Türkischer Premier ruft zu Geschlossenheit auf

3. Jänner 2017, 18:06
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Drei Tage nach dem Anschlag auf den Istanbuler Nobelnachtklub Reina ist das Profil des mutmaßlichen Attentäters klarer

Ankara/Athen – Ein rhetorisches Talent ist er nun eben nicht, anders als sein Auftraggeber und Mentor Tayyip Erdoğan. Doch als sich der türkische Ministerpräsident Binali Yıldırım am Dienstag mit seiner langsamen Brummelstimme durch die wöchentliche Ansprache vor der Parlamentsfraktion der Regierungspartei schleppt, von gravitätischen Pausen markiert und wie immer live übertragen auf allen Kanälen, da wird schnell klar: Präsident und Regierung lassen in der Stunde der Not die Muskeln spielen. Nach dem neuerlichen Terroranschlag in Istanbul demonstriert die politische Führung Entschlossenheit.

Noch am Dienstag billigte das Parlament in Ankara die weitere Verlängerung des Ausnahmezustands um drei Monate. Noch ein weiterer Abgeordneter der prokurdischen Minderheitenpartei HDP wird festgenommen; Ermittlungen wegen Terrorverdachts laufen gegen ihn. Und für nächsten Montag ist nun die Abstimmung über die Erdoğan-Verfassung angesetzt. Die geplante Einführung einer Präsidialherrschaft ohne Ministerpräsident und mit geschwächtem Parlament muss dann noch im Frühjahr vom Volk in einem Referendum angenommen werden. Yıldırım liefert für alles ein Argument.

Trotzige Worte

Kein Land der Welt stehe in diesem Augenblick gleichzeitig im Kampf gegen so viele Terrororganisationen, sagt Yıldırım vor seinen Abgeordneten. Trotzig erklärt er: "Im Angesicht dieser niederträchtigen Angriffe werden wir als Nation noch stärker zusammengeschlossen."

Nach Yıldırım ist die Reihe am Innenminister. Süleyman Soylu verteidigt im Parlamentsplenum seine Bilanz angesichts der Terrorserie im Land, die nicht enden will. Die Zahlen purzeln während seiner Rede – festgenommene Gülenisten, die den Staat unterwandert haben sollen, getötete Terroristen der PKK, vereitelte Anschläge der Islamisten der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). 339 "gravierende Fälle" haben Polizei und Geheimdienst im vergangenen Jahr verhindert, sagt Soylu. Fast jeden Tag einen Terroranschlag.

Während der Minister im Plenum spricht, läuft draußen mit Hochdruck die Fahndung nach dem Attentäter. Iakhe Maschrapow heißt er. Die Polizei machte am Morgen den Namen des 28 Jahre alten kirgisischen Staatsbürgers öffentlich. Maschrapow, offenkundig ein Mitglied de IS, erschoss in der Neujahrsnacht kaltblütig 39 Menschen im Istanbuler Nachtklub Reina. 32 Verletzte wurden am Dienstag noch in Krankenhäusern behandelt. Seinen Pass ließ der Terrorist aus Zentralasien in einer Jacke am Tatort zurück. Panik oder ein Zeichen des Hochmuts gegenüber den Fahndern?

Hausbewohner erkennen schnell den Kirgisen und melden sich bei der Polizei, als am Montag die ersten klareren Porträtaufnahmen verbreitet werden. Ein "Uygur Türkü" sei er, so heißt es zunächst, ein Angehöriger der turkstämmigen Minderheit der Uiguren aus der chinesischen Provinz Xinjiang. Die Polizei macht nach Hinweisen die Wohnung des mutmaßlichen Attentäters Maschrapow ausfindig und nimmt gleich die Familie zum Verhör mit.

Eine Wohnung in Konya

Am 20. November sollen die Maschrapows aus Kirgistan kommend auf dem Flughafen in Istanbul gelandet sein. Zwei Tage später, so sagt die Ehefrau aus, fährt die Familie – die Eheleute und zwei Kinder – nach Konya, in eine erzkonservative Großstadt in Zentralanatolien, und mietet eine Wohnung an. Iakhe Maschrapow wollte dort angeblich Arbeit finden. Sie habe nicht gewusst, dass ihr Mann beim IS sei, gibt die Frau bei der Vernehmung an.

Am 29. Dezember fährt der Kirgise im Autobus nach Istanbul. Eine IS-Zelle im Stadtviertel Zeytinburnu, im Westen Istanbuls, hilft ihm weiter, wie zuvor schon ein Netzwerk der Terrormiliz in Konya. Zwölf lokale Verbindungen soll der Attentäter mit dem Telefon eines Taxifahrers in Istanbul gewählt haben. Für die Polizei ergibt das ein Netz von Kontakten. 16 Verdächtige nimmt sie fest, zwei davon am Atatürk-Flughafen in Istanbul. Doch Iakhe Maschrapow bleibt weiter verschwunden. (Markus Bernath, 3.1.2017)

  • Der 23-Jährige Yunus Görmek wird zu Grabe getragen – ein Opfer des Attentats von Istanbul.
    foto: apa/afp/kilic

    Der 23-Jährige Yunus Görmek wird zu Grabe getragen – ein Opfer des Attentats von Istanbul.

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