"Passengers": Dornröschen im Weltall

7. Jänner 2017, 12:00
79 Postings

Morten Tyldums Science-Fiction-Drama mit Jennifer Lawrence und Chris Pratt – Film über die Einsamkeit, nicht ohne Heldenmut

Wien – "Es ist nicht möglich, dass Sie hier sind." Ein Barkeeper hat zwar nicht immer recht, doch ein guter Barkeeper achtet darauf, dass seine Kundschaft sich im Recht wähnt.

Arthur (Michael Sheen) ist der perfekte Barkeeper, und zwar nicht deshalb, weil er ein Jahr und drei Wochen lang nur einen einzigen Gast hat. Arthur macht hinter seiner Theke, die an jene im Overlook-Hotel aus Stanley Kubricks The Shining erinnert, jeden Tag dasselbe Gesicht, dafür hat er keine Beine. Denn Arthur ist ein Roboter. Doch für Jim Preston (Chris Pratt) ist er das einzig ansprechbare Wesen, seit er an Bord des Raumschiffs Avalon aufgewacht ist. Aber dass er nun allabendlich hier seinen Drink schlürft, obwohl er eigentlich noch neunzig Jahre im Tiefschlaf liegen sollte, das kann Arthur bei allem Verständnis für seinen Stammgast nicht verstehen.

skip
Passengers – Trailer

Es gibt Science-Fiction-Filme, und oft sind es die besten ihrer Art, die mit einer einzigen Idee neue Denkräume öffnen. Weil sie nicht vom Fremden erzählen, das da draußen im Universum auf die Menschheit wartet, sondern davon, was einen erwartet, wenn man bei sich selbst landet. Tarkowskis Solaris nach Stanislaw Lem ist ein solcher Film, aber auch Arbeiten abseits des olympischen Kanons wie Brian De Palmas Mission to Mars. Eine solche Idee muss über jene der Filmerzählung hinausreichen. Sie muss davon berichten, was dem Menschen fremd an sich selbst ist. Die eigenen Abgründe sind beängstigender als die unendlichen Weiten.

Passengers erzählt in Form einer Robinsonade von einer solchen Idee, in aller Einfachheit. Was geschieht, wenn man feststellt, dass man den Rest seines Lebens allein sein wird? Wie lange dauert es, bis man aufhört, sich gegen sein Schicksal zu wehren? Und wie lange behält man – zum Beispiel an Bord eines Raumschiffs, das weitere fünfhundert Menschen zu einer fernen Kolonie bringen soll – klare Gedanken und weckt nicht jemanden anderen auf, in den man sich verliebt hat, weil die Angst vor der Einsamkeit größer ist als die vor dem Unheil, das man damit anrichtet?

Eine Titanic im Weltraum

Man merkt dem Drehbuch von John Spaihts, dem Autor von Ridley Scotts formidablem Science-Fiction-Film Prometheus, seinen Wunsch an, für all diese Fragen Antworten zu finden – und gleichzeitig eine Abenteuergeschichte zu erzählen, die möglichst wenig Fragen aufwirft.

Im Grunde funktioniert Passengers, nachdem Jennifer Lawrence als Schriftstellerin mit dem schönen Namen Aurora als wach gewordener Traum das Handwerkerleben Prestons bereichert, wie ein Kammerspiel mit zweieinhalb Darstellern. Doch über dem Glück der Erweckung des Dornröschens, das hier in einer Stasiskammer ruht, schwebt die unverzeihliche Schuld, und es ist nur eine Frage der Zeit – von der man nun ja ausreichend zur Verfügung hat -, bis das riesige Luxusschiff, eine durch den Weltraum schwebende Titanic, zum Gefängnis der Gefühle wird.

Paar im Schwebezustand

Die besten Momente dieses Films gelingen dem gebürtigen Norweger Morten Tyldum, der zuletzt das Biopic The Imitation Game über den britischen Mathematiker Alan Turing inszenierte, auch deshalb, solange sich das Paar auf Lebenszeit in einer Art von Schwebezustand befindet. Ein Kennenlernen, das Jahre dauern könnte und dennoch seiner irdischen, sprich menschlichen Gesetzmäßigkeit folgt. Man ist ja Mensch geblieben, und die Regeln und Vergnügungen der Zivilisation aufzugeben, das ist nur dem gestattet, der wirklich allein ist. Zu zweit ist wieder alles anders.

"Für immer reisen. Niemals ankommen", notiert Aurora in ihr Tagebuch, doch der Worte sind spätestens dann genug, wenn große Gefahr nach Taten verlangt – und damit leider auch Passengers in eine Richtung abbiegt, bei der die Gedanken abgelöst werden vom funktionalen Heldenmut. Bis hin zum übermenschlichen Schlussakkord.

Dabei wäre es doch so einfach gewesen, hätten sich Adam und Eva im Weltall an die Worte ihres Roboters gehalten: "Denk dich nicht ständig dorthin, wo du lieber sein möchtest. Leb ein bisschen." (Michael Pekler, 7.1.2017)

Jetzt im Kino

  • Für immer zu zweit: Noch genießen Jennifer Lawrence und Chris Pratt das Leben im Luxusraumschiff. Und Michael Sheen serviert die Drinks.
    foto: sony pictures

    Für immer zu zweit: Noch genießen Jennifer Lawrence und Chris Pratt das Leben im Luxusraumschiff. Und Michael Sheen serviert die Drinks.

Share if you care.