Das Auto soll in Zukunft mehr sein als ein Auto

5. Jänner 2017, 14:35
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Die Hersteller wollen das Auto neu erfinden. Freizeitzone und Unterhaltungshotspot soll es sein – selbstredend selbstfahrend, sprachgesteuert, vielleicht mit Gefühlsmotor

Las Vegas – Das Auto soll künftig mehr sein als ein Auto. Nicht nur ein Fortbewegungsmittel, das einen von A nach B bringt, sondern Freizeitzone, Rückzugsort, Unterhaltungszentrale – kurzum: ein Raum, in dem man gerne Zeit verbringt. Das ist die Idee, mit der Fiat Chrysler auch jüngere Generationen wieder zum Autokauf bewegen will. Denn viele unter ihnen interessieren sich nicht dafür, ein eigenes Auto zu besitzen, sondern verlassen sich auf Mietwagen und Fahrdienste. Der Branche drohen Geschäftsrückgänge.

Zur Technik-Messe CES in Las Vegas reifte die Vision zu einem fertigen Chrysler-Prototyp heran. "Portal", ein Auto mit auffälligen Schiebetüren und viel Glas sowie einem fast komplett umbaubaren Innenraum. Ziel der Entwickler sei es gewesen, ein Auto für junge Käufer so begehrt zu machen wie ein Smartphone, sagte Chrysler-Managerin Ashley Edgar.

foto: apa/afp/frederic j. brown
Portal, das Konzept-Auto von Chrysler. Wie viele von den Ideen es in die Wirklichkeit schaffen, ist offen. Eine der guten Ideen: Dank getrennter Sound-Zonen können zum Beispiel die Eltern vorne Musik hören und die Kinder auf der Rückbank einen Film sehen.

Dafür hat der italienisch-amerikanische Autobauer, der seit Jahren mit Größe sein Überleben in der hartumkämpften Branche sichern will, "Portal" bis ins kleinste Detail durchdacht. Punkten soll der Wagen unter anderem mit einem frei gestaltbaren Innenraum mit verschiebbaren und herausnehmbaren Sitzen, Anschlüssen für acht Notebooks und Tablets. Dank getrennter Soundzonen können zum Beispiel die Eltern vorne Musik hören und die Kinder auf der Rückbank einen Film sehen – die Schallwellen werden so im Zaum gehalten, dass sie sich nicht gegenseitig stören. Und der Besitzer braucht keinen Autoschlüssel mehr. Wenn eine der Kameras des Autos ihn in der Nähe sieht, öffnet der Wagen automatisch die Tür. Wie viele der Ideen es am Ende in ein Serienfahrzeug schaffen, ist wie bei allen Konzeptwagen offen. Technik zum autonomen Fahren soll auf jeden Fall integriert werden – sobald sie verfügbar ist.

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Faraday Future wird sein in Las Vegas gezeigtes Modell FF91 erst im Jahr 2018 ausliefern können. Der Prototyp kann jedenfalls einen Bruchteil einer Sekunde schneller beschleunigen als Teslas Model 3.

"Sobald fertig" ist auch die Devise der Firma hinter der zweiten großen Autopremiere zum CES-Auftakt. Faraday Future hat nicht nur einen klangvollen Namen, sondern geizt auch nicht mit teils großspuriger Rhetorik. So verkündete Entwicklungschef Nick Sampson zur Vorstellung des ersten produktionstauglichen Fahrzeugs der Firma gleich den Anbruch einer "neuen Ära der Mobilität". Wie genau Faraday Future da die Führungsrolle übernehmen will, blieb auch beim zweiten CES-Auftritt der Firma unklar.

Denn während Elektropionier Tesla die Produktion massiv ausbaut und die gesamte Industrie auf Elektromobilität einschwenkt, wird Faraday Future sein in Las Vegas gezeigtes Modell FF91 erst im Jahr 2018 ausliefern können. Und dass der Prototyp einen Bruchteil einer Sekunde schneller von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde beschleunigen kann als das derzeit dynamischste Straßenfahrzeug, Teslas Model 3, dürfte für das Ausfüllen dieser historischen Rolle kaum reichen. Zumal Faraday auch angesichts jüngster finanzieller Probleme des wichtigsten chinesischen Geldgebers Jia Yueting skeptisch beäugt wurde. Der hat mit Le Eco einen weiteren Entwickler elektrischer und selbstfahrender Autos im Spiel.

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Hyundais selbstfahrendes Auto Ioniq soll – anders als manch futuristischer Entwurf – ein normales Auto, kein Wissenschaftsprojekt sein, leistbar auch für den Durchschnittsmenschen.

Ein weiteres großes CES-Thema werden selbstfahrende Autos sein. Unter anderem will Honda einen "Gefühlsmotor" zeigen, der dank künstlicher Intelligenz in der Lage sein soll, sich besonders gut auf die Passagiere einzustellen. Der deutsche Autobauer BMW will das autonome Fahren außer in der Münchner Heimat auch in anderen Städten Europas sowie in den USA testen. Mit den Partnern, dem US-Chipriesen Intel und dem israelischen Kameratechnikspezialisten Mobileye, kündigte BMW an, ab der zweiten Jahreshälfte 2017 rund 40 autonom fahrende Versuchsfahrzeuge auf die Straße zu bringen. "Wir werden München verlassen", sagte BMW-Entwicklungschef Klaus Fröhlich mit Blick auf den Testbetrieb. Ein oder zwei computergesteuerte Fahrzeuge sollen demnach auch in Jerusalem an den Start gehen. "Der heilige Gral des vollautonomen Fahrens ist nicht einfach zu erreichen", sagte Fröhlich.

Auch der südkoreanische Autohersteller Hyundai, Nummer fünf weltweit, setzt auf selbstfahrende Autos – und das für die Masse. "Wir glauben an die Demokratisierung dieser Technologie", sagte der Vizechef des Konzerns für Nordamerika, Mike O'Brien, am Rande der Elektronikmesse CES in Las Vegas. Das selbstfahrende Modell Ioniq sei anders als manch futuristischer Entwurf "ein normales Auto, kein Wissenschaftsprojekt". Auch der Durchschnittsverbraucher solle es sich leisten können. In den Straßen von Las Vegas demonstriert Hyundai, was der Ioniq bereits kann: Er blinkt, wechselt die Spur, bleibt an der roten Ampel stehen und hält für Fußgänger. Hyundai nutzt wie andere Hersteller auch eine Technologie namens Lidar (light detection and ranging), eine dem Radar verwandte optische Abstands- und Geschwindigkeitsmessung. Dazu kommen Kameras.

foto: reuters/rick wilking
Nvidia-Chef Jen-Hsun Huang tut sich mit Audi zusammen – einmal mehr ist das Thema autonomes Fahren und künstliche Intelligenz.

Um die technologischen Herausforderungen zu bewältigen, braucht es die eine oder andere neue Allianz. BMW etwa arbeitet bei der Entwicklung seiner Roboterwagen mit dem Chip-Riesen Intel zusammen. Audi hingegen entwickelt gemeinsam mit der Computerfirma Nvidia ein selbstfahrendes Auto mit künstlicher Intelligenz. Das Fahrzeug solle zum Jahr 2020 auf die Straße kommen, sagte Nvidia-Chef Jen-Hsun Huang.

Zugleich gab Nvidia eine Kooperation mit den deutschen Zulieferern Bosch und ZF bekannt, die den vom Grafikspezialisten entwickelten Autocomputer produzieren werden. Er soll unter anderem für das autonome Fahren sorgen. Während der Mensch lenkt, tritt die Software zudem als eine Art Autopilot auf und warnt zum Beispiel vor potenziellen Gefahren im Verkehr.

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Toyota lässt nun der vor einem Jahr vorgestellten Vision das Konzept folgen. Im Wesentlichen geht es darum, dass die selbstfahrenden Autos mithilfe künstlicher Intelligenz gesteuert werden, die wiederum von Menschen lernen soll. Sprachsteuerung inklusive.

Auch Toyota kann bereits demonstrieren, wie man sich ein Auto mit integrierter künstlicher Intelligenz vorstellt. In dem Prototypen Concept-i soll die Interaktion mit dem digitalen Assistenten Yui zu großen Teilen die Bedienung mit Knöpfen und Touchscreens ersetzen. Die Insassen sollen sich einfach mit der Software unterhalten. Der Assistent soll aber auch selbst die Bedürfnisse der Menschen erkennen und sogar voraussehen können.

Äußerlich griff Toyota beim Concept-i zu sehr futuristischem Design. Ein Display auf der Frontseite zeigt Fußgängern an, ob das Auto gerade autonom fährt oder von einem menschlichen Fahrer gesteuert wird. Genauso sollen auch nachfolgende Fahrer mit Schriftzügen in verschiedenen Farben gewarnt oder informiert werden.

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Bob Carter, Toyota-Vizepräsident mit dem Concept-i. Wie die Autoindustrie in der schönen neuen Autowelt ihr Geld verdient, ist noch offen.

Dass die schöne neue Autowelt zunächst einmal jede Menge Geld verschlingt, ist klar. Ob Elektroautos oder neue digitale Dienste – die Autoindustrie investiert massiv in diese Trends. Glaubt man einer dieser Tage veröffentlichten Umfrage der Unternehmensberatung KPMG unter knapp 1.000 Führungskräften weltweit (in der Autoindustrie und bei damit verbundenen Dienstleistern aus IT, Finanzierung oder Handel), ist sich die Branche keineswegs sicher, wohin die Reise geht.

"Kaum eine Branche befindet sich nach jahrzehntelangem Erfolg mit einem nahezu unveränderten Geschäftsmodell vor einem derart großen Paradigmenwechsel wie die Automobilbranche", fasst KPMG-Partner Klaus Mittermair die Studienergebnisse zusammen. Die Mehrheit der Führungskräfte (83 Prozent) erwartet jedenfalls eine tiefgreifende Veränderung der Geschäftsmodelle, denn die Hälfte der derzeitigen Autobesitzer könnte bis 2025 kein Auto mehr besitzen. Die Nutzung der gigantische Datenströme, aus denen Autobauer ebenso wie IT-Konzerne eine Goldgrube machen wollen, wird wohl Teil der neuen Welt sein. Die Spielregeln dafür gibt es noch nicht, macht KPMG Partner Yann-Georg Hansa klar. "Die Kunden werden sich des Mehrwerts ihrer Daten immer bewusster und werden diese zukünftig nicht mehr ohne Gegenleistung zur Verfügung stellen." (Reuters, APA, red, 5.1.2017)

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