Gewalt in Kanadas Gefängnissen drastisch gestiegen

5. Jänner 2017, 06:00
2 Postings

Zahl der Übergriffe in den vergangenen Jahren um 93 Prozent höher – Mangel an Wachpersonal

Ein Tag der Zerstörung in einem Gefängnis in Kanada, wo Gewaltakte quer durch die Nation rasant zugenommen haben. Anfang Dezember in der Stadt Prince Albert, Provinz Saskatchewan: Bis zu zweihundert Gefängnisinsassen revoltieren. Sie reißen schwere Stahlbetten von den Wänden. Schreibtische werden auf einen Haufen geworfen, um Türen zu blockieren. Die Aufständischen schlagen Fenster ein. Sie zünden Matratzen an, zertrümmern Lampen, Überwachungskameras, Kühlschränke und Mikrowellenherde. Als die Gefängniswärter endlich nach zweieinhalb Stunden die Situation unter Kontrolle haben, ist ein 43-jähriger Mann tot. Acht Insassen sind teilweise schwer verletzt, drei durch Messerstiche.

Die Verletzten "sahen aus, als hätten sie andere Gefängnisinsassen übel zugerichtet", sagte James Bloomfield von der Gefängniswärtergewerkschaft der kanadischen Zeitung "National Post".

581 Taten

Von solchen Szenen hören die Kanadier normalerweise aus Strafanstalten in den USA oder anderen Ländern. Aber jetzt können sie ihre Augen nicht mehr vor einer besorgniserregenden Tatsache verschließen: Die Gewalt in kanadischen Gefängnissen nimmt schnell und drastisch zu. In fast zehn Jahren, zwischen 2007 und 2015, stiegen Gewaltakte in kanadischen Gefängnissen um 93 Prozent, sie verdoppelten sich also beinahe von 301 auf 581 Taten. Dieser erschreckende Trend trifft flächendeckend auf Strafanstalten in dem nordamerikanischen Land zu.

Hinter der wachsenden Gewalt sehen Experten den Einfluss harter Drogen und Banden des organisierten Verbrechens wie Bikergangs, die andere Insassen angreifen. Zudem sei die traditionelle Gefängnishierarchie im Niedergang begriffen. Viele kanadische Gefängnisse haben auch zu wenig Überwachungspersonal.

Enorme Kosten durch Gewalt

Die Behörden ignorierten das Problem meist, sagt John Peach, Direktor der John Howard Society, eine Non-Profit-Organisation, die sich für eine Gefängnisreform einsetzt. Zu viele Kanadier sähen diese Gewaltakte als normalen Teil des Gefängnislebens. Was die Bürger dagegen nicht einbeziehen, sind die enormen Kosten, die Steuerzahler wegen Gerichtsklagen und langfristiger Invalidität von Insassen zu bezahlen haben.

Kürzlich konnten Kanadier ein 26 Sekunden langes Video im Internet sehen, das in einem Gerichtsfall öffentlich gemacht wurde. Auf der Aufnahme sitzt der 34-jährige Insasse Dwayne Wright, der wegen Diebstahls zu nur zwei Monaten verurteilt worden ist, in einem Gemeinschaftsraum und sieht fern. Da wird er aus dem Nichts von einem Dealer angegriffen und brutal zusammengeschlagen. Das Gefängnispersonal greift nicht ein. In dieser Strafanstalt in der ostkanadischen Stadt Halifax hat es allein in den ersten neun Monaten des Jahres 2016 einhundertelf Gewaltakte gegeben. "Es ist aber ein landesweites Problem", sagt Peach. "Wir müssen es unbedingt besser anpacken." (Bernadette Calonego aus Vancouver, 5.1.2017)

Share if you care.