In acht Tagen durch Russland: Moskau – die Stadt der Schreihälse

Blog27. Jänner 2017, 07:00
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"Wenn du in Moskau lebst, musst du ständig bereit sein, Menschen anzuschreien." Die Stadt ist nur etwas für ganz Harte

Maria und ich wanderten durch graue Häuserschluchten. Mal meckerte ich, mal meckerte sie, die sich mittlerweile auch schon gut an die hohen europäischen Standards angepasst hat. Zwischendurch genossen wir die schönen Seiten der russischen Hauptstadt – gutes Essen, guten Wodka, riesige Parks wie den Gorki-Park – bis wir erneut auf den Boden der Tatsachen geholt wurden, von irgendeinem älteren Herrn oder einer Frau mittleren Alters, der/die mich oder Maria – meistens Maria, da sie das Reden übernahm – aus heiterem Himmel anzuschreien begann.

foto: apa/afp/vasily maximov
Der Zarizyno-Park ist einer der großen Parks Moskaus.

Moskau ist nur etwas für ganz Harte

Was würde mich die ständige Unfreundlichkeit dieser Stadt schon stören, wenn sie nicht alltäglich das Genießen dieser Stadt verhindern würde? Ein Beispiel: Maria und ich standen eines Morgens auf und machten uns auf den Weg, ohne an etwas Böses zu denken, den Patriarchenteich aus Bulgakows "Meister und Margarita" sowie das unweit gelegene Bulgakow-Hausmuseum zu besuchen. Ersteres klappte noch ganz gut, doch Zweiteres gestaltete sich aufgrund der groben Moskauer Art schwierig. Die Tür zum Haus stand offen, also versuchten wir – ich denke, daran ist nichts ungewöhnlich – hineinzugehen und es uns anzuschauen.

Da kam ein etwa 65-jähriger, als Wache aus der Vorkriegszeit verkleideter Mann aus dem nichts angeschossen und fing an zu schreien. Wir sollen da nicht hinein, es sei noch nicht offen, ob wir dumm seien, nicht lesen könnten et cetera. Arm war dieser Mann, denn seine blutarmen Lippen zitterten vor Aufregung, und seine blutunterlaufenen Augen deuteten die Kopfschmerzen an, welche er aufgrund des vortägigen Saufabenteuers gehabt haben musste. Ich denke nicht, dass er uns anschreien wollte, das verrieten seine Augen, aber er hatte es nicht anders gelernt, und er lebt in einer Stadt, in der es eben normal ist, sich gegenseitig anzuschreien, wie es normal ist, Luft zu holen. "In Moskau ist es nun mal so", sagte Lena. "Wenn du hier lebst, musst du ständig bereit sein zurückzuschreien, dann ist die Sache aber im nächsten Moment auch schon wieder gegessen."

Schwanensee

Stilgerecht besuchten wir an unserem letzten Abend in Moskau das Ballett, die Neue Oper, nicht das sagenumwobene Bolschoi, doch auch die B-Liga spielte grandios, hüpfte sich die Füße wund, ohne eine Miene zu verziehen. Aufgrund einer mangelhaften Zeitplanung unsererseits mussten wir das Stück bereits in der letzten Pause verlassen, sonst hätten wir unseren Nachtzug nach Lipezk nicht mehr erwischt. Schön blöd, denn bis heute wissen wir nicht, welches der vier Alternativenden des "Schwanensees" die Neue Oper ihren Gästen präsentiert, doch besonders viel machte uns das nicht, denn wir stolperten von einem Stück ins nächste, tauschten die glatt polierten Bretter, welche die Welt bedeuten, gegen die Szenerie eines Nachtzugs.

foto: reuters/grigory dukor
Eine Vorstellung von "Schwanensee" gehört zu einem Russland-Besuch einfach dazu.

Die knapp 500 Kilometer lange Überfahrt von Moskau nach Lipezk gestaltete sich anders als entsprechende Nachtfahrten mit der ÖBB oder der DB. Zunächst einmal wirkt die Großräumigkeit der russischen Abteile etwas irritierend, denn es gibt keine Sechser oder Vierer, sondern ein Waggon ist als ein Riesenabteil zu nehmen. Keine Türen, nur Betten in zwei Reihen – ein interessantes Konzept. So kommt man nicht nur in den Genuss einer möglichst großen Anzahl an unbestimmbaren Gerüchen, sondern ebenfalls auf den eines mehrstimmigen Schnarchkonzerts. Gleich nach dem Einstieg – es war kurz vor Mitternacht – stürzten sich die Passagiere auf ihre Betten, bezogen die Liegefläche mit einem Laken, Kissen und Decken mit Bezügen.

Alles hierfür Notwendige fand jeder Gast in einem Plastiksackerl auf seinem Bett. Wenn man verstand, wie das alles ablief, stand einer strikt durchorganisierten Ordnung nichts mehr im Wege. Jeder wusste, was zu tun war, man kam sich nicht in die Quere, die Schlangen zum Klo waren sortiert; jeder wollte noch schnell seine Zähne putzen, bevor er ins Bett stieg. Ich liebe Zugfahrten jeglicher Art, und diese war eine besondere. Als die Erwachsenen alle bereits schliefen oder zumindest versuchten zu schlafen, liefen die Kinder noch herum, tratschten leise, spielten Karten. Draußen verschlang die finstere russische Nacht die wuchernde Natur, und nur ab und zu deuteten irgendwo am Horizont ein paar Lichter ein kleines Dörfchen an. (Markus Szaszka, 27.1.2017)

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