Politik und Medien zwischen Big Data und Postfaktizität

    Kommentar der anderen6. Jänner 2017, 12:04
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    Gerüchte und Fake-News sind kein neues Phänomen. Aber digitale Netzwerktechnologien vereinfachen das Verbreiten von Gerüchten. Es bilden sich Legenden, noch ehe sich die Fakten gesammelt haben. Das hat Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft

    Vor wenigen Tagen wählte die Gesellschaft für deutsche Sprache "postfaktisch" zum Wort des Jahres 2016. Was dieses Wort aber bedeutet und in welchem Zusammenhang es mit Brexit und der Wahl von Donald Trump zum US Präsidenten steht, ist aber so unklar wie ein Gerücht.

    So wurden etwa "postmoderne" Denker, bei denen die Bedeutung von Narrativen gegenüber dem Faktischen in den Vordergrund treten, als Wegbereiter der wahrheitsbefreiten Propaganda einer neuen Rechten identifiziert. Das greift aber viel zu kurz. Denn Erzählungen und Fiktionen sind aus der Politik, besonders wenn es um die Mobilisierung von Massen geht, nicht wegzudenken. Noch kein Krieg, noch kein Wahlkampf kam ohne Fake-News oder Propaganda aus. Neu ist die durchdringende Vernetzung aller gesellschaftlichen Bereiche mittels digitaler Informationssysteme und die Vielzahl der Akteure.

    Fakten spielen dabei eine widersprüchliche Rolle. Zunächst gibt es mehr Daten und Informationen denn je, diese zirkulieren immer schneller, und in der Folge ist es immer schwieriger, sich einen Überblick zu verschaffen. Dies führt einerseits dazu, große Hoffnungen (und Ängste) auf die algorithmische Auswertung riesiger Datenmengen zu setzen, andererseits zu einer mythologischen Verklärung von Big Data und dazu, dass immer mehr Menschen diejenigen Informationen, die ihr Weltbild bestätigen, zu Fakten erklären.

    Revolten durch Gerüchte

    Schon vor Social Media gab es Klatsch, Gerüchte und zweifelhafte Legenden mit großer politischer Wirkung. Mit Gerüchten begann so manche Revolte und Revolution, nicht zuletzt die Amerikanische und die Französische. Fama, mit vielen Zungen, Augen, Ohren und Flügeln, ständig die Angelegenheiten von Göttern und Sterblichen auskundschaftend, personifiziert Ruhm und Berühmtheit. Mit Flügeln und Posaune ausgestattet, lebt sie in einem Haus mit tausend Fenstern, ihre Gunst bedeutete Prominenz und ihr Zorn Skandal.

    Tratsch, in menschlichen Organisationen endemisch, markiert Möglichkeiten, Konflikte anzusprechen. Klatschgeschichten liefern einen bedeutenden Artikulationsträger, in dem erzählerische Details wichtige Hinweise auf spezifische Konflikte liefern.

    Mit den Rassenunruhen der 1920er-Jahre begannen amerikanische Untersuchungen zur Gerüchtekontrolle. Um virale Kommunikation von Gerüchteküchen zu beeinflussen, wurden im Zweiten Weltkrieg eigene Callcenter für besorgte Bürger eingerichtet. Um den sich schnell verbreitenden Munkeleien nach dem Angriff auf Pearl Harbor entgegenzuwirken, wurde in Boston eine erste Gerüchteklinik geschaffen, die eng mit Zeitungsredaktionen zusammenarbeiteten. Auch nach der Ermordung von Martin Luther King ließ das Bürgerkriegsgerede es angebracht erscheinen, Techniken der Wahrheitsprojektion einzusetzen.

    Heute haben digitale Kommunikation und regionale 24-Stunden-Kanäle diese Methoden verändert. Digitale Netzwerktechnologie vereinfacht das Verbreiten von Gerüchten, und in Krisenzeiten geht eine Legende um die Welt, lange bevor die Fakten sich gesammelt haben.

    Netzwerkmedien bieten abweichenden Weltdeutungen neue Möglichkeiten der Verbreitung. Gleichzeitig gehört die bewusste Manipulation von Netzwerkeffekten durch Data-Analyse, automatisierte Software und algorithmische Bots inzwischen zum Handwerkszeug von Interessengruppen. Diese Neuverteilung der Rollen im Prozess der Konstruktion von Wahrheit erzeugt bei traditionellen Massenmedien und vielen etablierten Hütern der Wirklichkeit tiefes Unbehagen.

    Soziale Medien, allen voran Facebook, mit vermeintlichen "Wahrheitsalgorithmen" zu den neuen Hütern der Wahrheit zu machen wäre fragwürdig. Wenn sie sich an die bestehenden Gesetze halten würden und gemeldete Verstöße auch tatsächlich löschen, wäre schon viel erreicht. Nicht erst seit Facebook wird das Publikum von Ideen und Halbwahrheiten beeinflusst, die in der Medienlandschaft regelmäßig wiederkehren. Darstellungen, die nicht massiv übernommen und reproduziert werden, sind sozial nicht existent. Medientechnologien interagieren mit dem Imaginären auch dadurch, dass eine Verfügbarkeitsheuristik Beurteilungen und Entscheidungen formt. Individuelle Realität entsteht in Übereinstimmung mit Erzählungen, die einen Bezugsrahmen in der Echokammer des Hörensagens etablieren.

    Wahrheit als Konstruktion

    Wahrheit ist immer auch eine soziale und historische Konstruktion, ein komplexes Produkt ihrer Gesellschaft, und der Begriff Objektivität hat sich im Lauf der Jahrhunderte gewandelt. Die Rechtfertigung von sozialen und kulturellen Regeln wird durch Erzählungen gestützt. Handlungen basieren auf Beschreibungen, die individuelles Verhalten durch ein dramaturgisches Repertoire beschränken.

    Die Begründung eines politischen Projekts benötigt Legenden, die plausibel genug erscheinen, um den Glauben an ihre Wirklichkeit zu festigen. Freie Handlungsräume sozialer Kommunikation zu erkämpfen verlangt grundlegende Auseinandersetzungen mit den Wirkungen und der spekulativen Anwendung von Fiktion. Die kritische Reflexion von Gebilden der Einbildungskraft bleibt eine dringend notwendige politische Praxis. (Konrad Becker, Felix Stalder, 4.1.2017)

    Konrad Becker / Felix Stalder leiten das World-Information Institute und sind Herausgeber von "Fiktion und Wirkungsmacht – Texte zur Zukunft der Kulturpolitik IV", Löcker-Verlag 2016.

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