Julya Rabinowich: Besorgtbürgerliche Entgleisungen

6. Jänner 2017, 16:07
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Wie ein Dialog trotz bester Vorsätze nicht mit einem Brückenbau endet

Falls Sie sich jemals gefragt haben, wie gequirlte Kacke im Internet entsteht, es aber nie zu fragen wagten: ziemlich schnell. Es genügt, mit den besten Vorsätzen in Dialog zu treten. Auch mit Menschen, mit denen Sie sonst nie reden würden.

Konkreter: mit besorgten Bürgern und enterbten Rächern, die plötzlich und vermutlich zur eigenen großen Überraschung einen Schutztrieb der Frauenschaft gegenüber entwickelt haben, seit die bösen Ausländer sich an diesen Frauen vergreifen könnten, nicht aber sie selbst. Also spricht man mit ihnen. Man soll schließlich Brücken bauen. Die Brücke baut sich allerdings schwer von nur einer Seite aus. Und wenn sie von oben herab gebaut wird, wird eine Rutsche draus. Gut.

Man baut nun freundlich und höflich, auch nach der ersten verbalen Gnackwatschn baut man – an Brücken und am eigenen Geduldplateau. Nach der fünften Runde wird ein aus dem Zusammenhang gerissener Beitrag fotografiert und garniert mit einschlägiger Beschuldigung, man würde die Übergriffe in Köln absichtlich verleugnen, an fett vernetzte Rüpelfreunde verschickt. Diese reagieren prompt, verlässlich und unterirdisch. Das führt wiederum dazu, dass die Brückenbauende den ganzen nächsten Tag mit Löschungen und Blockierungen auf Trab gehalten wird. Macht nix, ist gut für das Training von Reaktionsfreudigkeit und Abgrenzung.

Am letzten Tag des Brückenbauens kommt von einem der neu berufenen Frauenschützer ein Hinweis, man sei wohl böse auf die Kölner Polizei, weil sie 2017 Vergewaltigungen verhindert. Immerhin habe man damit die letzte Chance auf Sex verwirkt. Der Absender nennt sich Dr. und hat ein Schwein als Profilbild. Die Belehrung, dass Vergewaltigung und Sex nicht viel miteinander zu tun haben, spart man sich. Den Brückenbau verschiebt man ebenfalls. Besorgniserregend ist vor allem die leise Ahnung, es liefen da draußen einige laute Herren rum, die diese Tatsache nicht intus haben. (Julya Rabinowich, 6.1.2017)

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