Türkische Ermittler kennen Reina-Attentäter

4. Jänner 2017, 18:19
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Die Serie von Festnahmen möglicher Kontakt- und Hintermänner des Attentäters vom Istanbuler Nachtklub geht weiter

Ankara/Athen – Er sah so ähnlich aus wie der Täter auf den Fahndungsfotos, und deshalb fackelten die Passanten im Istanbuler Stadtteil Pendik, fern auf der asiatischen Seite, erst gar nicht lang. Sie prügelten Mittwochmittag den vermeintlichen Terroristen, bis die Polizei kam und den Irrtum aufklärte.

Die Nervosität ist groß in der Türkei, vier Tage nach dem Massaker, das ein Attentäter der Terrormiliz "Islamischer Staat" im Istanbuler Nachtklub Reina angerichtet hat. Noch ist der Täter auf der Flucht, doch die Behörden kennen seine Identität. So bestätigte es Außenminister Mevlüt Çavusoglu in einem Interview.

Das türkische Staatsfernsehen TRT hatte am Dienstag unter Berufung auf die Polizei den Namen eines 28-jährigen Kirgisen genannt. Dessen Ausweis zirkulierte dann in den sozialen Medien, offensichtlich weitergegeben von der Polizei. Auch sein Porträtfoto ähnelte stark dem Mann, der vor dem Anschlag ein Selfie-Video auf dem Taksim-Platz in Istanbul aufgenommen hatte. Doch Iakhe Maschropow, der von TRT genannte Attentäter, meldete sich später aus der kirgisischen Hauptstadt Bischkek: Er sei am 1. Jänner geschäftlich nach Istanbul geflogen und am 3. bereits zurückgekehrt. Die Polizei habe ihn am Atatürk-Flughafen kurzzeitig wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Attentäter vernommen.

Rigide Informationspolitik

Informationen über den Gang der Ermittlungen werden von Regierungsmitgliedern und dem Gouverneur von Istanbul öffentlich gemacht, vor allem aber durch türkische Medien, die Zugang zu den Sicherheitskreisen haben. Unmittelbar nach dem Anschlag in der Neujahrsnacht, bei dem 39 Menschen getötet und 65 verletzt worden waren, verhängte die Justiz dabei ein Berichtverbot für türkische Medien.

Die Polizei nahm am Mittwoch weitere Verdächtige bei einer Razzia in Izmir fest. Damit waren bereits mehr als 40 Personen im Zusammenhang mit dem Anschlag auf das Reina in Gewahrsam. Die Ermittler rekonstruierten auch weiter den Weg des Attentäters, meldeten türkische Medien. Der Terrorist habe nach der Tat ein Taxi genommen und sei zurück in das weit im Westen der Stadt gelegene Viertel Zeytinburnu zurückgefahren. Dort habe er sich Geld für die Fahrt von den Beschäftigten in einem uigurischen Restaurant geliehen. Der Attentäter soll aus Kirgistan oder Usbekistan stammen. In Zeytinburnu, einem Arbeiter- und Immigrantenviertel, unterhält der IS offenkundig Stützpunkte für seine Mitglieder.

Ausnahmezustand bis April

Nach wie vor wird berichtet, dass der Attentäter im November mit seiner Familie nach Istanbul und von dort in die Provinz Konya gereist sei. Drei Familien, mit denen er dort in Kontakt gewesen sein soll, sind verschwunden. Bilder von Sicherheitskameras sollen den Attentäter auf einem Busbahnhof auf dem Weg zurück nach Istanbul sowie in einer Wechselstube zeigen.

Das türkische Parlament nahm in der Nacht auf Mittwoch mit den Stimmen der regierenden AKP und der rechtsgerichteten Nationalistenpartei MHP eine weitere Verlängerung des Ausnahmezustands um drei Monate bis zum 19. April an. Danach dürfte das Referendum über eine Verfassungsänderung stattfinden. Der Notstand erlaubt es Staatschef Tayyip Erdogan unter anderem, am Parlament vorbei mit Dekreten zu regieren.

Streit um Präsidialsystem

Innerhalb der MHP führt die nächste Woche anstehende Abstimmung im Parlament über die Einführung eines Präsidialsystems für Erdogan zu Unruhe. Fünf bis sechs Abgeordnete wollen angeblich nicht für die Regierungsvorlage stimmen. Der stellvertretende Parteivorsitzende Atila Kaya erklärte am Mittwoch seinen Rücktritt. Er könne die Verfassungsänderung nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, sagte er. Es gilt allerdings als sicher, dass die AKP mithilfe der Rechtsnationalisten das notwendige Quorum erreicht. Eine der verhafteteten Abgeordneten der prokurdischen Minderheitenpartei HDP kam am Mittwoch auf freien Fuß.

Der renommierte Modemacher Barbaros Sansal wurde derweil in Haft genommen. Sansal hatte zu Silvester eine Videobotschaft auf Twitter verbreitet, in der er ankündigte, sich betrinken zu wollen. Der Modedesigner schloss mit den Worten, die Türkei möge an ihrem eigenen Dreck ersticken. (Markus Bernath, 4.1.2017)

  • Scharfe Sicherheitsmaßnahmen und türkischer Patriotismus bei einem Gedenkakt vor dem Reina.
    foto: ap / emrah gurel

    Scharfe Sicherheitsmaßnahmen und türkischer Patriotismus bei einem Gedenkakt vor dem Reina.

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