Auf der Suche nach der verlorenen Utopie

Rezension4. Jänner 2017, 15:51
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Die utopische Energie der stalinistischen Heilsversprechen verschwand nicht, ist der tschechische Historiker Pavel Kolár überzeugt. Vielmehr habe sie sich gewandelt

Schon dem Wortsinn nach liegt es im Wesen der Utopie, dass sie eben nicht da ist. Auch in den sozialistischen Diktaturen Osteuropas galt sie zunächst als angestrebter Idealzustand am Ende einer vorgezeichneten gesellschaftlichen Entwicklung – der vermeintlichen Blaupause für das politische Handeln der Machthaber. Doch wohin verschwand im Wendejahr 1956 plötzlich die utopische Energie der stalinistischen Heilsversprechen?

Sie verschwand gar nicht, ist der tschechische Historiker Pavel Kolár überzeugt. Vielmehr habe sie sich gewandelt: von der radikalen Zukunftsvision zu einer, die gleichzeitig auch gegenwartsbezogen ist und Raum lässt für fragmentierte Erzählungen über die Gesellschaft im Hier und Jetzt.

Der Poststalinismus, so auch der Titel von Kolárs Buch, begann 1956 mit der Geheimrede des sowjetischen KP-Chefs Nikita Chruschtschow, in der dieser den Personenkult um Josef Stalin kritisierte. Im selben Jahr entzauberte die blutige Niederschlagung des Ungarn-Aufstands die kommunistische Ideologie, in Warschau wurde der "Polnische Oktober" zum Synonym für die Lockerung des Klimas.

Was danach folgte, ist für Kolár nicht bloß eine leere Übergangsperiode zum Spätsozialismus der 1970er- und 1980er-Jahre, sondern eine hochinteressante Phase der Umgestaltung ideologischer Vorgaben im Alltag der Bürger Osteuropas.

Als "ergiebigste Quelle" dienten dem Autor Sitzungsprotokolle von Parteiversammlungen – auf regionaler, lokaler und betrieblicher Ebene. Hier messen sich ideologische Ansprüche an der konkreten Lebensrealität, hier wird nachgefragt, gemeckert und umgedeutet: Die Kritik am Personenkult etwa, die eigentlich nur auf Josef Stalin gemünzt war, kann auch schon einmal einen Kreissekretär der Partei oder einen Fabriksdirektor in die Enge treiben. Doch Vorsicht, dieser Prozess ist ein Geben und Nehmen: Das Meckern dient auch als Ventil und gegebenenfalls als Korrektiv – und damit letztlich der Stabilisierung der Verhältnisse.

Die floskelhafte Erstarrung der politischen Sprache setzt sich für Kolár erst in den 1970ern voll durch, in der Phase der spätsozialistischen Stagnation. Im Poststalinismus hingegen habe es noch so etwas wie offene Fragen gegeben. Ihnen – und den Versuchen ihrer Beantwortung – hört Pavel Kolár sehr genau zu. (Gerald Schubert, 5.1.2017)

Pavel Kolár, "Der Poststalinismus. Ideologie und Utopie einer Epoche". € 47,00 / 370 Seiten. Böhlau-Verlag, Wien 2016

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