Peter Rosei: Datenplunder als Warenwelt

Essay8. Jänner 2017, 10:00
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Es trompetet, rumpelt und klappert kräftig, wir erleben eine neue Premiere. Es zeigt sich ein funkelnagelneuer Typus von Warenwelt: Datenzeug, Datenplunder – als Wissen aufgemacht – treibt tolle Allotria

Die Zeit der Aufklärung, kommt mir vor, ist jetzt für ein Weilchen bald vorbei. Ist schon vorbei? Schon lang? Ah! Geht sie grad zu Ende? Die embryonale Bestie, noch blind – doch viel sehen wird sie ja nie – reißt schon das Mäulchen auf und zeigt die Zähnchen, drängt aus traulich-warmen Tiefen des Gemüts heftig ans Licht: Bald wird es beißen, das Tierchen. Insbesondere jene, die so undelikat sind, seine Schwachsichtigkeit nicht großzügig zu übersehen.

Zugleich erleben wir bizarrerweise ein zweites, ein ganz anderes, ein scheinbar entgegengesetztes Phänomen: Der Geist, ja, ausgerechnet der, scheint jetzt – ausgerechnet jetzt – total in Mode zu kommen oder gekommen zu sein. Zumindest in Teilen der Sozietät, mögen sie auch etwas abgelegen sein: Von Randlage möchte ich dabei durchaus nicht sprechen. Das gibt sich gelahrt, umfassend belesen, fein bewandert, beinah allwissend. Mit Google im Talon lässt sich ja fast jedes Spielchen gewinnen. Wiki jubiliert. Der Unterschied zwischen Daten und Wissen verkleinert sich rasant.

Wissen, sagen wir mal, besteht aus irgendwie organisierten Daten. Auch was Charakter heißt, könnte im Denkprozess ja kurz einmal hereingeschaut haben. Aber, nein: Was hier – na, Triumphe sind's ja nicht gerade – was hier abläuft und gelegentlich über die Bretter geht, sind Ergüsse von Daten, in deren trüber Flut der Adressierte bzw. das p. t. Publikum mit knapper Not den Kopf oben behalten kann. Skurrilität geht dabei ohne weiteres durch, des hohen Unterhaltungswerts wegen. Sei doch nicht fad! Wer hört auch schon immer hin? Das trompetet, rumpelt und klappert kräftig. Dabei erleben wir eine Premiere: Es zeigt sich ein funkelnagelneuer Typus von Warenwelt: Datenzeug, Datenplunder – als Wissen aufgemacht – treibt tolle Allotria, kann dabei aber durchaus ernsthaft daherkommen, ja, meist kommt es zum Lachen ernst daher: Es ist dann Sache der Zuhörer bzw. des Publikums, hip oder dada zu sein, ich meine, so vergeht auch die Zeit – und wie!

"Entschuldigen Sie: Ich habe kein Wort verstanden."

"Armer Trottel: Hier gibt's nichts zu verstehen!"

Eingesponnen in Kokons wohlfeil erworbenen Wissens, feiert ein Narzissmus fröhliche Urständ, der so noch nicht da war. Na, das is' ja grad das Neue! Was reden wir heute? Was sagen wir heute? Das spielt von properer, mit hohem Fleiß hergestellter Konfektion hinüber ins faschingshaft Montierte und Aufgemotzte, da werden pfauenbunte, göttliche Cocktails serviert – die freilich nicht jedem schmecken. Selber schuld, mein Alter! Man könnte auch, vielleicht ist die Formulierung etwas überzogen, von einer Ertötung des Geistes durch den Geist sprechen: Aber mit solcher Formulierung – da kannst du ja gleich selbst damit auf den Jahrmarkt!

Was in Zeiten beinah grenzenloser Datenverfügbarkeit allein interessieren kann, ist die Verknüpfung von Daten, die jeweilige und spezielle Art der Verknüpfung.

Im Übrigen: Hier ist kein Jahrmarkt. Hier ist Markt.

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Es gibt da eine Geschichte von Jorge Luis Borges, sie handelt von einem Reich, in dem der König oder Kaiser seine Gelehrten damit beauftragte, eine Landkarte zu schaffen, die exakt der Größe des Reiches entsprechen soll. Nicht irgendeine Landkarte, sondern eine im Maßstab eins zu eins. Borges schildert dann, wie alle Rinder, Esel, Schafe und Ziegen des Landes zusammengetrieben werden, um, nach deren Schlachtung, die für die Erstellung der Karte so nötigen Häute, Stichwort Pergament, zu finden. Borges kann sich damit nicht genugtun, uns die Schwierigkeiten zu schildern, die es bei Herstellung der Karte zu meistern gilt. Man kann sich leicht vorstellen: Sie sind gewaltig.

Die Geschichte endet freilich damit, dass die Karte heute als solche nicht mehr existiert. Nur in abgelegenen Landesteilen, vorzugsweise in Wüsten, finden sich noch gelegentlich Fetzen von ihr, und man kann, so man Neigung dazu verspürt, auf diesen verstaubten, ausgefransten Fragmenten mit den Fingern an eingeritzten, zum Teil auch noch farbigen Linien entlangfahren, die einmal wohl Flüsse, oder Straßen vorgestellt haben mögen.

In meinem Entwurf zu einer Welt ohne Menschen heißt es zum Geleit so dem Sinn nach: "Die Erforschung des Erdballs ist abgeschlossen. Man kann heute mit Fug und Recht behaupten, dass die Erde bis in die kleinste Falte ausgeleuchtet und durchsucht worden ist. Wenn man sich die Mühe macht, die Veröffentlichungen, die sich im Lauf der Zeit angesammelt haben, auf das Genaueste durchzustudieren, so wird man diese Aussage bestätigt finden. Hätte man die Erde auch niemals mit eigenen Augen gesehen, man wäre also ausschließlich auf jene Berichte verwiesen, so würde ihre Lektüre ausreichen, ein Bild von der Erde entstehen zu lassen, vollständiger, wahrhaftiger und irrtumsfreier, als man es je durch eigene, unmittelbare Anschauung hätte erzeugen können."

Was Borges beschreibt, ist das Scheitern des Wissens an seinem Anspruch oder, zuletzt auch, das zerstörte Wissen. Was ich seinerzeit beschrieb, ist die Welt, die Ideologie von Wiki.

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Nachdem es stets viel mehr Unsinn gibt als Sinn, interessiert mich naturgemäß vor allem der Unsinn. Da jetzt aber sehr unklar ist und immer mehr noch unklarer wird, in welchem Sinn ich den schon bestehenden Sinn verstehen soll, muss ich mich notwendigerweise auch mit dem Sinn des jeweiligen Sinns beschäftigen. So kann es leicht vorkommen, dass schon bestehender Sinn im Lauf der Untersuchung zu Unsinn wird und also in die gewaltige Masse des Unsinns zurücksinkt, aus der ich andererseits den Sinn ja herausfinden will und herauszufinden hoffe. Vielleicht aber ist es doch so, kommt mir bald vor, dass die Vorstellung vom Sinn selbst Unsinn ist, was bedeutet, dass wir gut daran tun, was wir Sinn nennen, stets nur als spezielle Form von Unsinn oder, freundlicher gesagt, Eigensinn anzusehen. Ja, Denken, recht verstanden, ist schwer! Was du da zuletzt in die Hände bekommst, welche Enttäuschung, ist bestimmt kein absolut verlässliches, brauchbares Werkzeug, ein Zeigestock oder gar ein Knüppel, so leid's mir auch tut.

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Ich reiste einmal nach Guatemala und tat mich ein wenig um. Dort, im sogenannten Petén, einer ebenen Landschaft zum Meer hinaus, die im Übrigen vom Nachbarland Belize für sich beansprucht wird, wie der Staat Guatemala seinerseits wieder das ganze Belize für sich in Anspruch nimmt, dort also finden sich, zum großen Teil von Urwald überwuchert und unter ihm begraben, mächtige Ruinen aus der Maya-Zeit. Komisch: Denke ich an die Wertschätzung, die Kunst, Kultur und Wissenschaft heute bei uns noch erfahren, fallen mir stets die Ruinen von Guatemala ein, deren von Lianen und anderen Schlingpflanzen überwucherte und zugleich damit notdürftig zusammengehaltene Steinblöcke, Stelen und Göttermasken ja von Touristenschwärmen heimgesucht und angestaunt werden. Was freilich jene Ruinen von unserer Kultur vollkommen unterscheidet, ist der Umstand, dass diese im Urwald verlorenen Ruinen tatsächlich als Ruinen aufgefasst werden, als Ruinen und nichts sonst, während unsere Kultur noch immer so verstanden wird, als wäre es tatsächlich eine Kultur, womit ich im Gang meiner Überlegung an deren Anfang zurückgekehrt wäre – solch zirkulärer Rückkehr haftet immer etwas Fatales an.

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Die Leute mit dem Knüppel gibt es. Ein dummes Missverständnis, aber sehr hartnäckig. Denken hilft nur sehr bedingt dagegen. In manchen Lagen empfiehlt sich mutiges Leben. (Peter Rosei, 8.1.2017)

Peter Rosei, geboren 1946 in Wien, ist vielfach ausgezeichneter österreichischer Schriftsteller.

  • "Was in Zeiten beinah grenzenloser Datenverfügbarkeit allein interessieren kann, ist die Verknüpfung von Daten, die jeweilige und spezielle Art der Verknüpfung": Peter Rosei.
    foto: imago

    "Was in Zeiten beinah grenzenloser Datenverfügbarkeit allein interessieren kann, ist die Verknüpfung von Daten, die jeweilige und spezielle Art der Verknüpfung": Peter Rosei.

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