Schnitzkunst: Gastspiel der Zirbengiganten

8. Jänner 2017, 09:00
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Im Atrium des Leopold-Museums gastieren derzeit überlebensgroße Engelskulpturen

Die 1690 gegründete Gemeinde "Unter-Ottokrin" (Ottakring, später Neulerchenfeld), war schnell zu Berühmtheit gelangt. Denn vom Stifte Klosterneuburg, der ehemaligen Grundherrschaft, war jedem Parzellenbesitzer die "Schankgerechtigkeit" erteilt worden. Davon wurde so viel Gebrauch gemacht, dass Neulerchenfeld bald den Beinamen "größtes Wirthaus im Heiligen Römischen Reiche" erhielt.

1732 war der Tummelplatz des durstigen Wienertums auf 150 Häuser mit knapp 3000 Bewohnern angewachsen und drängte die Gemeinde darauf, eine eigene Kirche zu erhalten. Das Wiener Ordinariat gab seinen Segen, 1734 fand der erste Gottesdienst statt, die Bauarbeiten wurden indes erst 1753 beendet.

Ein Bombenangriff im Jänner 1945 zerstörte die Kirche nahezu vollständig. Lediglich die Türme und das eine oder andere in der Krypta verwahrte Inventar blieben erhalten. Dazu gehörten sechs überlebensgroße Engelskulpturen, von denen bis 10. Jänner vier das Atrium des Leopold-Museums schmücken – als Adventdekoration statt des üblichen Weihnachtsbaums und als Leihgabe des Kunsthändlers Wolfgang Bauer.

Fast schon monströs

Er erwarb die mit ihrer Größe von 185 und 290 cm fast schon monströsen Cherubim im Zuge der Auflösung der Pfarre Neulerchenfeld im Sommer 2013. Vergangenes Jahr war es bei der Licht-ins-Dunkel-Gala beinahe zu einem Gastspiel gekommen, allein, sie sprengten die Dimension des TV-Studios.

Wer sie aus Zirbenholz schnitzte, ist noch Gegenstand von Forschungen. Gesichert sein dürfte lediglich, dass sie aus der Schule des Bildhauers Josef Müllner stammen. Weithin bekannt ist Müllner, der ab 1922 bis 1948 die Meisterklasse an der Akademie der bildenden Künste leitete, für das Denkmal Karl Luegers (1913-16) und für seine Nazigesinnung (NSDAP-Mitglied 1938-45).

Laut Wolfgang Bauer dürften die Engelspaare in unterschiedlichen Zeitetappen entstanden sein, das eine um 1915-20, das andere um 1925-30. Einem Tageszeitungsbericht 1932 zufolge hatte im Jahr davor eine Innenrenovierung stattgefunden. Laut Einträgen im Diözesanarchiv hatten die Engel jährlich bei der Fronleichnamsprozession ihren Auftritt. Ob ihres Gewichts von je etwa 100 kg dürften sie eher bei den Prozessionsaltären platziert worden sein. Wie viel man für die imposanten Engel berappen muss? In der Gegend von etwa 120.000 Euro für ein Paar. (kron, 8.1.2017)

  • Eines der Engelspaare aus der Schule Josef Müllner.
    foto: bel etage, a. lechner

    Eines der Engelspaare aus der Schule Josef Müllner.

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