Café Engländer: Das Buch der Bücher

Reportage7. Jänner 2017, 10:00
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In der Institution in der Wiener Postgasse gibt es praktisch jeden Tag einen Höhepunkt. Es ist ein Treffpunkt illustrer Gäste, ein Tempel der ungesunden Ernährung und vieles mehr. Ein Porträt

Der Chef kauft das jeweils neue Buch immer bei König & Ebhardt, hier im ersten Bezirk eines der wenigen verbliebenen "Qualitätsgeschäfte" für Schreibwaren und alte Bücher, dessen Fortbestand man "natürlich unterstützen" müsse. Das Buch, in dem die Reservierungen der Gäste eingetragen werden, liegt dann ein Jahr lang auf der einst von Christian Ludwig Attersee auf einem Blattl Papier entworfenen Budel beim oberen Eingang, dort, wo hier alles zusammenläuft: die Chefs selbst, die Kellner, die Köche, die Barkeeper.

Und natürlich die Gäste.

Auf dem Buch drauf liegt dann das ganze Jahr über ein Schnurlostelefon, und es kommt selten vor, dass es nicht läutet. Wir sind im Café Engländer, und es ist ein Freitagabend im Advent. Einer der beiden Chefs, Christian Wukonigg, nimmt sich heute eine Stunde Zeit für mich, aber "nur noch hinten im Nichtraucherbereich ist bis 21 Uhr ein Tisch frei", entschuldigt er sich, ansonsten wäre gerade wieder alles voll – bummvoll, muss man sagen.

Das Reservierungsbuch, dessentwegen ich hier bin, hat er unter seinen Arm geklemmt. Jetzt, am Ende des Jahres, ist es von drei Zentimeter Dicke zu Anfang des Jahres auf eine nahezu 15 Zentimeter dicke Schwarte angewachsen. "Obwohl wir nur 50-60 Prozent" der Tische überhaupt zur Reservierung freigeben", sagt der Chef. Man wolle nämlich flexibel bleiben.

Mit Restaurant hinten dran

Trotzdem ist wieder jedes Blatt voll beschrieben, außer der 25. Dezember, an dem haben sie zu. Ansonsten: Das ganze Jahr über gibt es hier Theater, und das alles nur, weil Wukonigg selbst Kaffeehäuser hasst. Die hätten nämlich nur noch Museumscharakter in Wien, sagt er, darum hätte er selbst eines aufgemacht – und weil es ihm nicht fad werden sollte im Leben gleich eines mit einem Restaurant hintendran und eines in dem, wie er sagt, jeden Tag "ein Theaterstück aufgeführt wird, für das man den Applaus gleich bekommt."

Er bestellt ein kleines Bier für sich und für mich einen Veltliner von der Hausmarke, die er sich seit 25 Jahren von seinem Freund Anton Waldschütz aus Straß liefern lässt, das Weinderl schmeckt auch Stararchitekt Prix vorzüglich, der an einem Tisch gegenüber sitzt und einen Gast abzufüllen scheint. "Ein guter Veltliner muss sein wie eine gute Rindsuppe", sagt der Chef, und die Rindsuppe wiederum wäre die "benchmark" in einem Lokal, wie er es führe. Da ich Rindsuppe mag, bestelle ich gleich noch einen Veltliner.

Wukonigg nennt sein Lokal einen "Tempel der ungesunden Ernährung", schließlich kämen die Leute genau deswegen zu ihm – und natürlich wegen der Atmosphäre: schwarze Tische, keine Tischtücher. Meine Frage nach den Höhepunkten des zurückliegenden Jahres lächelt der Chef milde-nachsichtig weg, dann sagt der Gebildete doch noch: "Die Größe entsteht im Moment und vergeht." Ein Zitat des von Beuys verehrten Dieter Roth, von dem Wukonigg ein paar Readymades hier herinnen hatte, von Kippenberger hing hier auch mal was an der Wand, und von Walter Pichler stand irgendwo eine Skulptur herum.

In Wahrheit gibt es natürlich praktisch nur Höhepunkte in diesem Lokal, im letzten Jahr ebenso wie in den Jahren zuvor seit 2000, als Wukonigg das Lokal ein zweites Mal gekauft hatte, zitronengelb angestrichen war es, und Limoncello stand vorn dran. 1991 hatte er es schon einmal probiert als Engländer-Wirt, aber nach fünf Jahren war ihm und seinem Partner die Luft ausgegangen. Die Renovierung des heute "Favoriten" genannten Nichtraucherzimmers mit den Tischen F 1-11 wäre sich nicht mehr ganz ausgegangen. Favoriten heißt es deswegen, weil die Einrichtung so legendär abgefuckt war, dass Wukonigg einfach behauptete, er hätte sie aus einem Espresso in Favoriten rausgekauft.

Vergleichsweise hochkulturell geht es im Raucherbereich gegenüber der Bar zu, wenn dort Michael Niavarani sitzt, obwohl selbst Nichtraucher. Einmal redeten sie hier über Shakespeare, erzählt der Chef, drei Experten an einem Tisch: Martin Wuttke, Nia und er selbst. Sie probten den Auftrittsmonolog von Richard III., man übertrumpfte sich gegenseitig, und am Ende schrie Nia: "Ich werde auch irgendwann mein Globe-Theater haben!"

Black Air

Das hat er mittlerweile natürlich längst, draußen in Sankt Marx, denn hier im Engländer werden nicht nur Barentwürfe auf Zettel gemalt, sondern auch Träume in die Luft geschrieben, zumal hin zur Sperrstunde, wenn die Nacht sich auf die Erde gelegt hat und bis zur letzten Minute geredet, gestritten, gelacht und geträumt wird. "Night is an insanitary condition oft the atmosphere due to accretion of black air", zitiert der Besitzer von 3000 gebundenen Büchern und gelernte Buchhändler einen seiner Lieblinge, den irischen Säufer und Dichter Flann O'Brien, und man kann sich gut vorstellen, dass er hier Stammgast gewesen wäre, einer, für den man auch mal die Sperrstunde gedehnt hätte, bis der Putztrupp mit Putzen fertig ist.

Und dann wäre er um acht Uhr früh wieder da gewesen, wenn aufgesperrt wird, und zwar seit 25 Jahren beinahe jeden Tag von Herrn Walter selbst. Herr Walter mit Betonung auf "Herr" arbeitet nur tagsüber, und wir treffen ihn am nächsten Tag kurz vor Schichtwechsel. "Ich bin nur der Chef", lacht Wukonigg. "Herr Walter aber ist die Autorität." Und eine "Rampensau in diesem Theaterstück", die ein strenges Regime führe und auch mal die Speisenauswahl für den Gast übernehme: "Herr Doktor, Sie sitzen auf L 6 und kriegen das 1er-Menü mit Suppe!" Menü natürlich mit Schnitzerl.

Ein Gschichtldrucker

Seit fünf Jahren hat der Chef der Autorität das Reservierungsbuch letztverantwortlich überlassen, außerdem ist er auch "ein Gschichtldrucker", und so weiß Herr Walter, der 1983 in einer Suite im Imperial Frank Sinatra bedient hat, dann doch noch von ein paar Höhepunkten zu berichten: Mit dem Falco war der Chef befreundet, mit dem hätte er hier zweimal Weihnachten gefeiert. Früher war er auch mit dem Helmut Lang befreundet, früher auch mit der Claudia Schiffer, und noch immer ist er es mit Cordula Reyer. Vorige Woche war dann wieder mal der John Malkovich da, den der Chef mittlerweile auch einen Freund nennt, aber nicht weil dieser in einem Interview mit Condé Nast unlängst das Engländer als sein "regular hangout" erwähnt hat, wenn er sich in Wien auf-halte.

Zwischen den Höhepunkten schaut es dann im Alltag ungefähr so aus: Für die frühen Vormittagsstunden werde jeden Tag viel reserviert, vor allem Journalisten wollten bestimmte Tische für vertrauliche Gespräche haben, beliebt wären die Logen L 4-5.

Zu Mittag, so die Autorität weiter, wäre es dann relativ ruhig, es werde kaum Alkohol getrunken, man speise à la carte oder halt das Cordon vom Menü. Von 15-16 Uhr wechseln dann die Kellner, die das ganze Jahr über einem strengen Kleiderkodex unterliegen: Die Ärmel der weißen Hemden müssen immer unten sein, und bis gefühlte 30 Grad im Sommer herrscht hier Krawattenzwang. Die Anforderungen des Chefs an seine Mitarbeiter wären "anfangs hoch, später sehr hoch", bestätigt Herr Walter, wer hier arbeiten wolle, der müsse vor allem "wollen". Belohnt werde man mit "Applaus in diesem täglichen Theaterstück" und mit ein bisserl Trinkgeld natürlich auch.

Ab 17 Uhr dann, zur "After-Office-Hour", wären die Gäste, die kämen, schon vorfreudig darauf, sich hier zu entspannen, und gönnten sich eine Kleinigkeit (ein Schinkenbrot, ein Paar Würstel), bevor sie heimgingen. Wer hier bleibt, kann hören, wie die Gespräche "ab 21 Uhr intensiver" werden, aber "auf hohem intellektuellen Niveau" bleiben, trotzdem steige der Lärmpegel, "man wird halt emotionaler".

Um 22 Uhr käme dann regelmäßig ein Schub mit Leuten, die nach dem Kino, nach dem Theater, nach dem Essen zu Hause vorbeikommen, um sich zu unterhalten. Da werde dann natürlich ordentlich Alkohol konsumiert, aber, so wieder der Chef: "Wir sind kein Lokal für Trinker. Wir sind ein Lokal für Menschen, die essen, trinken, reden, streiten, lachen wollen. Keine Bühne für Geldproletariat!" Brösel gäbe es darum praktisch überhaupt nie, außer, räumt der Chef dann noch ein, das eine Mal, als ein bekannter Schriftsteller einem Anwalt eine gedonnert hätte. Nach zwei Tagen aber kam ein Schriftstellerbrief mit Worten demütiger Entschuldigung und mit dem schönen abschließenden Satz: "In der Liebe hat man immer ein Freispiel."

Es ging wohl um eine Frau.

Dreifacher Hurchkaffee

"Man kann die Einsamkeit mancher Menschen mit Alkohol natürlich stützen", sagt Herr Walter, aber öfter weist man den Gast darauf hin, dass man ihm ein Taxi rufen könne, und zwar ungeachtet seiner Herkunft, Rasse oder Religionszugehörigkeit. Denn hier seien alle gleich, und wer zuerst anruft, der bekommt den Tisch, und wer zuerst kommt, der hat auch das Recht des Bleibens. Schlimmstenfalls werde mal umgesetzt oder umgruppiert, und rausgehaut wird nicht einmal, wenn nix konsumiert wird, mit einer Ausnahme: "Einer kam immer um 17 Uhr und hat Frauenbekanntschaften hierherbestellt, der saß dann stundenlang mit zwei Mineral mit den Mädels herum. Irgendwann hab ich gesagt: So, jetzt ist aber genug!"

Jedoch, so Wukonigg, nicht, weil er so wenig konsumiert hätte, sondern, weil ihm die Bekanntschaften dieses Geizkragens einfach leidgetan hätten. "Ich sage immer", sagt er: "Der wichtigste Gast ist nicht der Stammgast, sondern der neue Gast." Wer höflich und freundlich ist, der werde hier mit Höflichkeit und Freundlichkeit belohnt. Und wer unhöflich und unfreundlich ist, erst recht. "Alles andere wäre würdelos".

Wer, wie Viennale-Direktor Hans Hurch, hunderte Male mit seinem Sonderwunsch "Dreifacher Espresso, bitte!" auffällig wird, der findet dann mit seinem "Hurchkaffee" sogar Aufnahme im Boniersystem. Als Gegenleistung versorgt die Viennale das Engländer im Oktober jedes Jahres mit illustren Gästen wie Patti Smith oder Yoko Ono, nur als Beispiele. Die stehen dann aber nicht mit Klarnamen im Reservierungsbuch, sondern mit Decknamen. Oder James Ellroy, mit dem Wukonigg Anfang der 90er-Jahre eine Woche durch die Stadt zog. Eine der spannendsten Wochen seines Lebens.

Immer auch Therapeut

"Haben Sie einen Tisch frei?", lautet jedenfalls die stets gleiche Frage am Telefon, und meistens sage der Herr Walter dann: "Naaaa, wir haben nix frei!" Im Laufe des Gespräches, über die Monate, über die Jahre, nähere man sich aber an und fände am Ende doch zueinander: "Na gut, für wie viele Personen?" Bis Herr Walter dann sagt: "Wissen S' was? Kommen S' einfach vorbei, wir werden schon was finden für Sie, Herr Ingenieur/ Frau Baronin / Eure Durchlaucht" oder gerne auch "Herr Erbprinz."

Bei manchen, erzählt Herr Walter, verlaufe das Gespräch seit Jahr und Tag auf Punkt und Beistrich gleich, inklusive eines abschließenden "Ach Sie sind's, Herr Walter! Ich hätt Sie fast gar nicht erkannt."

Alle Wirte sind halt immer auch irgendwie Therapeuten, und Herr Walter weiß mehr über seine Gäste als Facebook. Als Autorität muss er obendrein das ganze Jahr über vor allem den Überblick behalten, und er muss auch mit Ausnahmesituationen zurechtkommen: "Im Sommer stehe ich um halb acht draußen, fährt der Schwarzenberg mit Chauffeur in der Limousine vor ...!"

"Der Erbprinz?", fragt der Chef. "Na, der Alte!", sagt die Autorität, er und sein Chef sind "ein Theaterstück" für sich. "Schon beim Aussteigen bestellt der Schwarzenberg ein OEuf Bénédict! 'Durchlaucht', sag ich, wir sperren erst um acht auf, der Koch ist noch gar nicht da, aber ich kann Ihnen eine steirische Eierspeis machen, dazu ein Schnittlauch-Radieschen-Brot und einen großen Braunen, wär das in Ordnung?" Herr Walter spricht dabei wie ein livrierter Diener aus den Zeiten der Monarchie, und die Antwort kam gewiss nicht weniger schön gesprochen: "Zweimal! Für den Chauffeur auch!"

Das Trinkgeld war dann natürlich fürstlich, und solche Gschichterln könnte Herr Walter zu Dutzenden erzählen, ach was: zu Hunderten! "Kennen Sie die Witwe vom Oskar Werner?", fragt er mich und seinen Chef gleichzeitig. "Die war im Sommer da! Und ein Bruder von ihm, ein Bschließmayr, versauft sich in Stockerau." Das weiß er, weil er selbst dort wohnt. Jedenfalls spielte der Oskar Werner mal in Sankt Pölten Theater, und von der Bühne hinunter schrie er Maria Schell, die im Publikum saß, an: "Mary, du alte Hur! Was machst denn du da?"

Rechtzeitig umgeleitet

Manchmal muss Herr Walter von einem Tisch weggebracht werden, weil er aus dem Erzählen nicht mehr herauskommt, aber insgesamt ist er natürlich unabkömmlich. Selbst unerwünschte amouröse Zerwürfnisse wurden von ihm schon mit dem Satz "An Ihnerer Stelle tät ich jetzt nicht zum Obereingang gehen, Herr Ingenieur" verhindert. Dort stand nämlich die Gattin des Herrn Ingenieurs, der mit seinem Fräulein Geliebte gekommen war, aber gerade noch rechtzeitig umgeleitet wurde und durch den unteren Eingang entschwinden konnte, bevor es zum Crash an der Bar gekommen wäre. "Jeder Eingang ist auch ein Ausgang", erklärt der Chef einen der vielen Vorzüge seines Lokals mit den zwei Eingängen.

Das mit dem Chef und seiner Autorität funktioniert, sie sind seit 1991 zusammen, also beruflich, und so will Herr Walter an Ruhestand nicht einmal denken. "Müde" als Beschreibung für einen Zustand seines Körpers lehnt er auch am Ende eines weiteren erfüllten Jahres entschieden ab. Es gebe Tage, da sei er "nicht in Höchstform, geb ich zu". Dies vielleicht auch deswegen, so der Chef, weil er "immer noch ein Draher" wäre, also einer, der die Nacht durchmachen könne. Hin und wieder schläft er dann halt in der Früh vor Dienstantritt eine Stunde im Lokal, auf irgendeinem Sessel – bis einer ein OEuf Bénédict haben will.

"Gibt es Leute, die nicht mehr kommen, die gar nicht mehr anrufen?", frage ich zum Abschied.

"Na gut, das kommt vor, wenn einer tot ist", sagt die Autorität und lacht. Und der Chef fügt hinzu: "Nach Trennungen ist es manchmal schwierig." Da wäre dann oft die Frage, wer sich das Engländer mitsamt den Freunden und dem Herrn Walter als Rückzugsort behalten darf. Geht die Liebe, nützen auch die zwei Eingänge im Stammlokal, die auch Ausgänge sind, nichts mehr.

Gerichtsanhängig ist diesbezüglich aber noch nichts. (Manfred Rebhandl, 7.1.2016)

  • Übernimmt gelegentlich die Speisenauswahl für den Gast: Herr Walter, die Autorität des Café Engländer, mit Reservierungsbuch.
    foto: christian fischer

    Übernimmt gelegentlich die Speisenauswahl für den Gast: Herr Walter, die Autorität des Café Engländer, mit Reservierungsbuch.

  • Zentrales Steuerungsinstrument: das Reservierungsbuch des Engländer schwillt bis zu Jahresende regelmäßig auf 15 Zentimeter Dicke an.
    foto: christian fischer

    Zentrales Steuerungsinstrument: das Reservierungsbuch des Engländer schwillt bis zu Jahresende regelmäßig auf 15 Zentimeter Dicke an.

  • "Ich kann Ihnen eine steirische Eierspeis machen, dazu ein Schnittlauch-Radieschen-Brot und einen großen Braunen."
    foto: christian fischer

    "Ich kann Ihnen eine steirische Eierspeis machen, dazu ein Schnittlauch-Radieschen-Brot und einen großen Braunen."

  • Manfred Rebhandl, geboren 1966, lebt als Autor in Wien. Er schreibt Krimis, Drehbücher, Theaterstücke und Reportagen, unter anderem für den STANDARD.
    foto: heribert corn

    Manfred Rebhandl, geboren 1966, lebt als Autor in Wien. Er schreibt Krimis, Drehbücher, Theaterstücke und Reportagen, unter anderem für den STANDARD.

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