London schickt einen Mann für alle Fälle nach Brüssel

6. Jänner 2017, 14:27
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Tim Barrow war während der Ukraine-Krise britischer Botschafter in Moskau. Nun soll er den Brexit mitverhandeln

Stressresistent ist er bestimmt. Tim Barrow ist nicht nur Vater von vier Kindern. Er diente der britischen Regierung auch als Botschafter in Moskau just zu der Zeit, als die Ukrainekrise am Höhepunkt war. In seinem künftigen Job hat es Barrow hingegen nur mit bürokratischen Abnützungskriegen und aufmerksamkeitsheitschenden Ministern zu tun: Ab sofort soll der 52-Jährige die Vertretung Grossbritanniens in Brüssel leiten und dort die Brexit-Verhandlungen vorbereiten, die spätestens Ende März endlich beginnen werden.

Der zuletzt als Abteilungsleiter Politik im Außenamt tätige Spitzendiplomat sprang diese Woche in die Bresche, die sein Vorgänger Ivan Rogers mit einem spektakulären Rücktritt hinterlassen hatte. Die Regierung von Premierministerin Theresa May habe sich bisher auf "keine Verhandlungsziele" einigen können, in London seien "Verwirrung und unbegründete Argumente" an der Tagesordnung.

Wieder ein Ausschuss um den Brexit

Seither gehen die Wogen hoch in London. Die Opposition will, wenn das Parlament kommende Woche aus den Weihnachtsferien kommt, der Regierung mit einer dringlichen Anfrage zusetzen. Der Finanzausschuss plant Rogers' Anhörung. Zu hören bekommen dürften die Parlamentarier, was im Londoner Regierungsviertel Whitehall die Spatzen von den Dächern pfeifen: In der Regierung liegen die EU-Feinde mit jenen Ministern und Spitzenbeamten im Clinch, die einen sanfteren Abschied wünschen. Wenige Tage vor einer als programmatisch angekündigten Rede der Regierungschefin kann von geordneten Verhandlungszielen, geschweige denn einer Gesamtstrategie keine Rede sein.

Im Gerangel der Ministerialbürokraten gilt der neue Job für Barrow als Sieg für das zuletzt arg gerupfte Foreign Office, zumal mehrere seiner Vorgänger aus dem Finanzministerium entsandt worden waren. Dass London einen Russland-Spezialisten nach Brüssel schickt, gilt als Signal dafür, dass May am harten Sanktionskurs ihres Vorgängers David Cameron festhalten will.

Spitzenbeamte rümpfen die Nase

Zudem schadet Barrow Erfahrung in Moskau (2011-15) sowie Kiew (2006-08) gewiss auch nicht seinen Beziehungen zu den Abgesandten jener EU-Mitglieder aus Mittel- und Osteuropa wie Polen, Tschechien und den baltischen Staaten, deren Bürger stark unter einer Einschränkung der Arbeitnehmerfreizügigkeit leiden würden.

In London hat die rasche Berufung des Spitzendiplomaten der Premierministerin und ihren Brexit-Ministern ein wenig Luft verschafft. Die Kontroverse um Rogers hat aber das Unbehagen vieler Spitzenbeamter über Mays Regierungshandeln zutage gefördert. Die 60-Jährige und ihr engster Kreis schotten sich, so die Klagen, gegen die Beratung durch Experten ab, lassen sich von niemandem in die Brexit-Karten schauen. Wer vor möglichen Problemen mit Verbündeten oder langfristigen Folgen für die Wirtschaft warnt, wird rasch zum unverbesserlichen Schlechtmacher gestempelt. Barrow wird all seine Gelassenheit brauchen, um im Brexit-Orkan der kommenden beiden Jahre zu bestehen. (Sebastian Borger aus London, 6.1.2017)

  • Einen neuen Job in Brüssel hat der frühere Moskau-Botschafter Tim Barrow. Die Botschaften, die London an ihn sendet, sind widersprüchlich.
    foto: reuters / francois lenoir

    Einen neuen Job in Brüssel hat der frühere Moskau-Botschafter Tim Barrow. Die Botschaften, die London an ihn sendet, sind widersprüchlich.

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