Kultur der Attentate

Userkommentar12. Jänner 2017, 18:35
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Die postmoderne Philosophie hat uns schon lange die Ankunft des Anderen angekündigt. Nun ist es endlich da. Aber nicht so, wie sie es sich erträumt hat

Wir könnten glauben, wir sind im Krieg. Aber wir sind es nicht. Jedenfalls nicht, wenn man Krieg als einen Kampf definiert, der andere Ziele außer sich selbst hat. Vielmehr aber ist es eine neue Kultur, die gerade entsteht. Eine Kultur der Attentate.

Sie mag Ziele haben und Vorwände mit sich tragen, religiöser Natur oder was auch immer, aber wenn man sie so deutet, versteht man sie schon falsch. Vor allem sind die Attentate eine Seinsform. Sie wollen und brauchen gar keinen Kampf gewinnen. Die Attentäter verfahren selbstmörderisch – selbst wenn sie bisweilen entkommen –, und das Attentat ist vielmehr ihre Existenzweise, als dass noch ein Ziel darüber hinaus wichtig ist. Der IS braucht auch gar nicht zu siegen, denn er ist bereits da. Das, was da ist, ist schon das, was er will und was ihn ausmacht.

Was überdies niemand begreift: Diese Kultur ist nicht unsere eigene Kultur, nicht die europäische, nicht die des alten Faschismus, mit dem hat sie gar nichts mehr zu tun. Diese Kultur ist aber auch nicht die Kultur der Fremden, nicht die der Muslime. Die neue Kultur, die nun entsteht, das ganz Andere, ist eine, die jetzt gerade generiert wird. Denn alles entsteht soeben jetzt.

Zur Philosophie des Anderen

Was hat aber dieses Andere, das jetzt passiert, mit jenem anderen Anderen zu tun, das immer gefeiert wurde, mit jenem Anderen, das deswegen schon toll war, weil es eben anders, different war? Das Andere, das wurde ja von der Philosophie des 20. Jahrhunderts immer wieder mit einer verklärenden Aura umgeben. Als Nicht-Identisches bei Adorno, als das Antlitz bedürftiger Witwen und Waisen bei Levinas. Und endlich am ausgiebigsten wurde der Begriff des Anderen in der Rhetorik der Postmoderne Objekt einer fast schon religiösen Verehrung.

Vielleicht glauben gerade die Postmodernisten letztlich aber auch am allerwenigsten an das wirklich Andere, an das ganz Neue, denn gleichzeitig behaupten sie doch, dass alles nur mehr Zitat und Wiederholung sei. In der Postmoderne gibt es darum nichts Echtes mehr, vielmehr spricht man von der Wirklichkeit nur noch reduziert, als einer bloßen Performanz.

Brutales Erwachen aus süßen Träumen der Postmoderne

Und man stellt sich darunter einen esoterischen Traum vom sich fortwährend perpetuierenden Rollentausch der bunten Vielheit vor, des liberalen Miteinanders der friedlich und liebevoll einander ergänzenden und sich auffächernden posthegelianischen, multikulturellen und geschlechterübergreifenden Spiegelbilder, ein ewiges Kinderspiel. Das Andere ist hier gezähmt und harmlos, es besteht nur mehr aus einer neuen Permutation von konventionellen Symbolen.

Als ob sie den programmatischen Schriften Judith Butlers unmittelbar entsprungen wäre, ist Conchita Wurst, eine künstliche Frau mit dichtem Vollbart, darum auch die Inkarnation dieses idyllischen Deliriums der postmodernen Gesellschaft. Sie wurde Ikone einer unwirklichen Spaßkultur, von deren Unernsthaftigkeit die jetzt albtraumhaft erstehende Kultur der Attentate, die gezielt Vergnügungsstätten des Westens ins Visier nimmt, sich ganz bewusst abgrenzt. Auch die Attentäter wollen Verwandlung. Sie wollen aber ein anderes Anderes.

Man würde den Zusammenhang missverstehen, wenn man glaubte, es ginge dabei lediglich um eine ideologische Missbilligung. Keinesfalls artikuliert sich hier, wie man allgemein glaubt, irgendein religiöser Konservativismus. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Attentäter wollen das ganz Andere, das reale Andere, keine bloße Performanz und nicht nur eine Permutation der Symbole, sondern eine echte und absolute Neuerschaffung ihres Selbst. Vielleicht ist ihr Kampf also auch ein Initiationsritus gegen die Abstumpfung des Wirklichen in der postmodernen Gesellschaft.

Dieser Ausbruch des Anderen ist nicht mehr der süße Traum der Postmoderne, sondern vielmehr wie das brutale Erwachen daraus, überraschend und gewaltsam. Das ist das, was in der wirklichen Kultur der Attentate passiert.

Das Andere und das Selbst

Vielleicht hat allerdings auch das, was uns als brutale Wirklichkeit des absolut Anderen entgegentritt, einmal von uns selbst seinen Ausgangspunkt genommen. So ähnlich jedoch wie Dr. Jekyll keine Ahnung hatte, dass der Trank, den er einnahm, um sein unbekanntes Seelenreich zu erforschen, ihn in die ihm entgleitende Hölle eines Mr. Hyde entführen würde; so ähnlich, wie Rousseau wahrscheinlich entsetzt gewesen wäre, wenn er gewusst hätte, dass die Terrorherrschaft Robespierres sich einmal auf ihn berufen würde; so ähnlich vielleicht auch wie Ödipus, der voll Rachegier die Auflösung eines Kriminalfalls erwartete, noch nicht wusste, dass er selbst der Mörder war, den er bestrafen würde müssen.

So ähnlich sind wir uns keineswegs schon zur Genüge dessen bewusst, dass es unsere eigene Spur ist (konkret: der Einmarsch des Westens in den Irak 2003), die dem IS den Weg bereitete und damit dem Einfall des ganz Anderen in die abgeschirmte Behaglichkeit unseres postmodernen Zuhauses die Tore öffnete. Parallel dazu wird Trumps ungeheuerlicher Triumph, werden die derzeitigen Erfolge der nationalen Parteien Europas bloß als banale und eigentlich logische Folge der Taten Bushs erkennbar.

Rückkehr zum Planet der Affen

Womit wir eben doch wieder beim Selbst wären. Das Selbst, das ja von der Postmoderne nie so richtig ernst genommen wurde, die diesen Begriff verabschiedet hat und stattdessen das Andere an die Spitze gestellt hat, um Identität bloß als beliebiges Spiel aufzufassen. Das echte Selbst, dem man aber am Schluss dann doch nicht entkommen kann, gerade dann, wenn das wirklich Andere Gestalt annimmt, gerade dann am allerwenigsten. Die Frage nach der Verantwortung des Westens tut sich hier auf.

Man könnte sich analog dazu auch an die berühmte Schlussszene aus dem Film "Planet der Affen" (1968) erinnern. Der von Charlton Heston gespielte George Taylor muss verzweifelt erkennen, dass der scheinbar gänzlich fremdartige Planet, auf dem er gelandet ist, in Wahrheit seine eigene frühere Heimat ist, die Erde, der er doch eigentlich entfliehen hatte wollen und die inzwischen von den Menschen selbst – die er in diesem Moment verflucht – zerstört worden ist.

Zurückhalten lässt sich jedoch nichts, wenn es als Ereignis sich einmal seine Bahn gebrochen hat und dabei ist, Geschichte zu werden. Die Gräuel in Afghanistan und im Irak. Die Apokalypsen Libyens und Syriens. Die daraus resultierenden Anschläge von Istanbul, Paris, Brüssel, Nizza, Berlin. Das alles hat uns bereits hervorgebracht, und wir sind nun schon andere als die, die wir zwar vorher vielleicht schon gar nie wirklich waren, aber zumindest zu sein glauben konnten. (Ortwin Rosner, 12.1.2016)

Ortwin Rosner (Jahrgang 1967), Studium der Germanistik und Philosophie in Wien, Diplomarbeit 2003 bei Wolfgang Müller-Funk mit dem Titel "Körper und Diskurs. Zur Thematisierung des Unbewussten in der Literatur anhand von E. T. A. Hoffmanns 'Der Sandmann'", erschienen 2006 im Verlag Peter Lang; lebt als Schriftsteller in Wien.

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