Mein Verständnis von Luxus ist Leere

    16. Jänner 2017, 05:30
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    Der Grazer Künstler schätzt beim Wohnen optische Ruhe. Die bürgerliche Ästhetik stehe im Gegensatz zu seiner liberalen Person

    Der Grazer Künstler Siegfried Amtmann schätzt in seiner Wohnung die optische Ruhe. Die bürgerliche Hochglanz-Ästhetik stehe im Gegensatz zu seiner liberalen Person. Sein größter Traum ist eine wilde Party.

    "Ich sag’s gleich, bevor Sie mich danach fragen: Ja, bei uns schaut es fast immer so aufgeräumt aus. Wenn wir gerade lesen oder musizieren, dann liegen natürlich auch schon mal Bücher, Zeitungen und Notenblätter herum. Das gehört zum Leben dazu. Aber sobald diese Tätigkeit abgeschlossen ist, räumen wir die Sachen auch wieder weg. Dann verschwindet alles, was meine Gedanken belasten könnte. Die optische Ruhe tut meinem Wohlbefinden gut.

    foto: zita oberwalder
    "Mich beruhigt diese Wohnung. Sobald ich sie betrete, verändert sich mein Verhalten." Siegfried Amtmann in seinem Wohnzimmer.

    In regelmäßigen Abständen wird die Wohnung entrümpelt. Das ist für mich wie eine seelische Befreiung. Irgendein berühmter Mensch hat gesagt: "Leere ist Luxus." Nicht für jeden. Aber für mich. Während die meisten Leute eine Angeräumtheit mit Zetteln und Zeugs als wohnlich und gemütlich erachten, sehne ich mich nach meinem eigenen Luxus. Einmal war ein Installateur hier, nach ein paar Sekunden hat er mich angeschaut und gefragt: "Tuts ihr siedeln? Wo san denn die Kisten?"

    Trotzdem muss auch ich sagen: Ordnung und Perfektion alleine sind noch lange kein Synonym für ein glückliches Leben. Da gehört mehr dazu. In Kombination mit diesem Mehr würde ich meine Wohn- und Lebenssituation als durchaus beglückend beschreiben. Das ist eine zirka 100 Quadratmeter große Eigentumswohnung in Graz-Geidorf, nicht weit von der Innenstadt entfernt.

    Die Wohnung liegt im Erdgeschoß und bietet wunderschöne Ausblicke in den Garten, auf Grün und alte Bäume. Ich wohne mit meiner Frau, der Schriftstellerin Elsa Zattere. Außerdem haben wir noch ein Haus in Köflach, das ich allerdings in erster Linie als Atelier nutze. Da schaut’s auch etwas anders aus als hier. Da regieren Chaos, Durcheinander und herumliegendes Werkzeug.

    Was die Einrichtung betrifft, so ist die Wohnung voll von bürgerlichen Symbolen. Im Wohnzimmer gibt es ein Piano, eine Josef-Hoffmann-Sitzgruppe, einen alten Holzengel und Ölbilder aus dem Nachlass meines Schwiegervaters Friedrich Aduatz. Im Esszimmer haben wir einen sehr alten Esstisch, eine wunderschön restaurierte Biedermeier-Stellage mit Gläsern und Vasen der Wiener Werkstätte. Die repräsentative Hochglanz-Ästhetik steht durchaus in einem Gegensatz zu meiner Person. Ich selbst würde mich als ganz und gar unbürgerlich erachten, als einen politisch liberal denkenden Menschen, als einen Künstler, der mit Farben, Schichten, Geometrien, Sichtbarkeiten und Unsichtbarkeiten arbeitet.

    Am ehesten spürt man meine künstlerische Herangehensweise in den Fenstern. Einen Teil davon habe ich mit farbigen Acrylglasplatten versehen. Dadurch fällt ein sehr schönes, eingefärbtes Tageslicht in die Wohnung. Das gibt dem vermeintlich Bürgerlichen, Romantischen etwas Artifizielles. Mich beruhigt das. So wie mich überhaupt die ganze Wohnung kalmiert. Sobald ich sie betrete, verändert sich mein Verhalten. Dann fahre ich mein System hinunter, dann stellt sich eine gewisse beruhigende innere Distanz zu den Dingen ein.

    Ich brauche das, denn ich bin so gestrickt, dass mich das städtische Leben mit den vielen Menschen rundherum ziemlich belastet. Menschen können mir viel Energie nehmen, vor allem, wenn sie viel reden. Dann bin ich unter Spannung und möchte nur noch flüchten. Flüchten in meine eigene Welt des künstlerischen Schaffens. Ich bin glücklich hier, doch wenn ich einen Wunsch frei hätte, wäre das eine Wohnung, in der ich auch einmal größere Gesellschaften empfangen und Feste veranstalten könnte. Aber ebenso muss ich mich fragen, ob eine wilde Party mit vielen Menschen das Richtige für mich wäre. Ich glaube nicht." (16.1.2017)

    Siegfried Amtmann, geboren 1943 in Voitsberg, besuchte die Lehrerbildungsanstalt und studierte Pädagogik und Soziologie. Zu Beginn war er Volks- und Hauptschullehrer, später unterrichtete er an der Pädagogischen Akademie in Graz. Parallel dazu spielte er in verschiedenen Bands und trat als Pianist in Clubs und Bars auf. Seit 1994 ist er ausschließlich als bildender Künstler tätig. Er ist Teil des Künstlerkollektivs Gruppe 77. Eine Dauerausstellung seiner Druckgrafiken und Objekte befindet sich im Bildungshaus Schloss Retzhof bei Leibnitz.

    www.siegfried-amtmann.com

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