50 Ex-Mitarbeiter gründen "Anti-Apple": Offen und demokratisch

5. Februar 2017, 09:42
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Pearl Automation will Apple-Niveau ohne Geheimniskrämerei und strenges Management erreichen

Hochwertige Produkte, strikte Geheimniskrämerei und nur selten überraschende Innovationen: So wird Apple in der IT-Branche gemeinhin gesehen – auch unter den eigenen Mitarbeitern. Fünfzig ehemalige Apple-Angestellte arbeiten nun beim Start-Up Pearl Automation daran, alles anders zu machen. Fast alles: Die Produkte des Unternehmens – Hightech-Accessoires für Autos – sollen ein ähnlich hohes Niveau wie iPods, iPhones und iPads erreichen. Doch in den Punkten Geheimhaltung, Management-Stil und Weiterentwicklung der eigenen Produkte wird der einstige Arbeitgeber als Negativbeispiel gesehen.

Geheimhaltung ohne Geheimnisse zu kennen

Seit wenigen Monaten bei Pearl Automation ist beispielsweise Brian Latimer, der früher bei Apple dafür zuständig war, in Entwicklung befindliche Produkte geheim zu halten. Latimer musste beispielsweise ein System erfinden, um den Aufenthaltsort von Prototypen zu ermitteln und diese im Notfall zu zerstören – Auslöser war ein Zwischenfall 2010, als ein Apple-Mitarbeiter ein iPhone 4-Testgerät in einer Bar vergessen hatte. Kafkaesk an Latimers Job war, dass er meistens die Geheimnisse, die er schützen musste, selbst nicht kannte. "Es fühlt sich sehr befreiend an, zu wissen, was passiert", sagt er nun zur New York Times. Bei Pearl gelte laut Latimer die Devise, dass "jeder mitarbeitet, und daher jeder wissen muss, was passiert."

Dass es Pearl gelungen ist, fünfzig seiner mittlerweile achtzig Mitarbeiter von Apple abzuwerben, zeigt für Mitbegründer Brian Sander, dass viele Apple-Angestellte trotz ihrer guten Bezahlung "mehr" wollen. Der IT-Gigant sei vor allem damit beschäftigt, seine aktuellen Produkte leicht zu verbessern, um sie rechtzeitig für das nächste jährliche Update als neues Modell präsentieren zu können. Aufregende Innovationen seien bei Apple Fehlanzeige, klagen ehemalige Mitarbeiter.

Konsequenzen für Apple

Ein Beispiel dafür – das auch zeigt, welche Probleme Apple dadurch entstehen – ist Smart-Home-Hersteller Nest, der vor über zwei Jahren für 3,2 Milliarden Dollar von Google gekauft worden ist. Entstanden war Nest als Projekt ehemaliger Apple-Mitarbeiter. Deren Arbeitgeber hatte ihnen einst mitgeteilt, "kein Interesse" an smarten Thermostaten zu haben. Daraufhin machten sie sich selbstständig. Mittlerweile gilt das Smart Home auch für Apple als eines der wichtigsten Geschäftsfelder. "Bei Apple geht es vor allem um die Frage: 'Wie können wir unser nächstes iPhone zu Weihnachten herausbringen'", erklärt Nest-Gründer Matt Rogers gegenüber der New York Times.

Apple wünscht "viel Erfolg"

Mittlerweile ist auch Rogers – der auch mit Nests aktuellem Eigentümer Google keine besonders guten Erfahrungen machte – bei Pearl an Bord. Die Verkaufszahlen von Pearls erstem Produkt sind noch mäßig: Dabei handelt es sich um eine 500 Dollar teure Kamera, die als "smarter Rückspiegel" bei Autos dienen soll. Aber die Pearl-Chefetage ist sicher, in den nächsten Jahren erfolgreicher zu sein. Denn – und das hat man sich von Apple abgesehen – wichtig sei eine "langjährige Strategie". Der Ex-Arbeitgeber ist dem Projekt übrigens wohlgesinnt – auch, weil Pearls Produkte iPhones unterstützen. "Pearl ist ein gutes Beispiel für Kreativität und Innovationen im iPhone-Ökosystem. Wir wünschen ihnen viel Erfolg", sagte ein Apple-Sprecher. (red, 4.1.2016)

  • Pearl Automation will das Gegenteil von Apples Unternehmenskultur sein.
    foto: reuters/mike segar

    Pearl Automation will das Gegenteil von Apples Unternehmenskultur sein.

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