Seiten hat es. Landsfrau Toni Morrison (in Bild) wiederum zählt zu den bedeutendsten Vertreterinnen afroamerikanischer Literatur. Im April erscheint mit Gott, hilf dem Kind (Rowohlt) der elfte Roman der 85-jährigen Literaturnobelpreisträgerin zur Situation der Schwarzen in den USA. Heute, verfolgt man die Nachrichten, nicht weniger aktuell als in den 1970ern, als sie zu veröffentlichen begann.

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foto: lukas beck

Aktuelle Themen Um Fragen von Moral und Zivilisation geht es auch in Franzobels (im Bild) 600-Seiten-Wälzer Das Floß der Medusa (Zsolnay, 30. 1.). Mehr Geduld braucht, wer auf Pankaj Mishras diagnostischen Versuch zu Terror, Nationalismus und Integration unter dem sprechenden Titel Das Zeitalter des Zorns (Fischer, 22. 6.) oder Ilija Trojanows autobiografischen Essay Nach der Flucht (Fischer, 24. 5.) wartet. "Es gibt ein Leben nach der Flucht, doch die Flucht wirkt fort, ein Leben lang", schreibt er darin – was auch der unfreiwillig von Polen nach Wien emigrierte, zwölfjährige Held in Radek Knapps Erzählung Der Mann, der Luft zum Frühstück aß (Deuticke) schon ab Februar wird bezeugen können.

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foto: apa/georg hochmuth

Leichte Kost Einfacher über den Ladentisch geht aber meist leichte oder als leicht getarnte Kost. Neue Statusmeldungen hat Stefanie Sargnagel (im Bild) ins Internet getippt (21. 7.), ebenso Launiges gibt es von Heinz Strunk (Jürgen, 24. 3.) und Tex Rubinowitz (Lass mich nicht allein mit dir, 17. 2.; alle bei Rowohlt) zu erwarten. Von Charlotte Roche hat man, übrigens, noch nichts vernommen.

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foto: apa

Fortsetzung Never change a winning team – in Zeiten immer rascherer Rotation am Markt können auch Fortsetzungen Gold wert sein. Insbesondere als die audiovisuelle und digitale Konkurrenz innerhalb des Unterhaltungsspektrums ungebrochen zulegt. Manche sehen das ausladende Erzählen gar schon in Netflix-Serien abgewandert. Leserbindung zählt.

Weiter geht es 2017 also nebst anderem mit Karl Ove Knausgårds (im Bild) autobiografischem Projekt, Kämpfen heißt dessen sechster Teil auf Deutsch und erscheint im Mai bei Luchterhand. Gleich dreimal geht Elena Ferrantes Neapolitanische Saga weiter: Die Geschichte eines neuen Namens erscheint dieser Tage, Band drei und vier folgen im Mai und Oktober bei Suhrkamp, wo die Erfolgskuh zudem mit Auflagen früherer Ferrante-Romane gemolken werden soll.

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foto: andreas pein / laif / picturedes

Verlässlich Keine Fortsetzungen, doch Neues gibt es von Größen wie dem Portugiesen António Lobo Antunes (Ich gehe wie ein Haus in Flammen, Luchterhand, April) und Julian Barnes, dessen Künstlerroman Der Lärm der Zeit (Kiepenheuer, 16.2.) sich dem Leben des Komponisten Dimitri Schostakowitsch zwischen Kunst und politischer Unterdrückung widmet.

Aber wozu in die Ferne schweifen. An heimischen Erzählern legen desweiteren u. a. Thomas Sautner (Das Mädchen an der Grenze, Picus, 27. 2.) und Eva Menasse (Tiere für Fortgeschrittene, Kiepenheuer, 9. 3.; im Bild) vor.

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foto: epa

Entdeckungsreisen Den Balkan einmal mehr bereist hat der Dichter und Denker Karl-Markus Gauß und berichtet davon in Zwanzig Lewa oder tot (Zsolnay, 30. 1.) in Reportagen und Geschichten voller Sympathie und Neugier. Der Historiker Philipp Blom wiederum nimmt uns – nach seinen detailreich verfassten und mit Genuss zu lesenden Panoramen der Vor- und Zwischenkriegszeiten des 20. Jahrhunderts – in seinem neuen Buch Die Welt aus den Angeln (Hanser, 20.2.) mit zurück ins 17. Jahrhundert, als eine kleine Eiszeit das Leben auf dem europäischen Kontinent in eine Krise und zugleich Chance stürzte. Wie immer zu lesen mit der Gegenwart (Klimawandel) im Hinterkopf. Dem Glück in allen seinen Ausprägungen und aus allen möglichen Betrachtungswinkeln fabulierfreudig auf der Spur ist hingegen der Wiener Philosoph Franz Schuh in Fortuna (Zsolnay, 20. 1.; im Bild).

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foto: schloss eggenberg, graz

Jubiläum Und zu guter Letzt: Auch Jubiläen befeuern Verkäufe. An Walter Benjamin erinnert zum 125. Geburtstag mit einer neuen Biografie Lorenz Jäger (Rowohlt, 17. 2.), an Maria Theresias (im Bild) 300. Wiegenfest sicher nicht nur die feministische Philosophin Élisabeth Badinter (Zsolnay, 13. 3.).

Den eigenen runden Geburtstag feiert neben Martin Walser, der im März 90 wird und soeben Statt etwas oder der letzte Rank (Rowohlt) veröffentlicht hat, auch Peter von Matt. Mit Vorlaufzeit zum – ebenso ein Anlass – Valentinstag veröffentlicht der Schweizer, er wird im Mai 80, Ende Jänner mit Sieben Küsse (Hanser) Deutungen zu zärtlichen Lippenbekenntnissen der Literaturgeschichte. (Michael Wurmitzer, 8.1.2017)

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