Wird 2017 das Jahr des Wetzens?

6. Jänner 2017, 17:21
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Eine Anregung zur Brauchtumspflege

Manchmal hört man im tiefen Regionalfernsehen erstaunliche Sachen. Am Silvesterabend strahlte der geschätzte Sender Mühlviertel TV einen Beitrag aus, in welchem ein junger Oberösterreicher, in einer animierten Gasthausrunde nach seiner Lieblingsbeschäftigung befragt, ohne lange zu fackeln, antwortete: "Am liabsten tua i wetzn".

Der Krisenkolumnist gibt gern zu, dass es ihn erst ein wenig gerissen hat, als er bei seiner Suchfahrt durch die köstlichen Weiten des Televisionskosmos just in diese Wortmeldung hineintappte und -zappte. Aber wieso eigentlich? Es ist doch schön, wenn sich lendenstarke Jünglinge (oder auch lebenslustige Damen) zum "Wetzen" als einem Hobby bekennen, das ja nicht nur in Oberösterreich beliebt ist.

Gut, die Vokabel "wetzen" könnte vielleicht Anlass zu Diskussionen unter sensibleren Fernsehzuseherinnen und -zusehern geben. Wenn Armin Wolf oder Lou Lorenz-Dittlbacher eine Promi-Scheidungsmeldung im chronikalen Teil der ZiB 2 mit dem Satz einmoderieren würden, bei Herrn und Frau X habe es sich jetzt ausgewetzt, dann wäre dies mit der Würde des öffentlich-rechtlichen Hauses wahrscheinlich nicht vereinbar.

Einem Regionalsender steht eine volkstümlichere "façon de parler" dagegen gewiss gut an; ja, hätte unser Gasthausgeher gemeint, am liebsten "mache" er in seiner Freizeit "Liebe", so hätte dies geziert, wenn nicht gar affig geklungen. Zudem erfreut sich die Wetz-Metapher in Österreich einer langen, ehrenvollen Tradition. In Emil Karl Blümmls Sammlung erotischer Volkslieder aus dem Jahr 1906 – für das Verständnis des heimischen Sexuallebens unentbehrlich – wird an allen Ecken und Enden gewetzt, sei es, dass "der wälsche Hans", ein fliegender Händler, seinen "Wetzstoan" auf einem Bauernhof anbietet ("Dö Bäurin schreit da Oberdirn / Sie soll den Wetzstoan glei probier'n"), sei es, dass ein Jungbauer aus Ybbs (NÖ) über seinen "Wetzstoan" sinniert ("Mein Muatta moant, i soll'n wegtoan / Mein guat'n, alt'n Wetzstoan / Und mein Dirndl sagt, i sollt'n bhaltn / Mein guat'n Wetzstoan, den alt'n.") Ein Dilemma mit ödipaler Brisanz!

So sei denn die Leserschaft zu Jahresbeginn ermuntert, das Wetzen 2017 wieder öfter ins Gespräch zu bringen, oder, sofern gewünscht und möglich, es sogar selbst zu praktizieren. Nicht aus Jux und Tollerei, sondern wegen der Brauchtumspflege warat's. (Christoph Winder, 6.1.2017)

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