Wie dumm Hühner wirklich sind

3. Jänner 2017, 18:51
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Während Raben und Papageien als Intelligenzbestien gelten, werden Haushühner für eher blöd gehalten. Eine US-Biologin bricht nun eine Lanze für die domestizierten Vögel

Atlanta/Wien – Der deutsche Psychologe Erich Rudolf Jaensch war in der Zwischenkriegszeit einer der einflussreichsten Vertreter seines Faches. Der Nationalsozialist, der Ende der 1930er-Jahre ein wichtiger Förderer von Konrad Lorenz war, forschte auch an Tieren. Sein bevorzugtes Studienobjekt war das Haushuhn, das "zum Vergleich mit dem Menschen bestens geeignet sei", wie er 1939 in einer Studie schrieb.

Diese Untersuchung trug den Titel "Der Hühnerhof als Forschungs- und Aufklärungsmittel in menschlichen Rassenfragen", erschien damals in der von Lorenz redigierten "Zeitschrift für Tierpsychologie" und gilt als besonders gutes Beispiel einer von NS-Ideologie verblendeten Forschung. Jaensch beschäftigte sich nämlich vor allem mit den Rassenmerkmalen den "Nord- und Südformen" der Hühner, die seiner Ansicht nach ganz ähnliche Unterschiede aufweisen würden wie die "Nord- und Südformen" des Menschen.

Wenig Interesse an Hühnern

Ob es nun auch an Jaenschs wissenschaftlichen Irrungen oder am Forschungsobjekt selbst lag: Das Haushuhn blieb in den vergangenen Jahren von der kleinen ornithologischen Revolution in der Kognitionsforschung ausgenommen: Während Forscher vor allem an Papageien und Rabenvögeln zeigten, welche Intelligenzbestien Vögel sein können, hat man sich für das Haushuhn wenig interessiert. Was die Frage aufwirft, ob Hühner wirklich so dumm sind – oder ob es nur an einschlägiger Forschung mangelt.

Die US-amerikanische Verhaltens- und Neurobiologin Lori Marino legt nun in einem Überblicksaufsatz im Fachblatt "Animal Cognition" nahe, dass man die Dummheit der Hühner bislang überschätzt habe: "Hühner sind nicht so ahnungslos, wie man gemeinhin denkt", sagt die Forscherin und Tieraktivistin, die vor allem über die als sehr klug geltenden Delfine gearbeitet hat.

Ausgeprägter Sinn für Zahlen

Laut Marino, die Jaenschs Arbeiten freilich nicht zitiert, haben Hühner unterschiedliche Persönlichkeiten. Sie können ihre Artgenossen austricksen und sogar deduktiv schließen – eine Fähigkeit, die Menschen im Normalfall erst im Alter von sieben Jahren entwickeln. Zudem hätten die wenigen existierenden Studien gezeigt, dass Hühner einen Sinn für Zahlen haben: So hätten Experimente mit frisch geschlüpften Hühnerküken gezeigt, dass sie zwischen Mengen unterscheiden können.

Die angeblich dummen Hühner besitzen auch Selbstkontrolle – insbesondere, wenn es darum geht, eine noch bessere Nahrung zu erhalten. Zudem sind sie nach den Recherchen Marinos auch in der Lage, ihre Stellung in der Hackordnung selbst zu beurteilen. Diese beiden Merkmale würden auf so etwas wie Selbstbewusstsein hinweisen.

Mehr Hühnerpsychologie!

Beeindruckend ist für Marino, die von der Forschung (an der Emory University) in Richtung Tierethik und Aktivismus (am Kimmela Center und für das Someone Project) wechselte, aber auch die Kommunikation der Hühner: Die domestizierten Vögel sind zu mindestens 24 verschiedenen Vokalisierungen fähig und können diese auch zielgerichtet einsetzen – etwa, um vor Feinden zu warnen.

Alles in allem ist Marino überzeugt, dass Haushühner weitaus klüger sind als ihr Ruf vermuten lässt und fordert zu weiteren Untersuchungen in Sachen Hühnerpsychologie auf. Anders als Jaensch hat Marino dabei eine unterstützenswerte Hidden Agenda: In den USA werden aus den klugen Vögeln jährlich knapp 20 Millionen Tonnen Fleisch gemacht. (tasch, 3.1.2017)

  • Der erste Eindruck täuscht: Haushühner sind weitaus intelligentere Lebewesen als gemeinhin angenommen. Sie können zählen, deduktiv schließen und verfügen über eine Art Selbstbewusstsein.
    farm sanctuary

    Der erste Eindruck täuscht: Haushühner sind weitaus intelligentere Lebewesen als gemeinhin angenommen. Sie können zählen, deduktiv schließen und verfügen über eine Art Selbstbewusstsein.

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